Fußball-WM 2018

Messis WM-Drama als Beiwerk Der bizarre Auftritt des Diego Maradona

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Als Legende verehrt: Diego Maradona.

(Foto: dpa)

In einem finalen Drama rettet sich die argentinische Fußball-Elf ins Achtelfinale. Davon spricht später kaum einer. Im Fokus steht Volksheld Maradona, der auf der Tribüne einen so grotesken Auftritt hinlegt, dass man sich Sorgen machen muss.

Der letzte Akt im Drama argentino, er sollte eigentlich Lionel Messi gehören. Jenem Kapitän, der mit seiner argentinischen Fußball-Nationalmannschaft Unmögliches vollbracht und bei der WM in Russland das krachende Aus des Vize-Weltmeisters schon in der Vorrunde verhindert hat. Im Finale der Gruppe D gegen den deutschen Trainer Gernot Rohr und seine Nigerianer hatte sich ein 90-minütiges Drama abgespielt, welches es ohne Probleme mit dem Schweden-Krimi der DFB-Elf aufnehmen konnte. Samt Schlusshöhepunkt, der zwar nicht von Toni Kroos, dafür aber von Manchester Uniteds Verteidiger Marcos Rojo kam, als er mit einem satten Volleyschuss in der 86. Minute zum 2:1-Endstand traf und dafür sorgte, dass die "Albiceleste" am Samstag gegen Frankreich um den Einzug ins Viertelfinale spielen darf. Und natürlich war da ja Messi, der mit seinem Traumtor zum 1:0 die Grundlage für den ultimativen argentinischen Frustverhinderer gelegt hatte.

Im Moment des großen Triumphs richteten sich die Augen dann allerdings auf einen anderen Volkshelden: Diego Armando Maradona Franco, der ebenfalls im Sankt Petersburger Stadion weilte. Und auf der Tribüne für die very important people eine so bizarre Show hinlegte, dass man sich fragen muss, ob der letzte Akt des argentinischen Dramas nicht ­­doch einer zu viel war. Mindestens für Maradona, der sich nach dem Spiel nicht mehr auf den Beinen halten konnte, gestützt durch seine Begleiter von der Tribüne wankte und von Sanitätern versorgt werden musste. Aber der Reihe nach, denn angefangen hatte die Tragödie schließlich lange vorher.

Nur der physikalische Absturz bleibt aus

Maradona, der hauptamtliche Edelfan der "Albiceleste", hatte wie in den beiden Spielen zuvor gegen Island und Kroatien mit seiner Entourage in der VIP-Loge Platz genommen. Bilder, die auch vom WM-Turnier 2006 in Erinnerung geblieben sind. Umgeben von zahlreichen Anhängern feierte Maradona - nun ja, - vor allem Diego Maradona. Oder vielmehr jene Version seiner selbst, die mal als bester Fußballer der Welt galt. Maradona, der ikonische Goldjunge, war auf einem Banner zu sehen, das er vor Anpfiff minutenlang euphorisiert über die Köpfe der Anhänger auf den Unterrängen schwenkte. Ein Spielfilm, so grotesk, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. Pathetisch ging der Blick gen Himmel, Maradona sonnte sich in den Huldigungen der Fans. Streckte die Arme gottesgleich aus, genoss das Gefühl, als Heiliger verehrt zu werden. Dass er in jenem Moment nicht von der Tribüne purzelte, ist wohl nur seinem Begleiter zu verdanken, der offenkundig nichts anderes zu tun hat, als den (physikalischen) Totalabsturz zu verhindern.

Immerhin in der Hinsicht hat sich der Mann nichts zuschulden kommen lassen – über die Brüstung gefallen ist Maradona nicht. Das war's dann allerdings mit den positiven Eindrücken. Der 57-jährige Volksheld wirkte so wackelig auf den Beinen, dass die Frage, ob er denn komplett nüchtern ins Spiel gegangen sei, wohl berechtigt ist. Sichtlich mitgenommen wankte Maradona auf der Tribüne umher, flehte wiederholt mit ausgestreckten Armen um ein Tor, hüpfte wie ein Flummi auf und ab. Wieder und wieder fingen die TV-Kameras den aufgekratzten Ex-Weltmeister in seiner Loge ein – immer auf der Suche nach dem bestmöglichen Entertainment. Und das spielte sich aus Sicht der TV-Kollegen wohl nicht immer auf dem Platz ab. Selbst als Messi den Führungstreffer erzielte, war nicht er im Bild, sondern vorrangig Maradona.

Der jüngste Auftritt ist besorgniserregend

Zur Halbzeitpause schlief das ehemalige Fußball-Genie dann in seinem Sitz ein, offenkundig völlig ausgelaugt von seiner Halbzeitshow. Wachte auf, fluchte wild über den Ausgleich der Nigerianer. Und eskalierte vollends, als Rojo den erlösenden Siegtreffer erzielte. Maradona jubelte erst ausgiebig, um dann eine denkwürdige Szene folgen zu lassen. Immer wieder streckte er beide Mittelfinger Richtung Spielfeld, brüllte das Wort "Puto" (deutsch "Hurensohn"), wie auf Videoaufnahmen in den sozialen Medien gut zu erkennen ist. Ob sich die Robbie-Williams-Gedächtnis-Szene gegen die nigerianischen Fans, die Schiedsrichter oder die eigenen Leute richtete, ist nicht zu erkennen. Fakt ist aber, dass das Mittelfinger-Gate und der anschließende Abgang von der Tribüne den vorläufigen Tiefpunkt einer Aneinanderreihung denkwürdiger Auftritte darstellt.

Auch wenn Maradona inzwischen Entwarnung gab und mitteilte, in der Halbzeit unter starken Nackenschmerzen ge- und einen Kreislaufzusammenbruch erlitten zu haben: Mit Blick auf seine Vergangenheit ist der jüngste Auftritt besorgniserregend. Vor 17 Jahren hatte der Volksheld einen Herzinfarkt erlitten, der auf eine Überdosis Kokain zurückgeführt wurde.

Schon nach dem ersten Vorrundenspiel kursierten auf Twitter Videos, die ihn völlig neben der Spur zeigen. Auch, weil er sich immer wieder über die Nase rieb, machten da schon Gerüchte über Drogenkonsum die Runde. Der frühere Weltmeister, er bietet in diesen Tagen Anlass zur Sorge. Einige wenige mögen das unterhaltsam finden. Vor allem ist der Absturz vor den Augen der Weltöffentlichkeit aber eins: ziemlich traurig.

Quelle: ntv.de