Fußball-WM 2018

Langeweile-Drama im Schnellcheck Tja Spanien, das war doch klar

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Ihm dürfte nun ein Denkmal gebaut werden: Stanislaw Tschertschessow.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Russland im Ausnahmezustand: Die Sbornaja schmeißt Spanien aus dem Turnier und steht im WM-Viertelfinale. Trainer Tschertschessow avanciert vom "Schnurrbart der Hoffnung" zum Volkshelden. Maßgeblich beteiligt: der spanische Gastgeber-Fluch.

Was ist im Luschniki-Stadion passiert?

ощущение! Sensation! Die Sbornaja lebt weiter, Spanien muss abreisen. Mit Abpfiff dieses Spiels sind alle Fußball-Welt- und Europameister seit 2004 bereits im Achtelfinale rausgeflogen. Kurze Nachhilfe: Italien und Griechenland sind gar nicht erst dabei, Deutschland ist raus, Portugal hat es gegen Uruguay erwischt - und nun muss auch Spanien heimreisen. Ziemlich viel Dramatik für ein lange Zeit ziemlich dröges Spiel.

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Freude hoch 23!

(Foto: imago/Agencia EFE)

Erst gab's nämlich ganz viel *Schnarch* und *Gähn*. Dann eine Extrarunde in der Verlängerung. Dann ein paar Schüsse im Elfmeterschießen. Und dann ist der Weltmeister von 2010 sowie Europameister von 2008 und 2012 aus dem Turnier ausgeschieden. Das Ergebnis gibt dem vorlauten Artem Dschjuba im Nachhinein recht. Der wollte wie Rocky Balboa auftreten: Knallhart zuschlagen, den Gegner aus Spanien ausknocken. Der 29-Jährige selbst ist durchaus mit gutem Beispiel voran gegangen, hat für sein Team in der regulären Spielzeit getroffen. Der "Eiserne Vorhang", den Trainer Stanislaw Tschertschessow aufbauen ließ, zerstörte die - nur semi-willigen - Spanier - und rettete den Gastgeber ins Elfmeterschießen. Dort erledigte das Kollektiv bei einem Subbotnik im Elfmeterschießen die Spanier.

Teams & Tore

Spanien: De Gea - Nacho (ab 70. Carvajal), Piqué, Ramos, Jordi Alba - Koke, Busquets - Silva (ab 67. Iniesta), Isco, Asensio (ab 104. Moreno), Costa (ab 80. Aspas) - Trainer: Hierro
Russland: Akinfejew - Fernandes, Kutepow, Ignaschewitsch, Kudrjaschow, Schirkow (ab 45. Granat) - Samedow (ab 61. Tscheryschew), Sobnin, Jusjajew (ab 97. Erokhin), - Dschjuba (ab 65. Smolow), Golowin - Trainer: Tschertschessow
Tore: 1:0 Ignaschewitsch (12., Eigentor), 1:1 Dschjuba (41., Elfmeter)
Elfmeterschießen: 1:0 Iniesta, 1:1 Smolow, 2:1 Pique, 2:2 Ignaschewitsch, Akinfejew hält gegen Koke, 2:3 Golowin, 3:3 Ramos, 3:4 Tscheryschew, Akinfejew hält gegen Aspas
Schiedsrichter: Kuipers (Niederlande)
Zuschauer: 78.011 (ausverkauft)

Die Schlaftabletten-Partie im Spielfilm

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Ja, Ramos, das hast du fein gemacht ...

(Foto: REUTERS)

12. Minute: TOOOR! Für Spanien. Abwehrboss Sergio Ramos lässt sich feiern als hätte er Spanien gerade im Alleingang zum WM-Titel geschossen - dabei geht das Tor auf das Konto von Sergej Ignaschewitsch. Was ist passiert? Auf der rechten Seite senst Schirkow Nacho um und schenkt Marco Asensio so einen Freistoß. Vorm Tor ringen Ramos und Ignaschewitsch miteinander und dann ist der Ball drin. Muss Ignaschewitsch so erstmal schaffen, schließlich guckt er weder aufs Tor noch auf den Ball. 
36. Minute: De Gea fliegt vor seinem Tor von rechts nach links - Arbeitsnachweis in der ersten Halbzeit erbracht. Der wird nötig, weil Alexander Golowin tatsächlich aufs spanische Tor schießt. Aber: daneben.
41. Minute: TOOOR! Für Russland! Artem Dschjuba bringt den WM-Gastgeber mit seinem verwandelten Elfmeter zurück ins Spiel. Der wird fällig, weil Gerard Piqué im Strafraum die Hand bedeutend zu weit oben hält - und angeschossen wird.
45. Minute: Spanien schießt zum ersten Mal (sic!) aufs Tor. Isco versucht's - und vergibt.
85. Minute: Russlands Torhüter Igor Akinfejew darf sich auszeichnen - gleich zweimal. Spanien hat den Schlussmann noch nicht eingelullt, der ist augenscheinlich hellwach. Erst zieht Altstar Andres Iniesta von der Strafraumkante ab, dann lauert Iago Aspas und scheitert ebenfalls.
93. Minute: Die Russen rücken vor, Smolow wagt den finalen Schuss, will spanische Herzen bluten sehen. Aber weit rechts vorbei.
100. Minute: Marco Asensio zieht aus dem Rückraum ab. Zielt dabei ziemlich genau auf Akinfejew, der sich nicht mal groß bewegen muss, um den Ball zu halten.
121. Minute: Moreno hätte alle erlösen können. Hätte, hätte - nicht wahr, Loddar? Er schießt den Ball stattdessen Akinfejew in die Arme.
Elfmeterschießen: Iniesta - trifft, lässig! Smolow, küsst den Ball - trifft! Auch wenn De Gea noch die Finger dran hat. Piqué - trifft! Ignaschewitsch - trifft! Koke - Akinfejew hält! Golowin - trifft! Ramos - trifft! Tscheryschew - trifft! Aspas - Akinfejew hält! Aus. Party im Luschniki-Stadion.

Was war gut?

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Was war nicht gut?

Bis auf's dann logischerweise doch spannende Elfmeterschießen Vieles. Das meiste. Chronologisch gesehen als Erstes: Ignaschewitsch' Eigentor. Denn was ist die eigentliche Dramatik an der frühen Führung der Spanier? Die frühe Führung der Spanier! Ramos, Nacho, Isco und ihre ganzen Superstar-Kollegen hatten es überhaupt nicht nötig, ihr geduldiges Passspiel zugunsten von Angriffen aufzugeben. Immer schön hinten rum, die Ballbesitzquote ausbauen. Die Russen kamen nur selten an den Ball. Kurz und knapp: Es passierte nicht sonderlich viel auf dem Rasen des Luschniki-Stadions. Von der 12. dürfen Sie getrost bis zur 41. Minute vorspulen oder ein Nickerchen einlegen, sollten Sie das Spiel noch nachschauen wollen. Piqué sei Dank, kamen die Russen dann völlig unverhofft wieder ins Spiel. Am Spiel der Spanier änderte der Gegentreffer allerdings wenig - Ballgeschiebe, Ballbesitz, Schlummerfußball. Schön anzusehen war das nicht. Also so gar nicht. Und letztlich bedeutete das Handspiel des Shakira-Gatten auch, dass die Verlängerung überhaupt erst möglich wurde. Der unparteiische Zuschauer dachte da: Na danke.

Die WM-Premiere des Tages

Wer den Punkt "Teams & Tore" fleißig gelesen hat, wird es bemerkt haben: Beide Mannschaften haben viermal gewechselt. Keine listige Tücke der Trainer und kein Fehler des gesamten Schiedsrichtergespanns, sondern eine WM-Premiere. Nach zwei Jahren Testphase - unter anderem im DFB-Pokal - haben die Fußball-Regelhüter des International Football Association Board (Ifab) ihre Zustimmung für diese Neuerung gegeben. Wow, so geht dieses Achtelfinale also doch in die WM-Geschichtsbücher ein.

Die Ausdauer des Tages

Wohin laufen Sie denn? Respekt, 146 Kilometer bringt das russische Team auf die Uhr! Da hat Trainer Tschertschessow - der vor der WM als "Schnauzbart der Hoffnung" galt und sich nun unsterblich macht - aber mal ordentlich Ausdauerläufe im Wald absolvieren lassen. Aber wie heißt es: Wer siegt, hat recht. Apropos Ausdauer: Auch die Spanier können da etwas bieten. Mehr als 1000 Pässe stehen nach 120 Minuten in der Statistik der Iberer. Den Erfolg bringt es trotzdem nicht - die Spanier erzielen keinen eigenen Treffer aus dem Spiel heraus.

Und sonst so?

Es gibt etwas, das die Spanier noch mehr fürchten als die Anfrage von Real Madrid beim Nationalcoach vor einem großen Turnier. Es ist der Gastgeber-Fluch. Noch nie gelang es dem Ex-Weltmeister bei Welt- oder Europameisterschaften den Gastgeber zu bezwingen. Fünfmal mussten die Spanier dem Heimteam zu einem Sieg gratulieren, viermal spielten sie Unentschieden. Tja, der Fluch hält an. Moment, wo findet die EM 2020 statt? Bei einem Turnier in zwölf Ländern könnte das ja ziemlich übel enden. Na immerhin sind sie mit etwas Glück auch einmal die Heimmannschaft, wenn der Spielplan eine spanische Partie in Bilbao zulässt.

Der Tweet zum Spiel

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Quelle: n-tv.de

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