Vor dem Relegations-EndspielBochum ruht, Gladbach bebt

Die Ausgangslage für die entscheidende Partie in der Relegation könnte besser sein. Doch trotz der 0:1-Niederlage im Hinspiel gegen Gladbach bewahrt man in Bochum die Ruhe - dank Friedhelm Funkel. Ganz anders in Mönchengladbach, wo bald wohl lichterloh der Baum brennt.
Friedhelm Funkel ist ein ruhiger Zeitgenosse, einer, der nicht gerne aus sich hinausgeht. Trotz seiner 1077 Einsätze im Profifußball als Spieler und Trainer hat der Rheinländer - abgesehen vom DFB-Pokalsieg 1985 als Aktiver - noch nie einen Titel gewonnen. Eine scheinbar perfekte Kombination - Funkel, der titellose Rekordhalter und der VfL Bochum, die "graue Maus" des deutschen Fußballs.
Der "ewige Funkel" ist Aufstiegsspezialist. Sechsmal hat er mit seinen jeweiligen Vereinen den Sprung ins Oberhaus geschafft. Nicht umsonst hatte ihn Bochums Sportdirektor Thomas Ernst vor dieser Saison auf dem Posten des Cheftrainers installiert, schließlich sollte der direkte Wiederaufstieg in die Bundesliga her. Doch die Saison lief zunächst anders als erwartet.
Setzen auf die Jugend
Der VfL startete miserabel in diese Spielzeit, mit dem Negativ-Höhepunkt am 13. Spieltag: Beim Heimspiel gegen den FC Ingolstadt gingen die Bochumer mit 1:4 unter. Auf dem zehnten Tabellen Platz war die Relegation bei zehn Punkten Rückstand auf Rang drei eigentlich schon abgehakt. Und Funkel schien seine Anerkennung als harter und erfolgreicher Arbeiter endgültig zu verspielen, zumal er in der Vorsaison die Hertha aus Berlin nicht vor dem Abstieg retten konnte.
Doch Funkel krempelte das Team kräftig um, "entsorgte" vermeintliche Unruhestifter wie Mergim Mavraj, Milos Maric und Dennis Grote und setzte verstärkt auf die Jugend. Und so kam es, dass junge, unverbrauchte Spieler wie Kevin Vogt, Mirkan Aydin, Matthias Ostrzolek oder Patrick Fabian den VfL in 15 ungeschlagenen Partien doch noch in die Relegation führten.
"Es bricht selten aus ihm heraus"
Die Bochumer überzeugen wie alle von Funkel trainierten Teams nicht gerade mit berauschendem Offensivfußball und Torfestivals. Sie setzen vielmehr das um, was ihr Trainer ausstrahlt: Ordnung, Sicherheit und Disziplin. Thomas Ernst weiß, was er an Funkel hat: "Ihn bringt nichts aus der Ruhe, das verschafft ihm ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit."
Auch Ernst, dem ehemaligen Torwart der Bochumer, fällt es schwer, die gegen Funkel herrschenden Vorurteile zu entkräften, zumal sie für ihn auch nicht negativ behaftet sind. Der Trainer sei schon emotional, sagt der Manager, "aber es bricht halt selten aus ihm heraus". Er sei weit davon entfernt, es Funkel zum Vorwurf zu machen, dass dieser "ein Verfechter von Ordnung im Spiel" sei. Ruhe und Ordnung – damit kann es gegen Gladbach klappen. Zumal es am Niederrhein derzeit alles andere als besonnen zugeht.
Gladbach vor stürmischen Zeiten
Für Borussia Mönchengladbach sind es die turbulentesten fünf Tage in der Vereinsgeschichte. Am Niederrhein steht nach dem Relegations-Rückspiel beim Zweitliga-Dritten die zukunftweisende Mitgliederversammlung mit dem von einer Oppositionsgruppe um Galionsfigur Stefan Effenberg geplanten Sturz der Führungscrew ins Haus. Wie aggressiv die Stimmung am Sonntag ausfällt, wird im Wesentlichen vom Ausgang der Relegation abhängen.
Vernichtende Analysen und harte Kritik nach einer verkorksten Saison werden Effenberg und der Gladbacher Ex-Profi und -Trainer Horst Köppel, der Präsident Rolf Königs beerben soll, formulieren. Der dritte Bundesliga-Abstieg würde Effenbergs "Initiative Borussia" vermutlich zusätzliche Argumente für den Putsch liefern.
Der Ex-Nationalspieler sieht sich ohnehin schon als künftiger Sportmanager und Vorstand der Geschäftsführung, der die Gladbacher zusammen mit seinem Gefolge wieder in höhere Tabellengefilde führen will. Favre versucht indes, die internen Diskussionen und Wahlkämpfe vor dem wichtigen Spiel von den Profis fernzuhalten.
Hoffen auf Reus, Bochum ohne Tese
Es mutet schon paradox und selbstzerstörerisch an, einen Verein in einer derart kritischen Situation mit revolutionären Putschversuchen stärken und sogar retten zu wollen. Der Klassenerhalt ist die Grundvoraussetzung, um Effenbergs ehrgeizige Ziele überhaupt realisieren zu können.
Dabei hofft die Borussia besonders auf Marco Reus, der im Hinspiel verletzungsbedingt ausgewechselt werden musste und dessen Einsatz noch immer fraglich ist. "Natürlich wäre das extrem bitter. Deshalb tue ich alles dafür, um dabei zu sein", gibt sich der 21-Jährige Sturmführer der Borussen zuversichtlich. Friedhelm Funkel dagegen verzichtet freiwillig auf Stürmer Chong Tese. Der Norkoreaner, mit zehn Treffern bester Bochumer Schütze in der regulären Saison, wusste im Training zuletzt nicht zu überzeugen. Für ihn nominierte Funkel Zlatko Dedic in den 18-Mann-Kader.
Vfl Bochum - Borussia Mönchengladbach, 20.30 Uhr
Bochum: Luthe - Freier, Maltritz, Yahia, Ostrzolek - Dabrowski, Johansson, Toski - Azouagh, M. Aydin, Korkmaz. Trainer: Funkel
Mönchengladbach: ter Stegen - Jantschke, Stranzl, Dante, Daems - Nordtveit, Neustädter - Reus (Matmour), Arango - Hanke, Idrissou. Trainer: Favre
Schiedsrichter: Gagelmann (Bremen)