Sport
Montag, 15. Januar 2018

"Collinas Erben" fragen: Warum?: Kölns plötzliches Glück mit dem Videobeweis

Von Alex Feuerherdt

Der 1. FC Köln profitiert von einer fragwürdigen Regelauslegung des Schiedsrichters, die der Videobeweis nicht zu erschüttern vermag. In einer anderen bedeutsamen Situation liegt der Referee dagegen beim Rückrundenauftakt völlig richtig.

Man kann nicht sagen, dass sie beim 1. FC Köln bislang eine besondere Zuneigung zum Videobeweis entwickelt hätten. In der Hinrunde der Fußball-Bundesliga verzweifelten sie bisweilen an dieser Neuerung: Mal empfahl der Video-Assistent dem Schiedsrichter einen klaren Elfmeter für den Effzeh nicht  - wie im Spiel gegen Frankfurt; mal riet er zur Rücknahme eines Strafstoßes - wie in Stuttgart; mal widersprach er dem Schiedsrichter bei einem eindeutig unberechtigten Elfmeter für den Gegner nicht - wie in Mainz; mal drängte er gar auf die Anerkennung eines Treffers gegen die Kölner, obwohl das Spiel zum Zeitpunkt der Torerzielung bereits unterbrochen war - wie in Dortmund.

Kein Zweifel: Kölns Jorge Meré foult Gladbachs Jonas Hofmann.
Kein Zweifel: Kölns Jorge Meré foult Gladbachs Jonas Hofmann.(Foto: imago/Moritz Müller)

Am Sonntag hingegen, beim 2:1 gegen die Borussia aus Mönchengladbach an diesem 18. Spieltag, hatte das Team von Trainer Stefan Ruthenbeck kurz vor dem Ende großes Glück mit der technischen Hilfe. Passiert war dies: Nach 86 Minuten erlief der Gladbacher Jonas Hofmann im Strafraum der Gastgeber beim Spielstand von 1:1 ein Zuspiel von Thorgan Hazard und zog sofort ab. Der Kölner Jorge Meré hatte mit einem Tackling noch versucht, den Ball wegzuspitzeln oder wenigstens den Torschuss zu blockieren.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Fußball-Verband Mittelrhein und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Doch er war einen Sekundenbruchteil zu spät gekommen und räumte stattdessen, während der Ball am Tor der Hausherren vorbeizischte, Hofmann rustikal ab. Schiedsrichter Felix Zwayer entschied gleichwohl auf Abstoß, kommunizierte dann aber mit seinem Video-Assistenten Jochen Drees und lief schließlich in die Review Area am Spielfeldrand, um sich die Szene selbst noch einmal anzusehen. Als er aufs Feld zurückkehrte, bekräftigte er seinen Entschluss, keinen Elfmeter für die Gäste zu geben.

Regeltechnisch war das nicht zu vertreten. Denn ein Foulspiel bleibt auch dann ein Foulspiel, wenn es erst nach einem Torschuss begangen wird. Geht der Ball ungeachtet dessen ins Tor, zählt der Treffer natürlich, weil in diesem Fall die Vorteilsbestimmung angewendet wird. Andernfalls aber muss, sofern der Ball während des Vergehens noch im Spiel war, je nachdem auf Freistoß oder Strafstoß erkannt werden. Überdies konnte in Köln nicht der Hauch eines Zweifels daran bestehen, dass Meré mit seiner Grätsche Hofmann regelwidrig zu Fall gebracht hatte. Sämtliche Wiederholungen zeigten das klar und deutlich. "Wenn das kein Elfmeter ist, dann weiß ich auch nicht, was einer ist", sagte der Gefoulte selbst zu dieser Szene. "In dem Moment, wo ich schieße, trifft er mich."

Regeltheorie versus Regelpraxis

Warum aber hat Zwayer dann nicht auf Strafstoß entschieden? Um das zu begreifen, muss man einen Blick auf die gängige, weitgehend akzeptierte Regelpraxis werfen, die in solchen Fällen oftmals von der Theorie abweicht, nicht nur in der Bundesliga. Die Pfeife der Schiedsrichter bleibt häufig stumm, wenn sich kurz nach einem Abschluss, mit dem das Tor schließlich verfehlt wird, etwas ereignet, das in einer anderen Situation einen Freistoß oder Strafstoß nach sich ziehen würde. Der Grund dafür ist, dass der Torschuss des Spielers durch das Foul ja nicht beeinträchtigt wird. Warum also einen Elfmeter geben, wenn ein Spieler am Gehäuse des Gegners vorbeizielt und erst danach gefoult wird? Welche Torchance sollte ein Strafstoß hier wiederherstellen? Sie wurde ja bereits ganz ohne unfaires Verhalten des Gegners vergeben.

Warum? Felix Zwayer.
Warum? Felix Zwayer.(Foto: imago/Chai v.d. Laage)

Gegen diese regelphilosophische Herangehensweise sprechen allerdings die Fußballregeln selbst. Denn sie legen mechanisch fest, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit ein Foulspiel vorliegt. "Ein Vergehen mit Körperkontakt wird mit einem direkten Freistoß oder Strafstoß geahndet", heißt es in der Regel 12 (Fouls und unsportliches Betragen) lapidar. Zu diesen Vergehen zählen beispielsweise das Anspringen, Treten, Stoßen, Schlagen, Beinstellen und auch das Tackling, bei dem nicht der Ball, sondern nur der Gegner getroffen wird. Nirgendwo - auch nicht in den ergänzenden Anmerkungen und Erläuterungen der Fifa oder des DFB - steht geschrieben, dass ein Foul kurz nach einem Torschuss, der am Kasten des Gegners vorbeirauscht, ungeahndet bleiben soll. Schließlich bleibt es ein Foul, auch wenn viele nichts dagegen haben, dass die Referees in solchen Ausnahmefällen oft nicht pfeifen.

Vor zwei Jahren, im Rückrundenauftaktspiel des Hamburger SV gegen den FC Bayern München, hatte Zwayer übrigens in einer ähnlichen Situation wie jetzt einen Strafstoß gegeben. Damals hatte der Hamburger Torwart René Adler den Münchner Thomas Müller nach dessen Torschuss, der am Hamburger Gehäuse vorbeiging, mit einer ruppigen Grätsche von den Beinen geholt. Diese Entscheidung hätte der Berliner Spielleiter auch am Sonntag treffen sollen, zumal das Bildmaterial vollkommen eindeutig war. Wichtig wäre es vor allem, dass es diesbezüglich eine einheitliche Regelauslegung gibt. Denn was geschähe wohl, wenn in naher Zukunft ein Schiedsrichter in einer vergleichbaren Szene nach dem Betrachten der Videobilder einen Elfmeter verhängte? Es gäbe vermutlich viel Kritik an der ungleichen Verfahrensweise, und das zu Recht.

Wo Zwayer goldrichtig liegt - und Gräfe ebenfalls

Ganz richtig lag Zwayer dagegen in einer anderen, regeltechnisch anspruchsvollen Situation. In der 63. Minute beging der Mönchengladbacher Denis Zakaria bei einem Konter des 1. FC Köln gleich zwei taktische Fouls: Erst hielt er kurz Salih Özcan fest, doch der blieb im Besitz des Balles und konnte die Kugel an seinen Mitspieler Simon Terodde weiterleiten. Diesen brachte Zakaria schließlich mit einem leichten Stoß zu Fall. Der Unparteiische unterbrach nun das Spiel und verwarnte den Schweizer Nationalspieler. Manche fragten sich, ob es angesichts von gleich zwei Versuchen, einen aussichtsreichen Angriff der Gastgeber mit unfairen Mitteln zu unterbinden, nicht sogar die Gelb-Rote Karte hätte geben müssen.

Die Antwort ist: nein. Denn die Schiedsrichter haben die Anweisung, bei einem rein taktischen Vergehen auf die Gelbe Karte zu verzichten, wenn der Vorteil gewährt werden kann und auch eintritt, so wie hier geschehen. "Rein taktisch" heißt: Das Foul an sich war harmlos und diente nur dem Zweck, einen erfolgversprechenden Angriff des Gegners zu verhindern oder zu unterbinden. Anders sieht es aus, wenn das Vergehen per se verwarnungswürdig war, etwa aufgrund seiner Härte. Dann muss der Unparteiische bei der Anwendung der Vorteilsbestimmung in der nächsten Spielunterbrechung die Gelbe Karte zeigen. Leistet sich derselbe Spieler bis dahin einen weiteren verwarnungswürdigen Verstoß, bekommt er in der folgenden Spielruhe unmittelbar nacheinander erst die Gelbe und dann die Gelb-Rote Karte präsentiert.

In Augsburg kam es im Spiel gegen den Hamburger SV (1:0) derweil zur einzigen Entscheidungsänderung an diesem Spieltag aufgrund des Videobeweises. Der Hamburger Douglas Santos hatte Rani Khedira in der 50. Minute in einem Zweikampf auf das Sprunggelenk getreten, was Schiedsrichter Manuel Gräfe zwar zu einem Freistoßpfiff veranlasste, aber nicht zum Zeigen einer Karte. Video-Assistent Robert Kampka dagegen hegte sogar den Verdacht auf ein feldverweiswürdiges Vergehen, Gräfe schaute sich die Szene daraufhin in der Review Area an. Von einer Roten Karte sah er schließlich zwar ab, allerdings verwarnte er Douglas Santos - und bedeutete ihm außerdem gestisch, dem Ausschluss nur um wenige Zentimeter entgangen zu sein. Das war transparent, nachvollziehbar und maßvoll. So angewendet, ist der Videobeweis zweifellos ein Gewinn.

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Quelle: n-tv.de