Fußball-WM 2018

Fußball-Legende Menotti sinniert Die Angst vor Messis Einwürfen

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Lionel Messi - für Menotti "ein zauberhafter Fußballer".

(Foto: imago/Fotoarena)

40 Jahre nach seinem WM-Triumph mit der argentinischen Fußball-Nationalelf sitzt César Luis Menotti in Buenos Aires im Café. Der Fußballphilosoph spricht über Che Guevara, Lionel Messi sowie Hennes Weisweiler.

Für einen fast 80 Jahre alten Mann ist er sehr beschäftigt. Neulich war Josep Guardiola zu Besuch, dann galt es der Fußballwelt seine neue Trainerschule zu präsentieren - und jetzt hat er auch keine Zeit für das vereinbarte Gespräch. César Luis Menotti sitzt mit Freunden in einem dieser Eckcafés im Zentrum von Buenos Aires. Wenn Argentiniens Weltmeistertrainer von 1978 eintritt, springt niemand auf. Er ist Stammgast in dem Lokal, das mit ihm gealtert ist. Die Dekoration ist vergilbt, das Menü simpel, die Inflation bleibt scheinbar draußen.

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Menotti ist gemeinsam mit seinem Lieblingslokal gealtert.

(Foto: imago sportfotodienst)

Der Zeitungsverkäufer kommt hinein, setzt sich zur Altherren-Runde und beobachtet seinen Kiosk von nun an durchs Fenster. "Ariel Holan ist ein Guter, er hat eine klare Linie", sagt einer über den als modern geltenden Trainer vom argentinischen Klub Independiente. Menotti stimmt zu und beißt nochmal in sein Käse-Schinken-Toast. Die Roten aus der Vorstadt Avellaneda hat er selbst drei Mal trainiert. Zuletzt war "El Flaco" ("der Hagere") bis 2010 noch einmal Manager des Copa-Libertadores-Rekordmeisters. Seine letzte Station im Profifußball, vorerst. "Allein der Tod ist ein endgültiger Rücktritt", hat er einmal gesagt.

Aber im Leben von César Luis Menotti, weißes Hemd, Bluejeans und bunte Sportschuhe, dreht sich längst nicht alles um Fußball. In seinem Büro, eine einfache Zweizimmer-Wohnung ein paar Meter die Straße hinunter, blättert der Putz von der Decke. "Esta boluda!", "Diese Idiotin!", stöhnt er, presst die Zähne auf die Unterlippe und schüttelt den Kopf. "Die Nachbarin hat es vor ein paar Monaten fertig gebracht, tagelang den Wasserhahn laufen lassen", flucht der großgewachsene Herr mit dem eingefallenen Gesicht wie ein kauziger Rentner. Später echauffiert er sich: "Diese lügnerische Linke ist für mich unerträglich. Jene, die nur behaupten, links zu sein! Deshalb sage ich immer aus Spaß: Entweder gleich jemand wie Angela Merkel oder ein Che Guevara. Alles dazwischen sind Lügen!"

Blassgrün sind die Wände in seinem Büro tapeziert, ein uralter Fernseher und eine noch ältere Couch auf zerkratztem Holzparkett sind umgeben von Fotos und Erinnerungsstücken. Menotti und Maradona, Menotti und Platini. "All das, was die Revolution auf Kuba erreicht hat, ist ein großer Verdienst. Che Guevara hat Geschichte geschrieben mit der Revolution auf einer Insel, die bis dato von den USA als Amüsierbetrieb genutzt worden war."

Rosario Central und Che Guevara

Über dem Walther-Bensemann-Preis, den der Fußballphilosoph 2009 für sein Lebenswerk erhalten hat ("Die Strecke zwischen Nürnberg und München ist eine der schönsten Straßen der Welt"), hängt das Konterfei des argentinischen Helden der kubanischen Revolution. Mit Ernesto Guevara teilt César Luis Menotti mehr als die politische Ideologie. Beide stammen aus Rosario, der drittgrößten Stadt des Landes, die so bedeutend für Argentiniens Fußball ist, aber international häufig hinter dem Krach, der Schönheit und der Arroganz Buenos Aires' verschwindet. Und noch wichtiger ist vielleicht, dass beide Fan desselben Vereins sind. Kaum etwas schmiedet in Argentinien Menschen mehr zusammen.

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Als Nationaltrainer geriert er sich lässig.

"Ich bin Rosario Central Fan, wie Che Guevara es war. Leider habe ich ihn nie kennengelernt, aber uns verbindet eine besondere Anekdote", erzählt Menotti, der seine Haare nicht ganz so lang wie früher trägt. "Als 'el Che' einmal anonym nach Argentinien reiste, erkundigte er sich auf dem Weg zu einem Geheimtreffen mit Präsident Arturo Fronzidi bei den Begleitern, wie es um Rosario stünde. Man teilte ihm mit, Central habe San Lorenzo mit 4:0 geschlagen. Und einen der Treffer hatte ich erzielt", berichtet der ehemalige Mittelfeldspieler heute noch stolz.

Es war August 1961, Guevaras letzter Besuch in seiner Heimat und die einzige Referenz, um die in Argentinien beliebte Frage nach seinem Herzensklub zu beantworten. Menotti hatte da gerade ein Jahr als Profi bei seinen geliebten Gelbblauen gespielt. Das größte, was ihm in seinem Leben passiert sei, "wichtiger als der Gewinn der WM 1978". Er sagt: "1960 hat meine Laufbahn begonnen! Fast 60 Jahre Erfahrungen auf und neben dem Spielfeld möchte ich jetzt zurückzugeben." Dies tut Menotti nun über ein Online-Ausbildungsprogramm für Trainer - seine digitale Verewigung und der eigentliche Anlass für dieses Treffen.

"Jahrelanges Durcheinander" bei der Albiceleste

"Nach so langer Zeit als Spieler und Trainer möchte ich mit einer größtmöglichen Anzahl an Menschen in Kontakt treten. Über das Fernstudium sind es viel mehr als bei der Ausbildung in eine Schule oder auf einem Fußballfeld." Dabei war er eigentlich er gar nicht überzeugt von dieser Idee. Vielleicht wollte er die Zeit lieber bei Milchkaffee im Café verstreichen lassen. "Aber dann hat es mir wirklich Spaß gemacht." Nach zwei Jahren Filmaufnahmen ist die Videoschulung nun abgeschlossen. "Es ist außerdem eine hervorragende Idee, um abgelegene Regionen zu erreichen. Vor Ort hätte ich da nicht unterrichten können!"

Der argentinischen Nationalmannschaft und ihrem Hickhack um einen vernünftigen Coach und ein ebensolches Spielsystem würde eine großangelegte menottische Reform auch gut tun. "Mit den Nationaltrainern hat Argentinien ein jahrelanges Durcheinander erlebt. Bielsa ist damals ohne Begründung gegangen. Seitdem kamen und gingen viele. Und jetzt muss man ehrlich sagen: Wir haben uns eher zufällig für die WM qualifiziert. Über Sampaoli habe ich mir noch kein Urteil gebildet. Wir werden sehen, ob er eine Mannschaft formen kann."

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Zwei Trainer des FC Barcelona: Menotti (r.) und Udo Lattek.

Zwischen Marcelo Bielsa, bis 2004 im Amt, und dem derzeitigen Trainer Jorge Sampaoli, die beide wie Menotti aus Rosario stammen, gab es sieben andere Übungsleiter. Der berühmteste von ihnen Diego Maradona, der beste vielleicht Nestor Pekerman, der in Russland mit einer starken kolumbianischen Mannschaft dabei ist. Menotti am nächsten stand wohl Gerardo Martino, natürlich auch aus Rosario, der 2016 nach kaum zwei Jahren im Amt und zwei verlorenen Endspielen bei der Copa América gegen Chile zurückgetreten war. Sein Abschied kam auf dem Höhepunkt der institutionellen Krise des argentinischen Verbandes Afa.

Machtmissbrauch bei der Fifa als "Exzess"

"Der argentinische Fußball hat in den letzten 20 Jahren unter einer tiefen Krise gelitten", sagt Menotti. Das klingt fast noch diplomatisch. Als "Exzess" beschreibt er den Machtmissbrauch bei der Fifa, dem südamerikanischen Verband Conmebol und der Afa. 2014 starb nach 35 Jahren als Verbandspräsident der Despot "Don" Julio Grondona, das korrupte Konstrukt fiel in sich zusammen. Doch neue, gierige Funktionäre brachten sich in Position. In diesem Machtkampf war die Afa unfähig, einen neuen Präsidenten zu wählen. Das Chaos gipfelte in einer peinlichen Abstimmung, als es bei 75 Stimmberechtigten zu einem Patt von 38 zu 38 kam. Letztlich setzte die Fifa eine Übergangskommission zur Neustrukturierung ein.

Vor allem Bielsa, aber auch Marino und Sampaoli teilen Aspekte von Menottis Fußballideal von Ballbesitz, gepflegtem Passspiel und einer offensiven Taktik. Als Fortführung seiner Schule sieht er diese drei allerdings nicht. "Ich spreche nicht so gern über Linien. Für mich geht es darum, dass ein Fußballer eine emotionale Beziehung zu seinem Publikum aufbauen sollte. Und das geht nicht nur über das Ergebnis, sondern auch durch die Überzeugung, dass ein Spieler das Publikum unterhalten und respektieren muss." Menotti, früher Kettenraucher, philosophierte einst stundenlang über sein Konzept. Mit 79 Jahren spricht er langsamer und sortiert zwischendurch merkbar seine Gedanken.

"Und dafür muss man gut spielen. Nicht schön, sondern gut. Dieses Konzept der Schönheit ist in der Kunst ähnlich. Niemand malt, um schön zu malen. Schönheit entsteht, wenn die Dinge gut gemacht werden." Auch in der Literatur sieht Menotti Parallelen: "Jorge Luis Borges hat einmal gesagt, dass für ihn Literatur Ordnung und Abenteuer sei. Ich konnte es nicht fassen! Kurz zuvor, hatte ich die gleiche Definition vom Fußball gegeben: Ordnung und Abenteuer."

"Deutschland spielt so wie Argentinien früher"

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"Deutschland spielt so wie Argentinien früher", sagt Menotti.

(Foto: imago/Bildbyran)

Von Ernesto Guevara zu Argentiniens bedeutendstem Schriftsteller (und Fußball-Hasser) Borges. Es scheint profan, nun über Joachim Löw zu sprechen. Aber "El Flaco" schwärmt: "Deutschland spielt so wie Argentinien früher und Argentinien spielt so wie Deutschland früher." Zudem habe die Mannschaft seit 2006 eben jene "emotionale Beziehung" zum Publikum aufgebaut. "Es ist nicht so, dass Deutschland davor nicht auch gut gespielt hätte. Aber man spielte anders. Nun ist mein Eindruck, dass die Mannschaft ein viel herzlicheres Verhältnis zum gesamten Fußballpublikum aufbauen konnte, nicht nur zu den Deutschen."

Natürlich sei Deutschland einer der Favoriten auf den Titel. "Bei einer WM gibt es Teams, die sich damit begnügen, dabei zu sein. Dann gibt es die Protagonisten, die davon träumen, dass die Welt sie kennenlernt oder vielleicht davon, einmal das Finale zu erreichen. Und dann gibt es die ewigen Titelkandidaten: Deutschland, Spanien, Argentinien und Brasilien. Auch Frankreich ist jetzt Teil dieses Kreises." Menotti schätzt die Kohärenz der DFB-Elf.

"Die deutsche Nationalelf pflegt seit langem eine Spielidee, die sie noch verbessern hat. Aber es gibt einen Generationswechsel. Sehr wichtige Spieler sind weg. Man muss sehen, wie das Team sich jetzt neu strukturiert. Aber ich bin überzeugt, dass Löw eine klare Idee hat." Eine klare Idee. Das fehle Argentinien. "Noch! Denn wir hatten in den letzten zwei Jahren vier Trainer. Aber wir haben Lionel Messi. So wie wir 1986 und 1990 Maradona hatten, haben wir heute Messi. Ein zauberhafter Fußballer, der ausgleichen kann, was dem Kollektiv fehlt."

"Wir, die den Fußball lieben"

Auch Messi stammt aus Rosario. Aber kann er wie einst Maradona ein durchschnittliches Team bis ins Finale führen? "Messi ist der beste Spieler der Welt. Er macht nicht nur Tore, sondern er hilft seiner Mannschaft immens dabei, besser zu spielen. Das ist der zentrale Unterschied zu Cristiano Ronaldo, der der beste Torjäger auf der Welt ist." Dennoch glaubt in Argentinien kaum einer an ein erfolgreiches Abschneiden. Zu sehr hat die Albiceleste in der Qualifikation und den Testspielen enttäuscht. Menotti ist optimistischer und zählt Argentinien zu den Titelkandidaten. "Um zu gewinnen, brauchst du eine gute Mannschaft, gute Spieler und auch das Schicksal auf deiner Seite. Wie im normalen Leben auch gehört überall eine Portion Glück dazu." Aber Menotti würde sich auch mit weniger als dem Titel begnügen. "Wir, die den Fußball lieben, träumen vor allem davon, dass der Auftritt dieser Mannschaft der Geschichte des argentinischen Fußballs würdig ist."

Am 25. Juni wird nach zwei Spielen abzusehen sein, ob Argentinien die Vorrunde übersteht. Dann jährt sich Menottis großer Erfolg zum vierzigsten Mal. Der WM-Titel 1978 ist auch in die Geschichtsbücher eingegangen, weil Menotti sich explizit gegen die Militärdiktatur stellte, die sein Heimatland tyrannisierte. Ist dieses Jubiläum wichtig für ihn? "Natürlich. Vor allem noch am Leben zu sein, ist eine große Errungenschaft", sagt er, um flugs zu jenem Diskurs zurückzukehren, der ihn geprägt hat. "Für mich war das damals der Beginn des Versuches, bestimmte kulturelle Werte zum Fußball zurückzuholen." Diese kulturellen Werte werden weniger bei einem großen Turnier, sondern eher im fußballerischen Alltag vermittelt.

"Es gibt den Profifußball, den Amateurfußball und im Allgemeinen eine Kultur des Fußballs. Das ist der Fußball der sozialen Erziehung - der mit dem Traum der Kinder beginnt, die den Sprung schaffen wollen. Auf diesem Weg ist die Begleitung und Ausbildung sehr wichtig." Beim Verlassen des Büros schweift der Blick durch den Raum. Menotti und Pelé, Menotti und Di Stefano, Menotti und ... - zwei Kölsch oder Caña, das ist nicht zu erkennen - ... Hennes Weisweiler! Jener 1983 verstorbene deutsche Trainer, der ähnlich wie der Argentinier großen Wert auf die Ausbildung junger Spieler legte.

Als Menotti Mitte der Siebziger das Amt des argentinischen Nationaltrainers übernommen hatte, trainierte Weisweiler den FC Barcelona um Johan Cruyff. "Vor Weisweiler hatte ich riesigen Respekt. Ich habe ihn sehr geschätzt. Er war der erste, der mir die Türen geöffnet hat. Tagelang durfte ich beim Training dabei sein, zuschauen, lernen. Irgendwann habe ich ihn gefragt, warum er sich mit Cruyff überworfen hatte. Er meinte, dass Cruyff angefangen hätte, Ecken zu schießen und Einwürfe zu machen. Weisweiler sagte zu mir: Wenn ein Star anfängt, Einwürfe zu machen, dann hat er keine Lust mehr auf Fußball.'" Wir, die den Fußball lieben, können nur hoffen, dass Messi in Russland nicht beginnt, die Einwürfe auszuführen.

Quelle: n-tv.de

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