Collinas Erben

Collinas Erben ergreifen Partei Schiri oder Sportschau - wer hat recht?

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In Sinsheim sorgt ein Handelfmeter für gewaltige Kontroversen: Die Sportschau ist überzeugt, einen Fehler von Schiedsrichter und VAR entdeckt zu haben, doch der Projektleiter des DFB für die Video-Assistenten widerspricht. Und hat damit wohl recht.

In der Partie zwischen der TSG 1899 Hoffenheim und dem SC Freiburg (1:3) war etwas mehr als eine halbe Stunde absolviert, als es zur vorentscheidenden Szene in diesem Spiel der beiden badischen Bundesligisten kam. Nach einem Eckstoß für die Gäste beim Stand von 0:1 verlängerte Nicolas Höfler die Hereingabe mit dem Kopf, hinter ihm befand sich der Hoffenheimer Melayro Bogarde, der beide Hände vors Gesicht riss und den Ball ablenkte. Schiedsrichter Robert Hartmann wartete einen kurzen Moment ab, ob sich ein Vorteil für Freiburg ergeben würde, dann entschied er auf Handelfmeter für die Breisgauer.

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Tja, da sind beide Hände vorm Gesicht.

(Foto: imago images/Thomas Frey)

Der Protest der Hausherren hielt sich in engen Grenzen, auch bei Bogarde selbst. Zu klar mutete das Handspiel an, begangen mit erhobenem Arm. Video-Assistent Guido Winkmann hatte ebenfalls keine Einwände. Vincenzo Grifo verwandelte den Strafstoß zum 0:2, und beim Sender Sky, der die Begegnung live übertrug, war die Entstehung des Treffers fortan kein Thema mehr. In der Zusammenfassung der ARD-Sportschau dagegen hieß es: "Der eingewechselte Bogarde soll mit dem Arm am Ball gewesen sein. Aber die Sportschau-Lupe zeigt: Es war die Nase! Keine Hand, Fehlentscheidung." Aus der Videozentrale in Köln sei jedoch kein korrigierender Eingriff erfolgt.

Tatsächlich schienen die von der ARD gezeigten, vergrößerten Bilder einen Fehler der Unparteiischen zu belegen. Hatte sich Video-Assistent Winkmann die Szene etwa nicht genau genug angeschaut? War er zu schnell mit seiner Überprüfung? Wie konnte es sein, dass ihm nicht aufgefallen war, was die Sportschau bemerkt und visuell aufbereitet hatte? Für den VAR hätten das unangenehme Fragen sein können, auch wenn man ihm zugutehalten muss, dass erst einmal nichts für eine Fehlentscheidung sprach.

Sportschau und "Kicker" sehen Fehler des VAR ...

Denn der Fall schien eindeutig zu sein: Bogardes hochgerissene Arme, das Ablenken des Balles, die zurückhaltende Reaktion, wo entrüsteter Protest zu erwarten gewesen wäre, wenn es keinen Kontakt mit dem Arm gegeben hätte - die Strafstoßentscheidung wirkte berechtigt und unstrittig. Dennoch muss sich ein Video-Assistent natürlich Kritik gefallen lassen, wenn ihm etwas entgangen sein sollte, das ein Fernsehsender entdeckt hat - selbst wenn dieser dafür wesentlich mehr Zeit hat und eine falsche Wahrnehmung nun mal vorkommen kann, wo Menschen am Werk sind.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Schaut man sich die Szene noch einmal stark verlangsamt an, kommen allerdings eher Zweifel an der Einschätzung der Sportschau auf als an der Bewertung durch Referee und VAR. Zwar sieht man, wie Bogarde seinen rechten Arm ein Stück vom Ball wegbewegt hat, aber es ist keineswegs auszuschließen, dass er die Kugel zuerst mit diesem Arm touchiert hat, bevor sie ihm an den Kopf gesprungen ist. Doch auch die Fachzeitschrift "Kicker" sprach auf ihrer Website von einem Fehler und fragte sich, "warum es die Spezialisten im Video-Assist-Center in Köln um VAR Guido Winkmann und VAR-Assistent Christian Bandurski nicht schafften, zum richtigen Schluss zu kommen".

Mit dieser Frage konfrontierte der Kicker schließlich Jochen Drees, den Projektleiter des DFB für die Video-Assistenten. Dieser antwortete, es scheine bei der Sportschau so, "als berühre der Ball die Hand des Hoffenheimer Spielers nicht". Doch diese Bilder lieferten "keinen zweifelsfreien Beleg". Und aus weiteren Kameraperspektiven, die der VAR ebenfalls überprüft habe, sehe es "im Gegensatz dazu so aus, als habe die Hand des Verteidigers den Ball touchiert, bevor es zu dem Kontakt des Balls am Kopf des Spielers kommt". Diese Perspektiven machten "einen Ball-Hand-Kontakt wahrscheinlich".

... doch Jochen Drees vom DFB widerspricht

Für den VAR sei es jedenfalls "nicht möglich gewesen, einen zweifelsfreien, bildlichen Beleg zu finden, dass die Entscheidung des Schiedsrichters falsch war", so Drees. Deshalb sei "das Nicht-Eingreifen des Video-Assistenten als korrekt zu bewerten". Schließlich dürfe der Video-Assistent nur eingreifen und gegebenenfalls ein Review zwecks Änderung der Entscheidung empfehlen, "wenn er einen zweifelsfreien und evidenten Beleg für eine Fehleinschätzung des Schiedsrichters gefunden hat".

Bei der Überprüfung von möglichen Fouls und Handspielen werde "ganz bewusst auf eine detektivische Suche verzichtet", wie Drees weiter erklärte. Grundlage sollten keine Lupenvergrößerungen sein, sondern "Kamerabilder, die auch jedem Zuschauer zur Verfügung stehen". Das heißt: Wenn ein Fehler nur mit erheblichem technischen Aufwand sichtbar gemacht werden kann und das zudem einige Zeit in Anspruch nimmt, ist er nicht klar und offensichtlich. Und damit auch kein Fall für den VAR.

So einfach ist das, so klar - und doch ist es hinfällig, wenn ein Sender genau diesen Aufwand betreibt und dadurch einen Fehler nachweisen zu können scheint. Der berechtigte Hinweis darauf, dass die Video-Assistenten keine Detektive sein sollen, wird dann nur allzu gerne überhört. Die Szene in Sinsheim hat allerdings auch gezeigt, dass selbst Bilder, die auf den ersten Blick eindeutig zu sein scheinen, zu einem Trugschluss einladen können. Denn eine Einschätzung kann auch vom Blickwinkel und sogar von der Abspielgeschwindigkeit abhängen. Am Ende hat Guido Winkmann gut daran getan, nicht zu intervenieren. Der erste Eindruck ist eben doch oft der tragfähigste.

Was sonst noch wichtig war:

  • Kaum weniger knifflig war die Frage, ob Axel Witsel in der Begegnung Borussia Dortmund - VfL Wolfsburg (2:0) nach 21 Minuten den Ball im eigenen Strafraum nach einem Kopfball des Wolfsburgers Renato Steffen mit der Hand gespielt hatte. Der wie immer souveräne Schiedsrichter Manuel Gräfe hatte das Spiel weiterlaufen lassen, unterbrach es jedoch kurz darauf auf Geheiß von Video-Assistentin Bibiana Steinhaus. Es blieb aber schließlich dabei, dass die Gäste keinen Elfmeter zugesprochen bekamen. Denn die Bilder zeigten, dass Witsel den Ball nicht mit dem abgespreizten linken Arm berührt hatte, sondern mit der Brust, und dass die Kugel danach womöglich an den nahe am Körper befindlichen und normal gehaltenen rechten Arm gesprungen war. Die Überprüfung dauerte zwar eine ganze Weile, dafür kommunizierte Gräfe die finale Entscheidung jedoch transparent, wofür er viel Akzeptanz erntete.
  • Weil Emil Forsberg im Spiel des VfB Stuttgart gegen RB Leipzig (0:1) den Elfmeter für die Gäste in der 21. Minute verschoss, war die Szene, die zu diesem Strafstoß führte, am Ende kein Thema mehr. Andernfalls wäre sie wohl kontrovers diskutiert worden, denn Forsberg war im Zweikampf mit Pascal Stenzel mehr freiwillig als gezwungenermaßen zu Boden gegangen. Der leichte Kontakt am Oberschenkel und das eher halbherzige Herausstellen des Beines durch den Stuttgarter dürften jedenfalls eher nicht ursächlich für den Sturz des Leipzigers gewesen sein, der am Ende seinerseits auf den Fuß seines Gegenspielers getreten war. Der VAR griff allerdings nicht ein - denn der Strafstoß war zwar eine sehr harte, aber nicht unbedingt eine klar und offensichtlich falsche Entscheidung von Schiedsrichter Christian Dingert. Die Grenze war hier fließend, wie so oft.

Quelle: ntv.de