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Auch Ribéry ist neugierig auf die Bilder der Strafraumszene, wird allerdings vom Schiedsrichter umgehend weggeschickt.
Auch Ribéry ist neugierig auf die Bilder der Strafraumszene, wird allerdings vom Schiedsrichter umgehend weggeschickt.(Foto: imago/MIS)
Montag, 27. August 2018

"Collinas Erben" sind missmutig: Warum verfällt der Videobeweis dem Chaos?

Von Alex Feuerherdt

Gleich zum Start der Fußball-Bundesliga stehen die Schiedsrichter, vor allem aber die Video-Assistenten in der Kritik. Die Schelte ist zu emotional, dennoch stellt sich die Frage: Warum weichen die Referees von der Linie der Rückrunde so deutlich ab?

In München beklagten sich der Hoffenheimer Trainer Julian Nagelsmann und Sportdirektor Alexander Rosen bitterlich über den Schiedsrichter und seinen Video-Assistenten. In Berlin wetterte der Nürnberger Trainer Michael Köllner gegen den Unparteiischen und seinen Helfer in der Kölner Video-Zentrale. In Wolfsburg fühlte sich der Schalker Trainer Domenico Tedesco vom Spielleiter "durchbeleidigt", zudem gab es hier ebenfalls eine Kritik am Video Assistant Referee (VAR), die auch vom neuen DFB-Projektleiter für den Videobeweis, Jochen Drees, geteilt wurde. Der Start in die Saison verlief für die Schiedsrichter also wahrlich nicht nach Wunsch, um es zurückhaltend zu formulieren.

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Vor allem der Videobeweis rief einmal mehr Aufregung hervor. Der Tenor bei Klubs, Fans und vielen Medien lautete: Bei der Weltmeisterschaft lief es hervorragend mit ihm, aber in der Bundesliga bekommen sie es einfach nicht vernünftig hin. Dieses Urteil lässt allerdings zweierlei außer Acht. Erstens, dass es auch beim Turnier in Russland diverse fragwürdige Interventionen der Video-Assistenten gab – sowie Nichteinmischungen in Situationen, in denen ein Eingriff geboten gewesen wäre. Nur war während der WM die emotionale Distanz der meisten Betrachter hierzulande bei der Mehrzahl der Partien bedeutend größer und der Blick auf den Videobeweis deshalb nüchterner, als das bei Bundesligaspielen der Fall ist. Falsche und strittige Anwendungen führten deshalb kaum einmal zu größeren Diskussionen.

Zweitens scheint bereits wieder in Vergessenheit geraten zu sein, dass die Rückrunde der vergangenen Saison im deutschen Fußball-Oberhaus in Bezug auf die Video-Assistenten, von wenigen Ausnahmen abgesehen, recht geräuschlos verlief. Eine Glorifizierung des Videobeweises bei der WM ist deshalb so fehl am Platz wie die Verdammung seiner Praxis in der Bundesliga. Gleichwohl ist der Faktor Emotionalität nicht der einzige von Belang. Das Vorgehen der Video-Assistenten und ihr Zusammenspiel mit den Unparteiischen war am ersten Spieltag tatsächlich in mehreren Begegnungen kritikwürdig. Und das lag vor allem daran, dass die Eingriffsschwelle teilweise zu niedrig lag und insgesamt uneinheitlich war.

DFB: Elfmeter für Ribéry umstritten, aber nicht klar falsch

Der Fall von Ribéry im Hoffenheimer Strafraum sorgt für Diskussionen.
Der Fall von Ribéry im Hoffenheimer Strafraum sorgt für Diskussionen.(Foto: imago/Revierfoto)

Ein Beispiel dafür war der Strafstoß für den FC Bayern München im Spiel gegen die TSG 1899 Hoffenheim in der 79. Minute. Bei seiner riskanten Grätsche im eigenen Strafraum gegen Franck Ribéry verfehlte Havard Nordtveit den Ball, den stattdessen der Franzose über ihn lupfte. Anders als mit einem Sprung über den Hoffenheimer, der im Liegen mit seinem ganzen Körper ein Hindernis bildete, hätte Ribéry vermutlich nicht den Ball behaupten können. Gleichzeitig sah dieser Sprung, der in einem Sturz mündete, nach einer "Schwalbe" aus. Den Elfmeter, den Schiedsrichter Bastian Dankert den Bayern zusprach, musste man jedenfalls nicht geben, das fand selbst der Münchner Trainer Niko Kovač. Aber war die Entscheidung klar und vor allem offensichtlich falsch?

Nein, befand die Schiedsrichterkommission des DFB in einer Presseerklärung: "Diesen Vorgang als Foul zu bewerten ist eine Interpretationsfrage, die beim Schiedsrichter bleibt. Die Diskussionen zu diesem Fall reichen auch von 'Schwalbe' über 'natürliche Kollision' bis 'fahrlässiges Abwehrverhalten mit Zufallbringen des Gegners'". Der Elfmeterpfiff sei daher lediglich "als 'umstritten' einzuordnen", weshalb der Video-Assistent Sören Storks, der kurzfristig für den erkrankten Sascha Stegemann zum Einsatz kam, zu Recht nicht interveniert habe. Damit lag die Eingriffsschwelle eigentlich hoch, wie schon in der Rückrunde der vergangenen Saison. Doch gleich nach der Elfmeterausführung wurde sie ein ganzes Stück niedriger gehängt.

Überraschende Elfmeterwiederholung

Denn nachdem Oliver Baumann den Strafstoß von Robert Lewandowski abgewehrt und Arjen Robben den Nachschuss verwandelt hatte, empfahl Storks ein On-Field-Review. Der Grund: Robben hatte den Strafraum bereits vor der Ausführung betreten und daraus durch seinen Torerfolg einen Vorteil gezogen. Das legitimiert laut den Richtlinien für den Videobeweis ein Eingreifen des VAR. Dass es dennoch keinen indirekten Freistoß für Hoffenheim gab, lag daran, dass sich auch drei Hoffenheimer vorzeitig in den Sechzehnmeterraum begeben hatten. Und wenn Spieler beider Mannschaften zu früh vorlaufen, sehen die Fußballregeln eine Wiederholung des Strafstoßes vor.

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Solche Verstöße werden in der Praxis allerdings – was weithin akzeptiert ist – nur in seltenen, extremen Fällen geahndet, die Schiedsrichter drücken fast immer ein Auge zu. Deshalb waren die Video-Assistenten in der Bundesliga bis dato auch nie dagegen eingeschritten, wenn sie es gedurft hätten. Dass sich das nun änderte, kam daher überraschend, auch wenn es regelkonform war. Dankert ließ den Elfmeter jedenfalls wiederholen, und diesmal traf Lewandowski. Man darf gespannt sein, ob diese Intervention eine Messlatte darstellt. Wird der VAR auch künftig aktiv werden, wenn sich ein Spieler beim Elfmeter durch ein zu frühes Eindringen in den Strafraum einen Vorteil verschafft, indem er als Mitspieler des Schützen an einem Torerfolg beteiligt ist? Oder er als Mitspieler des Torwarts einen Angreifer daran hindert, den Ball zu spielen?

Auch die zweite Intervention des Video-Assistenten warf Fragen auf. Nach 86 Minuten fälschte Thomas Müller einen Torschuss seines Mitspielers Leon Goretzka mit dem Arm ins Hoffenheimer Gehäuse ab, der Referee gab den Treffer, doch erneut riet der VAR zum Review. Dankert folgte der Empfehlung ein weiteres Mal und annullierte das Tor schließlich, wofür es genauso Gründe gab wie für das Gegenteil. Denn Müller – der die Entscheidung selbst "nachvollziehbar" fand – hatte den Ball mit einer eigentümlich anmutenden Bewegung abgelenkt, die gleichermaßen ein Wegdrehen wie eine Bewegung zum Ball war. Aber wäre es eine klare und offensichtliche Fehlentscheidung gewesen, das Tor zu geben? Wohl eher nicht. Zumal der DFB, anders als die Uefa, seine Unparteiischen zumindest bislang nicht angewiesen hat, auch unabsichtlich mit der Hand erzielte Tore in jedem Fall abzuerkennen.

Der Video-Assistent soll nur ein Airbag sein

Auch in Wolfsburg sorgt der VAR für Diskussionen - wie im Fall von Wout Weghorst.
Auch in Wolfsburg sorgt der VAR für Diskussionen - wie im Fall von Wout Weghorst.(Foto: imago/Hübner)

In Wolfsburg trugen derweil Mitte der zweiten Hälfte zwei niedrigschwellige Eingriffe des VAR dazu bei, dass das zwar intensive, aber weitgehend friedliche Spiel des VfL gegen den FC Schalke 04 reichlich gallig wurde. Binnen fünf Minuten wandelte Schiedsrichter Patrick Ittrich jeweils nach einem On-Field-Review eine Gelbe Karte gegen den Schalker Matija Nastasić in eine Rote und einen Feldverweis gegen den Wolfsburger Wout Weghorst in eine Verwarnung um. Nastasić habe "mit hoher Dynamik und voller Sohle das Schienbein seines Gegenspielers getroffen", weshalb "alle Kriterien für eine Rote Karte gegeben" gewesen seien, erklärte Ittrich seine erste Entscheidungsänderung. Die zweite begründete er damit, dass Dynamik und Intensität des Kopfstoßes von Weghorst gegen Guido Burgstaller auf den Videobildern deutlich geringer ausgesehen hätten als auf dem Feld.

Dem widersprach Jochen Drees, der in der vergangenen Saison noch selbst als Video-Assistent aktiv war, nun der neue Projektleiter des DFB für den Videobeweis ist und sich beim Bezahlsender "Sky" darum bemühte, die Wogen zu glätten. "In Wolfsburg ist nach meiner persönlichen Auffassung in beiden Szenen die ursprüngliche Entscheidung richtig und nachvollziehbar gewesen", sagte er. Der Referee habe sich mit den Änderungen erkennbar unwohl gefühlt. Aber warum griff der Video-Assistent Wolfgang Stark dann ein? "Wahrscheinlich hat die Angst davor, Fehler zu übersehen, dazu geführt, dass das in den beiden Szenen nicht gut gelöst worden ist", vermutete Drees. "Ich finde, bei beiden Entscheidungen ist das kein Thema für die Video-Assistenz, sondern das sind Situationen, die der Schiedsrichter zu bewerten hat."

Die vermeidbare Hektik, die der tatsächlich nicht unbedingt erforderliche Einsatz des Videobeweises hervorrief, kulminierte schließlich in einer verbalen Auseinandersetzung zwischen dem Referee und dem Schalker Coach, der sich anschließend "durchbeleidigt" wähnte. "Ich habe in der Tat sehr emotional mit Herrn Tedesco über sein Verhalten an der Seitenlinie gesprochen", sagte Patrick Ittrich später bemerkenswert offen. "Wenn Herr Tedesco der Meinung ist, ich hätte ihn beleidigt, dann muss ich mich dafür in aller Form entschuldigen. Ich war lauter und emotionaler, aber ich habe ihn nicht beleidigt. Wir haben uns am Mittelkreis noch mal ausgesprochen. Ich denke, das Thema ist geklärt."

Auch bei den Spielen Fortuna Düsseldorf – FC Augsburg, Hertha BSC – 1. FC Nürnberg und 1. FSV Mainz 05 – VfB Stuttgart kam es zu On-Field-Reviews, nach denen die Schiedsrichter allerdings bei ihren ursprünglichen Entscheidungen blieben. Alles in allem wirkten die Video-Assistenten nicht wie der Airbag, der sie eigentlich sein sollten – ein Schutz im absoluten Notfall –, sondern eher wie ein Bordcomputer, der sich verselbstständigt hat. Der Umgang mit dem Videobeweis erinnerte an die teilweise chaotische Hinrunde der Saison 2017/18, dabei sollte unbedingt die Rückrunde der Maßstab sein. Es ist sinnvoller, wenn die Unparteiischen auf dem Feld das Heft des Handelns in der Hand behalten. Dazu sollte die Eingriffsschwelle für die Video-Assistenten dringend wieder erhöht werden.

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Quelle: n-tv.de