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Was, ich? Nils Petersen scheint erstaunt, dass Schiedsrichter Tobias Stieler ihm die Gelb-Rote Karte zeigt.
Was, ich? Nils Petersen scheint erstaunt, dass Schiedsrichter Tobias Stieler ihm die Gelb-Rote Karte zeigt.(Foto: imago/Sven Simon)
Freitag, 06. April 2018

Collinas Erben sind überrascht: Bundesgericht stellt Referees vor Dilemma

Von Alex Feuerherdt

Das DFB-Bundesgericht hebt die Sperre für Freiburgs Nils Petersen nach dessen Gelb-Roter Karte auf. Damit kassierte es überraschend die Entscheidung des Sportgerichts. Für die Schiedsrichter könnte das unangenehme Folgen haben.

In den Untiefen des Internets findet sich eine amüsante Szene aus dem Videospiel "FIFA 94", das die amerikanische Firma EA Sports im Jahr 1993 auf den Markt brachte. Sie zeigt, wie ein Spieler ein Foul begeht, für das ihn der Schiedsrichter verwarnen will. Doch der Spieler läuft hakenschlagend über das gesamte Feld vor der Gelben Karte davon, und der Unparteiische versucht vergeblich, ihn einzuholen. Der Hintergrund dieser kuriosen Sequenz liegt nahe: Die Macher des Spiels gingen offenbar davon aus, dass eine Verwarnung nur dann gültig ist, wenn sie der Spieler, der sie bekommen soll, auch von Angesicht zu Angesicht wahrgenommen hat. Und dass der Referee dafür Sorge zu tragen hat.

25 Jahre später hat das DFB-Bundesgericht diese Auffassung bestätigt und die Gelbe Karte annulliert, die der Freiburger Nils Petersen am vergangenen Samstag im Spiel beim FC Schalke 04 (0:2) nach 64 Minuten wegen heftigen Reklamierens von Schiedsrichter Tobias Stieler erhalten hatte. Kurz darauf war Petersen wegen neuerlichen Protestierens mit der Gelb-Roten Karte vom Platz gestellt worden. Der SC Freiburg legte Einspruch gegen den Feldverweis ein und begründete diesen Schritt damit, sein Kapitän habe die erste Verwarnung nicht mitbekommen, weil der Unparteiische sie ihm in den Rücken gezeigt habe. Deshalb müsse die Gelb-Rote Karte zurückgenommen werden.

Dieser Argumentation schloss sich das Bundesgericht des DFB nun an und hob die Sperre gegen Petersen auf. Der Vorsitzende des Gerichts, Achim Späth, sagte: "Die erste Gelbe Karte gegen Nils Petersen in der 64. Minute wurde nicht ordnungsgemäß erteilt. Daher hat sie mangels Kundgabe auch keine Wirkung erlangt." Es sei "unstrittig, dass der Schiedsrichter den Spieler ordnungsgemäß verwarnen wollte, Nils Petersen dies aber nicht wahrgenommen hat". Damit sei die Gelbe Karte nicht rechtswirksam. "Eine solche stille Verwarnung kann keine Grundlage für einen späteren Platzverweis sein."

Sportgericht stärkt Schiedsrichter, Bundesgericht die Spieler

Damit widersprach das Bundesgericht - was eine große Seltenheit ist und damit sehr überraschend kommt - dem DFB-Sportgericht, also dem höchsten Kontrollorgan des Deutschen Fußball-Bundes. Dessen Vorsitzender Hans E. Lorenz hatte den Freiburger Einspruch am Mittwoch mit der Begründung zurückgewiesen, die Annullierung einer Gelb-Roten Karte sei nach der Rechts- und Verfahrensordnung des DFB nur "bei einem offensichtlichen Irrtum des Schiedsrichters möglich". Ein solcher ist beispielsweise gegeben, wenn der Unparteiische aufgrund einer Verwechslung den falschen Spieler bestraft oder nachweislich überhaupt kein Vergehen stattgefunden hat. "In diesem Fall", so Lorenz, "lag allerdings ein offensichtlicher Irrtum des Spielers vor, nicht ein solcher des Unparteiischen".

"Nils Petersen hat heftig reklamiert."
"Nils Petersen hat heftig reklamiert."(Foto: imago/Team 2)

Schiedsrichter Stieler hatte nach der Partie gegenüber dem "Kicker" sein Vorgehen auf dem Platz gerechtfertigt. Er sagte: "Nils Petersen hat heftig reklamiert. Ich will ihm Gelb geben, gehe auf ihn zu – und er dreht mir den Rücken zu." Daraufhin habe es aus seiner Sicht zwei Möglichkeiten gegeben: "Ich kann sagen: Drehen Sie sich um! Dann würde sich das Ganze aber zu sehr hochschaukeln. Ich habe ihm deswegen die Gelbe Karte gezeigt, dabei auf den Rücken getippt und gesagt: Gelb, Nummer 18. Es war also klar kommuniziert."

Das sah das DFB-Bundesgericht anders. Es glaubte Petersens Beteuerung, von der Verwarnung keine Kenntnis gehabt zu haben, und sprach den Spieler frei. Dass Sportgericht und Bundesgericht zu unterschiedlichen Urteilen kamen, liegt nicht zuletzt daran, dass die Fußballregeln selbst keine klare Aussage zu einem solchen Fall treffen. Dort heißt es lediglich: "Die gelbe Karte zeigt eine Verwarnung, die rote Karte einen Feldverweis an. […] Beschließt der Schiedsrichter, einen Spieler zu verwarnen oder des Feldes zu verweisen, wird das Spiel erst nach Zeigen der Karte fortgesetzt." Ob das Zeigen zwangsläufig einschließt, dass der betreffende Spieler die Karte auch sehen muss, bleibt offen. Da der Sinn einer Verwarnung allerdings nicht nur darin besteht, den Spieler zu sanktionieren, sondern auch darin, ihn zu einer fairen Spielweise aufzufordern, sollte der Delinquent sie prinzipiell wahrzunehmen haben.

Gravierende Nachteile für den Unparteiischen

Nun kommt es allerdings immer wieder vor, dass Spieler sich wegdrehen, wenn sie eine Gelbe Karte zu gewärtigen haben. Sie tun das normalerweise im Wissen, dass sie verwarnt werden - der Griff des Referees an die Brust- oder Hosentasche lässt keinen anderen Schluss zu -, weshalb ihr Verhalten eine Respektlosigkeit gegenüber dem Schiedsrichter bedeutet. Diesen stellt das vor die Frage, wie er damit umgehen soll: Die Karte in den Rücken zeigen und dabei davon ausgehen, dass der Spieler schon weiß, dass er verwarnt wird? Das ist nun keine Option mehr. Ihm hinterherlaufen, was die Gefahr eines Autoritätsverlusts mit sich bringt? Ihn herbeizitieren und ihn lautstark auffordern, sich umzudrehen, was - wie Stieler zu Recht angemerkt hat - die Situation womöglich noch aufheizt? Jede dieser Varianten hat gravierende Nachteile für den Unparteiischen.

Das Sportgericht des DFB hatte mit seinem Urteil die Schiedsrichter gestärkt und dabei faktisch die Spieler in die Verantwortung genommen. Der Beschluss des Bundesgerichts bedeutet das genaue Gegenteil. Das wird Folgen für die Praxis haben, nicht nur in der Bundesliga, sondern auch in den Amateurspielklassen. Die Unparteiischen sind nun gezwungen, eine Karte von Angesicht zu Angesicht zu präsentieren - um den Preis des Hinterherlaufens oder Herbeizitierens mit den genannten möglichen Folgen. Die Ansicht, dass eine Verwarnung, die der Betreffende nicht persönlich durch einen Blickkontakt quittiert, keine Rechtsgültigkeit hat und den Spieler außerdem nicht zu einer Änderung seines Verhaltens anhalten kann, mag grundsätzlich zwar nachvollziehbar sein. Aber sie eröffnet den Spielern auch weitere Möglichkeiten, sich dem Schiedsrichter gegenüber unsportlich zu verhalten.

Zumindest haben sie nun eine weitere Option, dem Referee ein Machtspielchen aufzuzwingen - auch dann, wenn ihnen längst klar ist, dass sie verwarnt werden sollen. Die Spieler wissen jetzt, dass es nicht mehr genügt, wenn der Schiedsrichter die Karte in die Luft hält - er muss zwingend bei ihnen persönlich vorstellig werden. Natürlich wird das nicht dazu führen, dass der Unparteiische einen Übeltäter über den gesamten Platz verfolgt wie in besagtem Videospiel. Aber es wird die Autorität der Spielleiter auch so auf eine Probe stellen, was vor allem in den Amateurligen ungute Folgen haben kann. Eine Möglichkeit hätte vielleicht darin bestehen können, die Verwarnung dem Kapitän des jeweiligen Teams mitzuteilen, wenn ein Spieler sich ihr zu entziehen versucht. Kapitäne tragen ja eine besondere Verantwortung und sollen Vorbilder sein. Was aber, wenn es der Kapitän selbst ist, der die Gelbe Karte bekommen soll - so wie es bei Nils Petersen der Fall war?

Quelle: n-tv.de