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Christian Streich hat sich - wieder einmal - nicht unter Kontrolle.
Christian Streich hat sich - wieder einmal - nicht unter Kontrolle.(Foto: imago/Jan Huebner)
Montag, 02. April 2018

"Collinas Erben" ärgern sich: Streich & Co.: Fasst euch an die eigene Nase!

Von Alex Feuerherdt

Der Freiburger Kapitän und sein Coach benehmen sich daneben - doch kritisiert wird vor allem der Schiedsrichter. Auch in Hannover ist man sauer auf den Unparteiischen. Das deutet auf ein grundlegendes Problem der Fußball-Bundesliga hin.

Wie schon beim letzten Spiel seiner Mannschaft vor der Länderspielpause war Christian Streich auch an diesem Wochenende wieder stocksauer auf den Schiedsrichter. Vor zwei Wochen hatte sich der Trainer des SC Freiburg ausgiebig über die Anerkennung des Stuttgarter Siegtreffers echauffiert, dem aus seiner Sicht ein strafbares Abseits vorausgegangen war. Nun brachte ihn der Feldverweis, den der Unparteiische Tobias Stieler im Spiel der Breisgauer beim FC Schalke 04 nach 66 Minuten gegen seinen Kapitän Nils Petersen aussprach, auf die Palme. Und das so sehr, dass ihn der Referee kurzerhand auf die Tribüne schickte.

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Petersen hatte zunächst ausdauernd gegen die Elfmeterentscheidung protestiert, die die Schalker zum 1:0 nutzten, und war deshalb von Stieler verwarnt worden. Nur wenige Augenblicke später beschwerte sich der 29-Jährige erneut vehement beim Schiedsrichter und sah dafür die Gelb-Rote Karte. So weit, so unspektakulär. Doch nach dem Spiel gab ein mühsam beherrschter Streich zu Protokoll, sein Kapitän habe die erste Gelbe Karte gar nicht mitbekommen und deshalb nicht gewusst, dass er verwarnt wurde. Deshalb müsse der Platzverweis annulliert werden, alles andere sei "absurd". Denn: "Wenn ein Schiedsrichter eine Gelbe Karte gibt und der Spieler kann sie nicht sehen und nicht wahrnehmen, dann hat er ja keine Gelbe Karte gekriegt. Wie soll er dann denken, er hätte eine? Die zweite war also die erste."

Tatsächlich hatte der Unparteiische dem Freiburger die Verwarnung in den Rücken gezeigt. Wie es dazu kam, schilderte er gegenüber dem "Kicker" so: "Nils Petersen hat heftig reklamiert. Ich will ihm Gelb geben, gehe auf ihn zu - und er dreht mir den Rücken zu." Daraufhin habe es zwei Möglichkeiten gegeben: "Ich kann sagen: ‚Drehen Sie sich um!‘ Dann würde sich das Ganze aber zu sehr hochschaukeln. Ich habe ihm deswegen die Gelbe Karte gezeigt, dabei auf den Rücken getippt und gesagt: ‚Gelb, Nummer 18.‘ Es war also klar kommuniziert." Die Fernsehbilder lassen die Darstellung des Referees glaubwürdig erscheinen. Auch wenn Petersen die Karte selbst nicht gesehen hat, ist es unwahrscheinlich, dass er keine Notiz von seiner Verwarnung genommen hat, zumal sie sich deutlich anbahnte und Stieler in unmittelbarer Hörweite war.

Was ging in Petersen und Streich vor?

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Dass nach dem Spiel mehr über den Schiedsrichter gesprochen wurde als über den Kapitän und den Trainer des SC Freiburg, ist jedenfalls fragwürdig. Natürlich kann man das Vorgehen des Referees beim Zeigen der Gelben Karte unglücklich oder gar falsch finden und bei der Gelb-Roten Karte darauf verweisen, dass Nils Petersen sonst einer der fairsten Bundesligaspieler ist. Aber das geht am eigentlichen Problem vorbei. Man hat sich schon viel zu sehr an die schlechte Normalität der ständigen Meckereien, Reklamationen und Proteste gegen die Schiedsrichter im Fußball gewöhnt und ist deshalb überrascht, wenn plötzlich einer die Reißleine zieht und konsequent ein Verhalten sanktioniert, das in anderen Sportarten ohnehin nicht als Folklore angesehen wird, sondern als peinlicher Verstoß gegen die Prinzipien des Fairplay.

Zu fragen wäre also: Mit welchem Recht geht eigentlich ein Spieler, der als Kapitän auch noch eine Vorbildfunktion hat, den Referee hartnäckig wegen einer Entscheidung an, die im Übrigen völlig berechtigt war und zusätzlich vom Video-Assistenten bestätigt wurde? Was geht im Kopf eines Trainers vor, der nicht zum ersten Mal mit hassverzerrtem Gesicht den - bewundernswert ruhig bleibenden - Schiedsrichter anschreit und von mehreren Leuten davon abgehalten werden muss, dem Unparteiischen körperlich noch näher zu kommen? Was denkt sich dieser Coach dabei, wenn er sich in der anschließenden Pressekonferenz auch noch als Opfer des Referees inszeniert und die Rücknahme eines Platzverweises fordert, den sein Spieler problemlos dadurch hätte vermeiden können, dass er den Mund hält? Ob den Herren klar ist, welches Signal sie an den Amateur- und Jugendfußball senden, wo sich die ehrenamtlich tätigen Schiedsrichter unweigerlich mit den Nachahmungseffekten herumschlagen müssen?

Breitenreiter mit irritierenden Regelschwächen

Auch André Breitenreiter, der Trainer von Hannover 96, kritisierte nach dem Spiel seines Teams gegen RB Leipzig (2:3) den Unparteiischen - und offenbarte dabei irritierende Schwächen in puncto Regelkenntnis. Beim nicht anerkannten Hannoveraner Ausgleichstreffer zum 3:3 habe sich der Torschütze Niclas Füllkrug nicht im Abseits befunden, glaubte er. Denn der Ellenbogen des Leipzigers Yussuf Poulsen sei "auf gleicher Höhe mit dem Fuß von Füllkrug" gewesen. Allerdings heißt es in der Regel 11 in Bezug auf die Frage, mit welchen Körperteilen sich ein Angreifer im Abseits befinden - oder ein Abwehrspieler ein Abseits aufheben - kann, klipp und klar: "Die Hände und Arme aller Spieler, einschließlich der Torhüter, werden nicht berücksichtigt." Das ist keineswegs neu und sollte dem Coach eines Bundesligisten bekannt sein. Vor allem, wenn dieser es für nötig hält, den Schiedsrichter in dessen Metier zu belehren.

Lewandowskis Führungstor zählt.
Lewandowskis Führungstor zählt.(Foto: imago/ActionPictures)

Referee Guido Winkmann lag jedenfalls richtig, als er das Tor mit Unterstützung des Video-Assistenten annullierte. Dabei war Füllkrugs Abseitsstellung äußerst knapp und deshalb ohne Hilfslinien - die den Helfern in der Kölner Videozentrale bekanntlich weiterhin nicht zur Verfügung stehen - kaum eindeutig zu erkennen. Dass der Treffer zurückgenommen wurde, überraschte daher nicht nur die Hannoveraner. Denn eigentlich sollen die Video-Assistenten nicht intervenieren, wenn ein strafbares Abseits im Zuge einer Torerzielung nicht zweifelsfrei festzustellen ist. Aus diesem Grund behielt beispielsweise das Führungstor, das Robert Lewandowski am Samstagabend beim 6:0-Sieg des FC Bayern München gegen Borussia Dortmund erzielte, seine Gültigkeit. Ein Abseitsverdacht lag zwar auf der Hand, ließ sich aber nach Auffassung des Video-Assistenten nicht klar beweisen.

Hannovers Manager Horst Heldt beklagt nun das aus seiner Sicht unberechenbare Vorgehen der Helfer an den Monitoren in solchen Situationen. "Einmal so, einmal so - das geht nicht und ist ein großes Ärgernis", findet er. An den DFB und die DFL hat Hannover 96 jetzt einen Brief geschickt, in dem der Klub um eine Erklärung zu seiner Meinung nach zweifelhaften oder gar falschen Entscheidungen des Schiedsrichters und des Video-Assistenten in der Partie gegen Leipzig bittet. "Wir fühlen uns benachteiligt", suchte Heldt die Schuld für die erneute Niederlage vor allem beim Spielleiter. "Der Videobeweis ist bisweilen ein gutes Hilfsmittel, aber so ist er für uns nicht mehr akzeptabel."

Warum Video-Assistenten in ähnlichen Szenen unterschiedlich vorgehen

Tatsächlich mutet es auf den ersten Blick unverständlich an, dass der Video-Assistent bei Lewandowskis Tor nicht eingriff, bei Füllkrugs Treffer dagegen schon. Bei näherem Hinsehen stößt man aber auf zwei zumindest nachvollziehbare Gründe. Zum einen spielen die Kameraeinstellungen eine wesentliche Rolle. Szenen in Tornähe werden von den Strafraum- und den Torlinienkameras in einem günstigen Winkel erfasst, Szenen zwischen den Strafräumen hauptsächlich von der Führungskamera aufgenommen, die einen entsprechend großen Raum abdeckt. Das führt dazu, dass manche Bereiche auf dem Spielfeld, vor allem die Zonen etwa 25 bis 40 Meter vor dem jeweiligen Tor, nur in relativ stark verzerrter Perspektive gezeigt werden können. Wenn der vorletzte Abwehrspieler dann noch vom Körper des womöglich im Abseits befindlichen Angreifers ganz oder teilweise verdeckt wird, erschwert das ein Urteil zusätzlich.

Deshalb war die geprüfte Szene in Hannover, wo Füllkrug sich rund zwölf Meter vor dem Tor befand, besser zu beurteilen als jene in München, bei der Lewandowski etwa 25 Meter vor dem Tor angespielt wurde und der Dortmunder Verteidiger Manuel Akanji zudem hinter dem Bayern-Stürmer verschwand. Der zweite Grund für die unterschiedlichen Entscheidungen ist ein menschlicher: Auch wenn es bei Abseitsstellungen theoretisch keine Grauzone gibt, existiert durch das Fehlen genormter Linien und die perspektivische Verzerrung ein Interpretationsspielraum, den nicht jeder Video-Assistent auf die gleiche Weise nutzt. Das heißt: Wo der eine sich sicher ist, hat ein anderer womöglich Zweifel. Da ist es vor dem Bildschirm nicht anders als auf dem Feld. Denn die Bilder sind eben längst nicht immer eindeutig, und deshalb ist es auch nicht möglich, zu einer völlig einheitlichen Auslegung zu kommen.

Mit kalibrierten Linien oder zusätzlichen mobilen Abseitskameras, wie sie der Fifa zufolge bei der Weltmeisterschaft eingesetzt werden, kann man das Problem zwar verkleinern. Aber vollständig lösen wird man es dadurch auch nicht, schon weil die Aufnahmen nur zweidimensional sind und eine am Boden gezogene Linie beispielsweise einen vorgeneigten Oberkörper nicht exakt zu erfassen vermag. Außerdem wird es dort, wo Menschen Bilder deuten müssen, immer zu unterschiedlichen Interpretationen kommen können. Das hat nichts mit Willkür zu tun, wie gerade wieder verschiedentlich behauptet wird. Es ist schlichtweg unvermeidlich.

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Quelle: n-tv.de