Sport

Fehlendes MachtbewusstseinScholl begründet Absage

24.04.2002, 18:07 Uhr

Immer wenn ein deutscher Nationalspieler wenig elegant den Ball über den Rasen schob und das Selbstbewusstsein der Nation in Sachen Kreativität wieder einmal ganz unten war, gab es einen in Sichtweite, der den Mangel wettmachte: Mehmet Scholl.

Ausgerechnet der Münchner hat ungeachtet der eindringlichen Überredungsversuche von Team-Chef Rudi Völler der Weltmeisterschaft 2002 in Südkorea und Japan eine Absage erteilt, und zwar um seinen Körper zu kurieren. Zugleich verwahrte sich der 31-Jährige gegen den Vorwurf, die Nationalmannschaft nebst Völler in Stich gelassen zu haben.

In der "Süddeutschen Zeitung" vermittelte Scholl vielmehr ein Bild davon, was Profi-Fußball heutzutage bewirkt: "Ich habe doch alles versucht. Es ist ja keine Erkenntnis, die mir auf einmal gekommen ist. Das war ein Prozess. Diese WM lag wie eine Last auf mir, die ganze Zeit. Ich habe dafür gearbeitet, mich diszipliniert - und das Rad einfach überdreht. Der Körper hat mir Signale gesendet, und ich habe sie ignoriert. Aber du kannst deinen Körper nicht bescheißen."

Zweifellos wird jeder wenn auch hartgesottene Fußball-Fan den Dribbel-Künstler verstehen, zumal wenn man in Betracht zieht, dass Scholl, gesetzt dass es bei einer WM-Teilnahme nicht richtig liefe, wiederum allseits in der Kritik stünde.

Schade ist es trotzdem. Einerseits steht eingedenk der problematischen Situation um Sebastian Deisler nur noch Michael Ballack der so genannten Kreativ-Abteilung zur Verfügung. Andererseits wird Scholl mit gerade mal 36 Spielen im Trikot der deutschen Nationalmannschaft somit ein Fußballer bleiben, der zwar die Europameisterschaft und die Champions League gewonnen hat, jedoch nie bei einer WM dabei war.

Darüber hinaus bleibt noch ein anderer großer Wermutstropfen. Kritiker unterstellten ihm immer wieder, ihm fehle die nötige Besessenheit sowie der Wille zur Führung einer Mannschaft. Für Scholl ist das in der Tat kein unberechtigter Vorwurf: "Ich habe mich in zehn Jahren bei Bayern nicht gedrückt und tue das auch jetzt nicht. Aber dass ich diesen Anspruch auf die Macht nicht habe, das stimmt. Uli Hoeneß sagt deshalb immer zu mir: 'Du bist ein großer Spieler - aber kein ganz großer Spieler'. Dazu fehlt dir dieses Machtbewusstsein. Das fehlt mir, das gebe ich zu."

Das ist Scholls eigene Geschichte. Wie auch immer will der Freistoß-Spezialist noch eine Weile für die Bayern auflaufen. "Ich muss jetzt einfach - wenn ich überhaupt noch guten Fußball spielen möchte - auf meinen Körper hören und ihn in die bestmögliche Verfassung bringen, damit ich - eventuell - noch zwei Jahre spielen kann", erläuterte Scholl seine Zukunftspläne. Sein Vertrag in München läuft noch bis 30. Juni 2004.