Collinas Erben

"Collinas Erben" sind beunruhigt Wo bleibt die Linie der Videoassistenten?

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BVB-Kapitän Marco Reus ist mit dem Elfmeterentscheidung von Schiedsrichter Daniel Siebert augenscheinlich nicht einverstanden.

(Foto: imago/mika)

Nach wochenlanger Ruhe gibt es an diesem 14. Spieltag der Fußball-Bundesliga wieder Aufregung über die Video-Assistenten. Dabei wird vor allem in Berlin und Mainz das Kernproblem deutlich: nämlich die Schwierigkeit eine einheitliche Praxis zu finden.

Relativ ruhig war es zuletzt um die Video-Assistenten geworden, so ruhig, dass es fast schien, als ob sich die Kritiker mit ihrer Existenz arrangiert hätten. Doch dieser Eindruck trog. Das zeigte sich nun am 14. Spieltag der Fußball-Bundesliga, als die Helfer an den Monitoren in Köln gleich in mehreren Partien heftig kritisiert wurden. Teilweise zu Recht, teilweise zu Unrecht - und in manchen Fällen konnte man darüber streiten, ob sie richtig handelten oder nicht. Zwar heißt es in den Richtlinien des International Football Association Board unmissverständlich, die Video Assistant Referees (VAR) sollten nur bei klaren, offensichtlichen Fehlern des Schiedsrichters sowie bei übersehenen Vergehen in spielrelevanten Situationen eingreifen.

Collinas Erben

"Collinas Erben" - das ist Deutschlands einziger Schiedsrichter-Podcast, gegründet und betrieben von Klaas Reese und Alex Feuerherdt. Er beschäftigt sich mit den Fußballregeln, den Entscheidungen der Unparteiischen sowie mit den Hintergründen und Untiefen der Schiedsrichterei. "Collinas Erben" schreiben jeden Montag auf n-tv.de über die Schiedsrichterleistungen des Bundesligaspieltags. Unser Autor Alex Feuerherdt ist seit 1985 Schiedsrichter und leitete Spiele bis zur Oberliga. Er ist verantwortlich für die Aus- und Fortbildung in Köln, Schiedsrichterbeobachter im Bereich des DFB und arbeitet als Lektor und freier Publizist.

Was aber klar und offensichtlich ist, ist längst nicht immer klar und offensichtlich, jedenfalls dort nicht, wo die Bilder einer Interpretation bedürfen. So wie beim Lokalduell zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund (1:2), als es nach knapp einer Stunde im Strafraum des BVB zu einem Zweikampf um den Ball zwischen Marco Reus und dem Schalker Amine Harit kam. Reus war einen Tick schneller und erreichte die Kugel, trat seinem Gegenspieler allerdings einen Sekundenbruchteil später auch schmerzhaft auf den Fuß. Gewiss unabsichtlich, aber das spielt bei der Frage, ob ein Foul vorliegt, regeltechnisch keine Rolle.

Schiedsrichter Daniel Siebert ließ weiterspielen, doch Video-Assistent Sascha Stegemann empfahl ihm ein On-Field-Review. Nach Ansicht der Bilder am Spielfeldrand entschied der Unparteiische schließlich auf Strafstoß für Schalke. Vermutlich hatte die interne Kommunikation ergeben, dass Siebert den Tritt auf den Fuß von Harit gar nicht bemerkt hatte. Das jedenfalls würde die Intervention des VAR erklären und legitimieren. Anders hätte der Fall gelegen, wenn der Schiedsrichter den gesamten Ablauf des Zweikampfs genau wahrgenommen, aber anders beurteilt hätte als der Video-Assistent. Dann hätte dieser sich zurückzuhalten gehabt. Der Rat, ein Review an der Seitenlinie durchzuführen, resultiert letztlich immer aus einer großen Differenz zwischen der Wahrnehmung des Unparteiischen auf dem Feld und jener des VAR in der Video-Zentrale.

Zweierlei Maß in Bremen, viel Glück für Hertha

So war es auch in der Auftaktpartie des Spieltags zwischen dem SV Werder Bremen und Fortuna Düsseldorf (3:1) am Freitagabend. Bei einem Luftzweikampf in der 40. Minute zwischen dem Düsseldorfer Marcin Kaminski und Sebastian Langkamp im Strafraum der Gastgeber spielte der Bremer den Ball mit erhobenem Arm, doch Schiedsrichter Marco Fritz wollte ein Foul von Kaminski gesehen haben und entschied deshalb auf Freistoß für die Gäste. Die Bilder zeigten allerdings, dass kein regelwidriger Einsatz des Düsseldorfers vorgelegen hatte, dafür jedoch ein absichtliches Handspiel von Langkamp. Es kam deshalb zu einem Review und schließlich zu einem Elfmeter für die Fortuna. Unklar ist, warum ein ungeahndetes Handspiel von Kaminski im eigenen Strafraum nach 25 Minuten nicht ebenfalls zu einer Videoprüfung durch den Schiedsrichter führte, obwohl die Kriterien für die Strafbarkeit genauso erfüllt waren.

In der Begegnung zwischen dem SC Freiburg und RB Leipzig (3:0) führte ebenfalls ein Eingriff des Video-Assistenten zu einer nachträglichen Strafstoßentscheidung. Kurz vor der Pause kreuzte der Leipziger Dayot Upamecano im eigenen Strafraum den Laufweg des Freiburger Kapitäns Mike Frantz, traf ihn leicht am Bein und hielt ihn zudem kurz fest, während eine Hereingabe über die beiden hinweg flog. Frantz ging zu Boden, und Schiedsrichter Tobias Welz machte nicht den Eindruck, den Zweikampf im Auge gehabt zu haben. Sein VAR Christian Dingert riet ihm zu einem Review – wohl nicht wegen eines klaren Fehlers, sondern wegen der fehlenden Wahrnehmung in einer Situation, in der vieles für einen Strafstoß sprach. Tatsächlich erkannte der Referee den Hausherren nach ausgiebiger Betrachtung der Bilder schließlich einen Elfmeter zu.

Einen solchen hätte es auch im Spiel zwischen Hertha BSC und Eintracht Frankfurt (1:0) wenige Minuten vor dem Abpfiff für die Gäste geben müssen, als Marko Grujić im eigenen Strafraum den Frankfurter Luka Jović festhielt, zu Boden brachte und in aussichtsreicher Position am Torschuss hinderte. Zwar griff auch Jović ein wenig nach seinem Gegenspieler, wie im Strafraum überhaupt von allen Seiten gerne und viel gehalten, geklammert und gezogen wird. Doch Grujićs Armeinsatz war derart deutlich und ausdauernd, dass es schon der eigentlich gut postierte Unparteiische Daniel Schlager hätte erkennen und ahnden sollen. Spätestens die Video-Assistentin Bibiana Steinhaus aber hätte intervenieren und ein On-Field-Review empfehlen müssen, denn nicht auf Elfmeter zu entscheiden, war klar und offensichtlich falsch.

Das Problem der Linie und der Vermittelbarkeit

Ihr Kollege Patrick Ittrich dagegen zögerte in der Partie zwischen dem 1. FSV Mainz 05 und Hannover 96 (1:1) nach 24 Minuten nicht, Schiedsrichter Robert Hartmann eine Sichtung des Bildmaterials am Spielfeldrand zu empfehlen, als der Hannoveraner Kevin Wimmer sich den Ball nach einem Schuss von Daniel Brosinski im eigenen Strafraum beim Abwehrversuch unglücklich selbst an den Arm köpfte und der Unparteiische weiterspielen ließ. Ungeachtet der Frage, ob Hartmann das Handspiel wahrgenommen hatte, war hier die fehlende Absicht so eindeutig, dass der Rat zum Review unnötig anmutete.

Der Referee benötigte am Monitor dann auch nur wenige Sekunden, ehe er auf das Spielfeld zurückkehrte und bei seiner Entscheidung blieb, keinen Strafstoß zu verhängen. Wesentlich strittiger war dagegen Hartmanns Elfmeterpfiff für die Mainzer beim Stand von 0:1 in der 83. Minute. Philippe Mateta war mit Tempo in den Hannoveraner Strafraum eingedrungen und dort an Matthias Ostrzolek vorbeigezogen, als dieser ihn mit der Hüfte leicht am Oberschenkel touchierte. Der Mainzer fiel, und das genügte dem Schiedsrichter, um den Gastgebern einen Strafstoß zuzusprechen. Den Video-Assistenten Patrick Ittrich stellte das vor ein Dilemma: Aufgrund des Kontakts bei einiger Geschwindigkeit lag einerseits keine eindeutige "Schwalbe" von Mateta vor, andererseits konnte man stark bezweifeln, dass dieser Kontakt ursächlich für den Sturz des Mainzers war. Gegen einen Elfmeter sprach also mehr als für ihn - aber war die Entscheidung so klar und offensichtlich falsch, dass eine Intervention zwingend hätte erfolgen müssen?

An diesem Spieltag ist eine der größten Probleme der Video-Assistenten deutlich geworden: die Linie bei ihren Eingriffen und Nicht-Eingriffen und die Vermittelbarkeit gegenüber der Öffentlichkeit. Es ist schwierig, plausibel zu machen, warum die VAR in Berlin, Mainz und Bremen nicht intervenierten, während sie in anderen und teilweise sogar in denselben Stadien aktiv wurden, obwohl die Fälle auf den ersten Blick nicht wesentlich eindeutiger waren.

Fast jede Entscheidung lässt sich für sich genommen erklären und rechtfertigen, aber in der Gesamtschau ergeben sich Disharmonien, die der Akzeptanz nicht gut tun. Hinzu kommt, dass die Toleranz der Öffentlichkeit gegenüber Fehlern der Video-Assistenten bei null liegt, auch weil den Videobildern eine Objektivität zugesprochen wird, die sie teilweise nicht haben. Dass dennoch etliche gravierende Fehlentscheidungen korrigiert werden konnten und können, gerät dabei zu Unrecht aus dem Blickfeld.

Quelle: n-tv.de