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Alle Gasjeti voll des Lobes: Russland hat einen neuen Helden.
Alle Gasjeti voll des Lobes: Russland hat einen neuen Helden.
Montag, 02. Juli 2018

Russische Presse eskaliert: "Akinfejew ist Gott" und "#%$*+=!!!"

Von Katrin Scheib, Moskau

Der Freudentaumel über Russlands Sieg gegen Spanien reicht bis in die Redaktionen des Landes. Wer am Morgen danach die russischen Zeitungen und Websites durchstöbert, findet Fassungslosigkeit, Jubel - und fast wortlose Extase.

"Hey, hey, Igor Igor Akinfejew!" Der Schlachtruf, der nach dem Spiels gegen Spanien bis tief in die Nacht auf Moskaus Straße zu hören war, gibt die Richtung vor für die Berichterstattung am Morgen danach. "Fantastischer Sieg", so steht es fett und rot auf der Titelseite der Komsomolskaja Prawda über einem Foto des russischen Kapitäns und Torhüters. Den feiert das Blatt auch noch in einer Reihe weiterer Artikel: "Akinfejew ist Gott – Russland schlägt Spanien 4:3 im Elfmeterschießen" zum Beispiel, oder "Danke, Akinfejew! Das ist Geschichte!". Weiter heißt es dort: "Die Mannschaft schaffte das, woran niemand geglaubt hatte. Und nun wächst der Appetit."

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Auch die Zeitungen Kommersant und Iswestija machen Akinfejew zum Aufmacherfoto auf der Seite 1. "Wir wehren (den Ball) ab" heißt es da, oder auch: "So halten" - ein doppeldeutiger Spruch: So, soll das heißen, hält man einen Elfmeter. Aber auch: So, wie es jetzt ist, soll es bitte bleiben, so kann es gerne weitergehen: "Die russische Nationalmannschaft hat im Achtelfinale der Weltmeisterschaft sensationell Spanien besiegt. (…) Beim Elfmeterschießen erwies sich unsere Auswahl als die stärkere."

Vom Schicksal ans Tor gekettet

Für eine anderes Fotomotiv entschied sich die Rossiskaja Gasjeta: Sie zeigt ein Bild, auf dem die russischen Spieler nach ihrem Erfolg ein Banner hochhalten, das sich an ihre Fans richtet. "Wir spielen für euch" steht dort in großen Buchstaben auf weiß-blau-rotem Hintergrund. "Ein alltägliches Wunder" ist der dazugehörige Artikel überschrieben, der mit einem Rückblick beginnt: "Vor drei Wochen riskierten Menschen, die glaubten, dass Russland die Gruppenphase überstehen könnte, dass man sie für verrückt hält." Deshalb sei es schwer zu glauben, was da im Luschniki-Stadion geschehen ist: "Die großen Spanier, die bereits Weltmeister und dreimal Europameister waren und bei den besten, reichsten Vereinen auf dem Planeten spielen, gingen mit gesenkten Köpfen in die Kabine. Und mitten auf dem Platz tanzte die russische Fußball-Nationalmannschaft mit vollem Einsatz zu 'Kalinka'."

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Sowjetski Sport schreibt: "Echte Kerle! Russlands Nationalmannschaft steht im Viertelfinale, und das ist kein Traum". Weiter geht es dann ganz philosophisch, auch hier wieder mit Blick auf Torwart Igor Akinfejew: Bis Sonntag habe es so ausgesehen, als ob das Scheitern sein Schicksal sei, immer wieder habe er sich bei wichtigen Einsätzen Patzer geleistet. "Und nun wurde endlich klar, warum er all diesen Unfug erlitten hat und warum ihn das Schicksal an dieses Tor gekettet hat: Damit er im entscheidenden Moment dort Wache steht – und uns aus der Klemme hilft. (…) Bravo, Igor!"

Die Ruhe und der Sturm

Statt auf große Analysen setzt das regionale Newsportal "66.ru" aus Jekaterinburg auf eine einfachere, eindringlichere Art, das Spiel zusammenzufassen: In der Fan-Zone der Stadt, die selber auch WM-Austragungsort ist, begleitete ein Fotograf den russischen Fan Wladimir Worobijew. Statt Bildern vom Spiel und von Akinfejew zeigt 66.ru alle entscheidenden Szenen ausschließlich in Fotos von Worobijews Gesicht. Das 1:0 - Worobijew kneift die Augen zu und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen. Der Ausgleich - Worobijew jubelt mit geballten Fäusten. Der Sieg im Elfmeterschießen - Worobijew umarmt seine Begleitung und schreit, so laut er kann. Wer braucht da noch große Worte?

Wer? Die Sport-Website Championat.com zum Beispiel. Regelrecht perplex klingt dort die Berichterstattung: "Russland, was machst du da? Bitte hör nicht damit auf!" Vom frühen 1:0 der Spanier habe sich die russische Mannschaft nicht aus dem Konzept bringen lassen, analysiert der Autor: "Das anfängliche Problem führte nicht zu einer kollektiven Psychose. Die russischen Fußballer reagierten überraschend ruhig und angemessen darauf und folgten weiterhin diszipliniert dem vorgefassten Plan: Genauigkeit und Kompaktheit in der eigenen Hälfte, Aggressivität in der des Gegners."

Komplett sprachlos hat Russlands Viertelfinal-Einzug die Mitarbeiter von RBK hinterlassen - einem Medium, das sonst eher für sachliche Analysen als für Überschwang steht. Den eigentlichen Sieg meldet RBK noch ganz nachrichtlich: "Russland schlägt Spanien im Elfmeterschießen und steht damit im Viertelfinale der WM 2018". Die tägliche Rubrik "Der Satz des Tages, den du deinen Freunden sagen musst (wenn du keine Ahnung von Fußball hast)" hingegen ist ein einziges Zeichen von Fassungslosigkeit. Wo sonst Dinge stehen wie "Japan zeigt, wie wichtig Fairplay ist" oder "Das war's für Deutschland, es wird einen neuen Weltmeister geben", findet sich am Morgen danach nur ein Aufschrei im Comic-Stil: "#%$*+=!!!". Damit ist dann wirklich alles gesagt.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de