Collinas Erben

"Collinas Erben" ziehen Grenzen Die Verzweiflung mit der "T-Shirt-Linie"

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Die Mainzer müssen einen Elfmeter hinnehmen, weil der Bizeps nun mal unterhalb der virtuellen "T-Shirt-Linie" liegt. Bei Hertha BSC ist man unterdessen nicht gut auf den Schiedsrichter zu sprechen - genauso wie eine Liga tiefer in Darmstadt. Doch die Dinge sind kompliziert.

Als in der Partie zwischen dem 1. FSV Mainz 05 und Borussia Mönchengladbach (2:3) noch rund eine Viertelstunde zu spielen war und die Gastgeber sich bei einer 2:1-Führung berechtigte Hoffnungen auf den ersten Saisonsieg machen konnten, sorgte ein Pfiff von Schiedsrichter Frank Willenborg für Ernüchterung. Denn der Unparteiische entschied auf Strafstoß für die Gladbacher, weil er ein Handspiel von Moussa Niakhaté wahrgenommen und es als strafbar bewertet hatte. Eine Gelbe Karte für den Mainzer gab's obendrauf. Wie immer nützten alle Proteste nichts, und Video-Assistent Sascha Stegemann hatte keine Einwände.

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Elfmeter? Berechtigt!

(Foto: imago images/Jan Huebner)

So mancher Fernsehexperte und auch der eine oder andere Beobachter fragten jedoch: Gab es da zu Saisonbeginn nicht eine Änderung im Regelwerk, der zufolge es nun in keinem Fall mehr strafbar ist, wenn der Ball mit dem oberen Teil des Arms berührt oder gespielt wird? Hatten die obersten Regelhüter in diesem Zusammenhang nicht die sogenannte T-Shirt-Linie als Grenze eingeführt? Und hatte Niakhaté den Ball nach dem Torschuss von Marcus Thuram nicht mit jenem oberen Bereich des Arms abgeblockt, der in den Fußballregeln in einer Grafik grün gekennzeichnet ist, im Unterschied zum Rest des Armes, der rot eingefärbt wurde, wie um auf eine Verbotszone hinzuweisen?

Unterhalb der "T-Shirt-Linie"

Tatsächlich geht es dem für die Regeln zuständigen International Football Association Board (Ifab) darum, den Arm deutlicher als bisher von der Schulter abzugrenzen. Deshalb hat das Gremium vor der Saison festgelegt: Der Bereich, der sich bei angelegtem Arm oberhalb der Achselhöhle befindet - diese bildet also die Grenze -, wird regeltechnisch nicht mehr zum Arm gerechnet. Kommt es dort zu einem Kontakt mit dem Ball, liegt somit in keinem Fall ein Handspiel vor. Der häufig verwendete Begriff "T-Shirt-Linie" ist gleichwohl kein offizieller Terminus, sondern dient lediglich zur Orientierung, wo die besagte Grenze verläuft. Die Linie ist nur eine gedachte, also keine, die etwas mit der tatsächlichen Ärmelgrenze eines Trikots zu tun hat und damit unterschiedlich verläuft.

Da ein Fußball recht groß ist, kann es vorkommen, dass er mit einem Teil oberhalb der Grenze zwischen Arm und Schulter auftrifft und mit dem anderen darunter. Dann muss der Schiedsrichter nach seinem Ermessen beurteilen, ob ein Handspiel vorliegt oder nicht. Der Mainzer Moussa Niakhaté spielte den Ball aber, wenn nicht alles täuscht, mit dem Bizeps und jedenfalls nicht mit jenem Part, den das Regelwerk nun als Teil der Schulter betrachtet. Da er außerdem mit deutlich vom Körper abstehendem Arm zum Ball sprang, lag regeltechnisch eine Vergrößerung der Körperfläche vor. Damit war die Strafstoßentscheidung richtig - und die Gelbe Karte ebenfalls, weil ein Torschuss blockiert wurde.

Hertha fühlt sich von Stieler benachteiligt

Alex Feuerherdt ...

... ist freier Publizist und Lektor und lebt in Köln. Er betreibt den Blog "Lizas Welt" und ist am Podcast "Collinas Erben" beteiligt, schreibt eine Schiedsrichterkolumne für n-tv.de und zudem für Zeitungen und Zeitschriften, vorwiegend zu den Themen Antisemitismus, Nahost und Fußball.

Derweil haderten in und nach der Begegnung von RB Leipzig gegen Hertha BSC (2:1) die Gäste mit Referee Tobias Stieler. Dieser habe sich zu sehr in den Vordergrund gestellt, fand Manager Michael Preetz, der erklärte, man fühle sich vor allem bei "den vielen kleinen und engen Entscheidungen wirklich benachteiligt". Trainer Bruno Labbadia wollte sich nach dem Abpfiff hingegen nicht mehr äußern, nachdem ihm Stieler während der Partie wegen einer lautstarken Beschwerde die Gelbe Karte gezeigt hatte. Torwart Alexander Schwolow wiederum stieß ins gleiche Horn wie Preetz: "Kaputt gemacht" habe der Unparteiische das Spiel, sagte er.

Das sind heftige Anwürfe, auch wenn man zweifellos in Rechnung stellen muss, dass sie unter Adrenalineinfluss formuliert wurden. Nüchtern betrachtet gab es mehrere knifflige Situationen, in denen der Schiedsrichter jeweils für die Hausherren entschied, die erste davon trug sich schon kurz nach dem Anpfiff zu: Als Willi Orban im eigenen Strafraum am Trikot des Herthaners Dodi Lukebakio zog und dessen Torschuss dadurch deutlich beeinträchtigte, gab es keinen Strafstoß - wohl nicht zuletzt deshalb, weil der Berliner Angreifer letztlich auf den Beinen blieb und zum Abschluss kam. Ein Elfmeter wäre gleichwohl mehr als vertretbar gewesen. Oft genug entwickeln sich Spiele, die mit solchen grenzwertigen und für den Referee unangenehmen Szenen beginnen, zu Schwerstarbeit für den Schiedsrichter.

So war es auch in diesem Fall, wobei Tobias Stieler in den spielentscheidenden Situationen richtig lag: Die Gelb-Rote Karte gegen Deyovaisio Zeefuik nur viereinhalb Minuten nach dessen Einwechslung zu Beginn der zweiten Hälfte war korrekt, weil der Berliner auf ein rücksichtsloses Foul ein taktisches folgen ließ. Auch der Elfmeterpfiff für Leipzig in der 75. Minute nach einem recht ungeschickten Foul des zurückgeeilten Hertha-Angreifers Jhon Cordoba an Willi Orban ging in Ordnung. Der Feldverweis gegen den eingewechselten Herthaner Jessic Ngankam in der Nachspielzeit hingegen ließ sich nicht rechtfertigen, weil dessen Foul an Angelino keineswegs übermäßig hart oder gar brutal war. Das sah auch Video-Assistent Robert Hartmann so, der dem Referee deshalb ein Review empfahl. Stieler verweilte nur kurz am Monitor, dann wandelte er die Rote Karte richtigerweise in eine Gelbe um.

Spätes Glück für St. Pauli: einfach durchgezogen

In der Zweiten Liga gab es ebenfalls hitzige Debatten über eine Entscheidung, die Schiedsrichter Marco Fritz in der Nachspielzeit der Begegnung zwischen dem SV Darmstadt 98 und dem FC St. Pauli (2:2) nach einer Intervention des VAR traf. Beim Stand von 2:1 für die Gastgeber war Lukas Daschner im Darmstädter Strafraum in Ballbesitz gekommen, hatte die Kugel im Zweikampf jedoch gleich wieder verloren. Nach einer Körperdrehung versuchte er mit einem Ausfallschritt, wieder an den Ball zu kommen, den der Darmstädter Adrian Stanilewicz gerade aus dem Strafraum schlagen wollte. Er hatte bereits zum Schuss ausgeholt, als Daschner sein Bein zwischen die Kugel und den Fuß des Gegners brachte.

Stanilewicz konnte die Schussbewegung nicht mehr abbrechen und zog folgerichtig durch. Dabei traf er nicht den Ball, sondern mit voller Wucht Daschner, bevor schließlich ein Mitspieler klären konnte. Referee Fritz ließ zunächst weiterspielen, doch der Video-Assistent griff ein - und der Unparteiische entschied nach dem Review auf Elfmeter. Zu Recht, wie auf dem neuen, offiziellen Twitter-Account der DFB-Schiedsrichter vermeldet wurde: "Stanilewicz trifft Daschner am Fuß und bringt ihn so (ungeachtet der Absicht) im gegnerischen Strafraum zu Fall. Der VA[R] greift ein, da der SR diesen Kontakt im Fußbereich nicht wahrgenommen hatte (ein sog. serious missed incident) und das Bildmaterial diesen nachweisen kann."

Regeltechnisch blieb Fritz hier tatsächlich kaum etwas anderes übrig. Denn Daschner hatte weder gefährlich gespielt noch Stanilewicz gefoult; er hatte lediglich beim - erfolglosen - Versuch, den Ball zu erreichen, den Fuß in die Schussbewegung gebracht, und das ist nicht verboten. Stanilewicz wiederum kann man zwar eigentlich auch keinen Vorwurf machen - als er zum Schuss ausholte, war da noch kein gegnerisches Bein. Doch beim Foulspiel ist die Absicht kein Kriterium, es geht vor allem um das Ergebnis einer Handlung. Und das bestand in einem Tritt, selbst wenn dieser gänzlich ungewollt erfolgte.

Die Elfmeterentscheidung, die im späten Ausgleich für die Gäste aus Hamburg mündete, war insoweit mit Blick auf die Regeln nachvollziehbar. Dennoch empfanden sie nicht nur die Darmstädter begreiflicherweise als ungerecht und unangemessen, schließlich konnte man von Adrian Stanilewicz nicht ernsthaft erwarten, beim Ausholen damit zu rechnen, dass sich ein Hindernis vor den Ball schiebt. Vielleicht könnte ein Reformvorschlag für die Regelhüter darin bestehen, die Regelauslegung an dieser Stelle ähnlich zu gestalten wie beim Abschlag des Balles durch den Torwart: Wenn der Keeper ausgeholt hat, darf der Gegner den Ball erst spielen, wenn dieser den Fuß des Schlussmanns verlassen hat. Eine entsprechende Regelung auch bei anderen Schüssen wäre zu überlegen.

Quelle: ntv.de