Fußball-WM 2018

DFB-Wahnsinn im Schnellcheck Katastrophe, ach nee ... Kroos

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Toni Kroos. Unfassbar. Erst unfassbar schlecht. Dann unfassbar weltmeisterlich.

(Foto: REUTERS)

Energie und Leidenschaft ruft Bundestrainer Joachim Löw vor dem WM-Spiel gegen Schweden aus. Doch das kommt bei seinem DFB-Team mit erheblicher Verspätung an. Matchwinner wird Toni Kroos. Ausgerechnet.

Was ist im Olympiastadion von Sotschi passiert?

Bis zur 95. Minute stand hier folgender Text: Es gibt auch eine gute Nachricht aus Sotschi: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ist anders als Peru, Costa Rica, Ägypten und Saudi-Arabien noch ein Kandidat für den Fifa-WM-Pokal. Kein besonders wahrscheinlicher, aber immerhin noch ein theoretischer. Seit der 95. Minute steht hier nun folgender Text: Was für ein Wahnsinn! Deutschland wendet das "Fiasko fatale" ab. Dank Toni Kroos. Dank eines irren Freistoßes in der Nachspielzeit. Nach einem eigentlich ziemlich fürchterlichen Spiel des deutschen Spielmachers. Egal. Die Weltmeisterschaft hat für den Weltmeister mit dem zweiten Gruppenspiel begonnen - mit einem 2:1 (0:1)-Sieg nach Toren von Ola Toivonen (32.), Marco Reus (48.) und eben Kroos (95.). Und jetzt Puls runter, Pils auf - und genießen.

Den Spielbericht lesen Sie hier!

Teams & Tore

Deutschland: Neuer - Kimmich, Boateng, Rüdiger, Hector (87. Brandt) - Kroos, Rudy (31. Gündogan) - Müller, Reus, Draxler (46. Gomez) - Werner; Trainer: Löw.
Schweden: Olsen - Lustig, Lindelöf, Granquist, Augustinsson - Larsson, Ekdal - Claesson (74. Durmaz), Forsberg - Berg (90. Thelin), Toivonen (78. Guidetti); Trainer: Andersson
Tore: 0:1 Toivonen (32.), 1:1 Reus (48.), 2:1 Kroos (95.)
Schiedsrichter:
Marciniak (Polen)
Zuschauer: 45.000 (Olympiastadion Sotschi)
Bes. Vorkommnis: Gelb-Rot für Boateng (82.)

Die abgewendete Katastrophe im Spielfilm

*Datenschutz

3. Minute: Deutschland spielt wie in der 89. Minute gegen Mexiko: zielstrebig. Timo Werner lümmelt sich an der Grundlinie durch und passt den Ball prima Julian Draxler. Der hat mehr Platz als ein Mexikaner für gewöhnlich auf der rechten deutschen Abwehrseite und noch mehr Zeit. Das ist selten gut und endet mit einem wuchtigen Unsinnsschuss genau auf jenen Platz vor der Torlinie, den Sebastian Larsson besetzt. Wir fragen: Comment peut-il juste tirer dessus?
12. Minute: Antonio Rüdiger, legt sich den Ball im Mittelfeld vor - huch, da ist er plötzlich weg und im Vollsprint am Fuß von Marcus Berg, der aber wird kurz vor Manuel Neuer von Jérôme Boatengs rechtem Bein gestoppt. Wir halten mal nüchtern fest: Den Ball hat der Abwehr-Kaiser da nicht gespielt.
32. Minute, TOOOOOOOORRRRRR FÜR SCHWEDEN, 0:1 Toivonen: Toni Kroos spielt den fatalsten Fehlpass in seiner DFB-Geschichte. Die Schweden sind fassungslos vor Glück, kontern schnell und stürzen die deutsche Mannschaft ins nächste WM-Chaos. Ausgerechnet Flautenstürmer Ola Toivonen (kein Ligator für den FC Toulouse) überwindet Manuel Neuer mit einer von Rüdiger abgefälschten Bogenlampe.
48. Minute, TOOOOOOOORRRRRR FÜR DEUTSCHLAND, 1:1 Reus: Was für ein erfolgreicher Stresstest für den anfälligen Körper von Marco Reus. Ein Hereingabe von Timo Werner, weitergeleitet durch Mario Gomez' ersten Ballkontakt (jetzt nicht die Fassung verlieren, er wurde zur Halbzeit erst eingewechselt) verwertet der Dortmunder WM-Debütant wuchtig, und jetzt Obacht, mit dem Knie.
67. Minute: Machen wir es kurz: Flanke auf Gomez. Gomez steht völlig frei. Gomez grätscht den Ball mit einem Halbvolley wuchtig drüber. Oh, Abseits. Zumindest angezeigt. In Wahrheit war's aber keins.
82. Minute: Boateng hat Gelb. Egal. Mit Volldampf kachelt er seinen Gegenspieler um und fliegt vom Platz. Er ist überrascht. Wir nicht.
88. Minute:
Kroos hat das Fußballspielen nicht verlernt. Was für eine weltmeisterliche Flanke aus der Drehung auf Gomez, der wuchtet den Ball aus fünf Metern aufs Tor, Keeper Robin Olsen titanisiert das Kopfball-Geschoss mit einem Hammerreflex über die Latte.
91. Minute: Unfassbar. Wirklich UNFASSBAR. Julian Brandt nagelt den Ball wie schon gegen Mexiko aus der Distanz an den Pfosten. Damals war's am äußeren Aluminium schon knapp, diesmal war's an der Innenseite noch viel knapper.
95. Minute, TOOOOOOOORRRRRR FÜR DEUTSCHLAND, 2:1 Kroos: HABEN WIR GERADE UNFASSBAR GESCHRIEBEN? Vergessen Sie's. Freistoß Kroos, Tor Kroos. Deutschland ist im Turnier.

Was war nicht gut?

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Verteidigte mit Höhen und Tiefen: Antonio Rüdiger.

(Foto: imago/Bildbyran)

Ein Pass - alles kaputt. Auch wenn's komisch klingt, aber die ersten zwölf Minuten war das deutsche Spiel wirklich nah an super - mit einer verdaddelten Topchance durch Draxler und einer Halbchance durch Jonas Hector. Druckvoll war's, dynamisch, kreativ und mit viel Mut. Der aber verließ die Mannschaft genauso schnell wie der Ball den Fuß von Rüdiger in eben jener zwölften Minuten. Mit dem ersten katastrophalen aber noch folgenlosen Fehler brach das nach dem "Fiasko Mexicana" mühsam wieder hergestellte Selbstvertrauen zusammen. Das Passspiel wurde wackeliger, der Pulsschlag bei jeder Aktion mit oder ohne Ball immer höher. Und als das kollektive Herzrasen auch Pass-Perfektionist Kroos erwischte, da lag die angeschlagene DFB-Elf endgültig auf der Intensivstation.

Was war gut?

Das deutsche Kabinengespräch. Wir wissen zwar nicht, wer die Mannschaft da wieder #zsmmngbrcht (für nicht Twitter-User: Das bedeutet zusammengebracht) hat, aber er ist ein guter Kerl. Denn Deutschland spielte plötzlich wie Deutschland halt so spielt, wenn es nicht gegen Österreich, Saudi-Arabien oder Mexiko geht. Mit Selbstbewusstsein, mit Freude und mit gutem Passspiel. Und am Ende mit jenen Waffen, die der Bundestrainer als tauglichste der DFB-Elf beschworen hatte: Energie und Leidenschaft.

Wer fiel in der deutschen Mannschaft auf?

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Marco Reus - wuchtig und wichtig.

(Foto: REUTERS)

Das Team wollte scho au Wiedergutmachung. Absolut. Doch wer hätte gedacht, dass ausgerechnet Vierfach-Champions-League-Sieger Kroos diesem Vorhaben fast 90 Minuten lang im Wege stehen würde? Nach der druckvollen Anfangsphase war das Passmonster kaum wiederzuerkennen. Tiefpunkt der Bock in der 32. Minute, der zum ersten Gegentor führt. Nach und nach leistete sich Kroos weitere Aussetzer, die seine Mitspieler nur in allerhöchster Not ausbügeln können. Das war sehr, sehr wenig weltmeisterlich. Anders dann aber als sein Siegtreffer per Traum-Freistoß. Auch Rüdiger ist phasenweise völlig von der Rolle. Wie der Hummels-Ersatz den ersten schwedischen Hochkaräter nach 12 Minuten auflegt: Sehenswert – nur nicht für deutsche Fußball-Liebhaber. Aber da war ja noch Marco Reus. Der hatte absolut gar keine Lust, schon am 28. Juni verspottet nach Hause zu fliegen und wirbelte als er bei einer WM. Sein erster Torschuss sitzt dann auch gleich - und gibt seinen wackeligen Teamkollegen Selbstbewusstsein. Davon hat Julian Brandt offenbar ebenfalls eine Menge. Blöd nur, dass Löw ihn erst in der 90. Minute bringt. Denn solche Schüssen wir in der Nachspielzeit kann Deutschland öfter gebrauchen.

Die fatale Minute 31

Die 31. WM-Minute und Löws Aufstellungsalternativen für Sami Khedira - das ist irgendwie fatal. Im Finale 2014 musste der legendär verwirrte Christoph Kramer für André Schürrle vom Feld, nun traf es Sebastian Rudy. Der überraschend in die Startelf gerückte Bayern-Reservist bekam einen schwedischen Stollenschuh mit voller Wucht mitten ins Gesicht und blutete heftig - und das in seinem bisher wichtigsten von 25. Spielen für Deutschland. Doch anders als 2014 rieten die Ärzte nun: Bitte nicht weiterspielen. Rudy war so sauer, dass ein gerade frisch gereichtes Trikot wuchtig auf die Bank wirft. Ein Drama.

Der Ottmar-Hitzfeld-Move des Spiels

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Erstmals bei einem großen Turnier nicht in der Startelf: Mesut Özil.

(Foto: dpa)

Da dachten Sie nun bis 18.43 Uhr, ach der Bundestrainer, der lässt doch gegen Schweden bestimmt wieder die Leistungsverweigerer des "Fiasko Mexicana" spielen - und dann das: Löw rotierte so wild wie einst nur Ottmar Hitzfeld. Opfer der neuen und a'löw'schen Wechsel-Wut: Marvin Plattenhardt (war klar), Mats Hummels (ging nicht anders), Sami Khedira (war überraschend) und Mesut Özil (war sehr überraschend). Für den Spielmacher des FC Arsenal war's seit seinem Länderspieldebüt am 12. August 2009 in Baku gegen Aserbaidschan die erste Startelf-Nichtberücksichtigung bei einem großen Turnier nach zuvor 26 Spielen von Beginn an. Nibelungentreue? Ausgesetzt.

Wie war der Schiedsrichter?

Szymon Marciniak aus Polen war in seinem zweiten WM-Spiel schon nach 13 Minuten mit einer kniffligen Situation konfrontiert, als Jérôme Boateng den auf das deutsche Tor zulaufenden Marcus Berg im Strafraum am Rande der Legalität bedrängte: Ein leichter Schubser mit dem Oberarm, ein Kontakt am Oberschenkel – Berg brachte so nur ein Schüsschen zustande, und bei strengerer Regelauslegung wäre ein Elfmeter fällig gewesen. Doch es passte zur großzügigen Linie des erfahrenen Referees, dass er in dieser Situation genauso weiterspielen ließ wie in der 39. Minute auf der anderen Seite, als Thomas Müller beim Torschuss mit grenzwertigen Mitteln gestört wurde, analysiert Alex Feuerherdt von "Collinas Erben". Gutes Auge für den Vorteil, besonders nach 52 Minuten, als er die Partie nach einem rücksichtslosen Foul von Albin Ekdal an Müller laufen ließ und den Schweden in der nächsten Spielunterbrechung verwarnte. Gelb-Rot gegen Boateng war so konsequent wie unstrittig. Umsichtig, souverän, laufstark und mit klarer Körpersprache, fügte mit seinem Auftritt den starken Leistungen der Unparteiischen bei diesem Turnier eine weitere hinzu.

Und wie war's im Stadion?

Prima. Angenehme 23 Grad, vom Schwarzen Meer her wehte ein laues Lüftchen ins Fisht-Stadion, das ja in Sotschi - oder besser: im Stadtteil Adler - für die Olympischen Winterspiele 2014 unweit der Strandpromenade erbaut wurde. Wie unser WM-Reporter Stefan Giannakoulis zu berichten weiß, hatten die Fans der DFB-Elf wieder hörbar bessere Laune, nachdem Marco Reus direkt nach der Pause der Ausgleich gelungen war. In Bars und Cafés hatten sie am Nachmittag noch gesungen: "Die Nummer eins der Welt sind wir." Zu Beginn der Partie und nach der Führung der Skandinavier hatten wenig überraschend die zahlenmäßig überlegenen Kolleginnen und Kollegen aus Schweden nicht nur akustisch die Überhand; auch optisch stach das Signalgelb ihrer Trikots unter den 45.000 Zuschauern einfach mehr hervor. Da konnte nur Torhüter Manuel Neuer in seinem roten Trikot mithalten und seinen neongelben Schuhen mithalten. Und sonst? Gab's viele "Aaaaahhhs" und "Ooooohhhs" - jedes Mal, wenn die deutsche Mannschaft un der zweiten Halbzeit eine ihrer vielen Torchancen vergab.

Der Tweet zum Spiel

*Datenschutz

 

Quelle: ntv.de