Technik

Tief in Google Glass geblickt Haben wir die Zukunft vor Augen?

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Google Glass projiziert Infos, Bilder und Videos über ein Glasprisma vor das rechte Auge des Nutzers.

(Foto: n-tv.de)

Google Glass könnte eine der großen Technik-Innovationen 2014 werden, heißt es. Alle Medien berichten darüber, Technikbegeisterte sind euphorisch, Pessimisten warnen vor dem Ende der Privatsphäre. Dabei ist noch gar nicht klar, was man mit dem Mini-Computer auf der Nase alles anstellen kann. n-tv.de hat Glass ausprobiert und weiß jetzt zumindest eins: Spione nutzen andere Gadgets.

"Die Dinger filmen doch ungefragt alles und jeden und schicken die Daten zu Google." - "Die NSA wird sich darüber freuen!" - "Sobald sie erhältlich ist, werde ich mir eine kaufen, kann's kaum noch erwarten." - "Google Glass ist das nächste große Ding!"

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Theoretisch kann Glass an jedem Brillengestell befestigt werden.

(Foto: Google)

So oder so ähnlich reagieren viele Menschen auf Googles neue Computerbrille Glass. Ganz so, als wüssten sie, wozu das Gerät und ihre Träger in Zukunft fähig sein werden. Aber die wenigen Brillen, die Google an Entwickler und Testkandidaten ausgegeben hat, sind Prototypen, die bisher n ur einige Grundfunktionen beherrschen.

Erst im kommenden Jahr, wenn genügend Apps geschrieben wurden, wenn Google den Funktionsumfang der Mini-Computer erweitert und ihre Laufzeiten verlängert hat, weiß man vielleicht, was mit Glass möglich ist. Vermutlich kann man es aber selbst dann immer noch nur ahnen. Umso verwunderlicher ist es, dass es zu Google Glass sogar schon "richtige" Testberichte gibt.

Ausprobieren, ja, das ist möglich. Und so ist n-tv.de gerne nach Hamburg gefahren, um in Googles Deutschlandzentrale einen Prototypen zu sehen, mal selbst auf die Nase zu setzen und eine Vorstellung davon zu bekommen, was Glass sein kann und was nicht.

Schlichtes, aber praktisches Design

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n-tv.de-Redakteur Klaus Wedekind durfte die Welt für ein paar Stunden durch Google Glass betrachten.

(Foto: n-tv.de)

Das Design der Prototypen ist relativ unspektakulär: ein Brillengestell aus Metall, an dem der eigentliche Mini-Computer auf der rechten Seite befestigt ist. Über, nicht vor dem Auge, befindet sich das Glasprisma, das die Bilder eines LCoS-Microdisplays projiziert. Der Projektor sitzt zusammen mit der Kamera und einem USB-Anschluss in einem Kunststoffgehäuse, das sich mit dem Rahmen zum rechten Ohr hinbiegt. Dort hat Google auch die Recheneinheit mit CPU, Arbeitsspeiche r, WLAN und Bluetooth untergebracht.

Auf der Außenseite des Gehäuses befindet sich ein Touchpad. Am Ende des Rahmens ist dahinter der Akku befestigt, an dessen Innenseite der Laustsprecher vibriert, der nicht über eine Membran, sondern über den Knochen Töne überträgt.

Drückt und stört nicht

Mit nicht mal 50 Gramm ist Google Glass sehr leicht, die Nasenpads drücken kaum und obwohl die Brille asymetrisch aufgebaut ist, ist sie doch gut ausbalanciert und man hat nicht das Gefühl, sie ständig geraderücken zu müssen. Wie erwähnt, sitzt das Glasprisma über dem Auge und stört das Blickfeld nur wenig.

Die wichtigsten Spezifikationen

  • Anzeige: LCoS-Microdisplay (640 x 360 Pixel), Prismaprojetion
  • Prozessor: OMAP 4430 SoC, zwei Kerne
  • Arbeitsspeicher: 1 Gigabyte (628 Megabyte für Entwickler)
  • Interner Speicher: 16 Gigabyte, 12 Gigabyte nutzbar
  • Kamera: 5 Megapixel, 720p-Videos
  • Gewicht: ca. 50 Gramm
  • Sensoren: Beschleunigung, Gyroskop, Kompass, Helligkeit, Näherung, Lage
  • Verbindungen: WLAN, Bluetooth, microUSB
  • Ton: Knochenleitungs-Lautsprecher
  • Betriebssystem: Android 4.0.4

Sitzt das Ding auf der Nase, hat man derzeit folgende Möglichkeiten: Man kann per Sprachbefehl Fotos aufnehmen, kurze Videos drehen, navigieren oder im Internet surfen und suchen. Und selbstverständlich erhält man auch alle automatischen Infos von Google Now. Verbindet man Glass via Bluetooth mit einem Smartphone, kann man auch Telefonate führen oder SMS-Nachrichten diktieren. Apps (Glassware) sind derzeit noch rar, Twitter, Facebook und der Erinnerungsdienst Evernote gehören zu den Pionieren. Außerdem kann man die Nachrichten der "New York Times" oder von CNN lesen. Mobil kann Glass dabei nur Daten über ein gekoppeltes Smartphone empfangen.

Grundsätzlich ist Glass inaktiv. Um die Brille aufzuwecken, hebt man den Kopf ruckartig nach oben oder - was etwas eleganter ist - man tippt auf das Touchpad. Will man dann einen Befehl erteilen, muss man zunächst "OK Glass" sagen, worauf die verfügbaren Kommandos angezeigt werden. Danach kann man beispielsweise mit "Take a picture" ein Foto machen oder mit "Record a video" ein Video aufnehmen. Einfach.

Die Dreharbeiten sind derzeit noch auf zehn Sekunden beschränkt. Man kann zwar längere Videos aufzeichnen, doch dann würde der Akku bei Weitem nicht den angestrebten Tag durchhalten, sondern nach rund 45 Minuten leer sein. Ebenfalls um den Akku zu schonen, schaltet sich Glass schnell wieder ab, wenn es keinen Input bekommt. Überlegt man zu lange, darf man erstmal wieder "OK Glass" sagen.

Heimliche Aufnahmen nicht möglich

Das eingebaute Mikrofon versteht die Befehle sehr gut, so lange es nicht zu viele Nebengeräusche gibt. Man muss also nicht brüllen, um ein Foto zu machen. Unbemerkt kann man dabei aber auch nicht vorgehen. Um zu verhindern, dass man heimlich Fotos von Personen macht, muss man einen Befehl deutlich vernehmbar sprechen. Außerdem leuchtet der Bildschirm bei Aktivitäten. Und selbst wenn man diese Sicherungen umgeht, fällt man extrem stark auf, wenn man jemanden mit Glass am Brillengestell anstarrt.

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Um Glass einzurichten und alle seine Funktionen nutzen zu können, muss man es per Bluetooth mit einem Smartphone verbinden, auf dem die App MyGlass installiert ist.

(Foto: n-tv.de)

Das Gerät kann auch keine Gesichter automatisch erkenne n, Google hat diese Funktion nicht integriert und erlaubt sie in seinen Entwickler-Richtlinien auch nicht.

Bild und Ton okay

Durch Fotos, Videos und Webseiten blättert man, indem man horizontal über den Touchscreen streicht, vertikal geht man vor und zurück. Das Bild, das man mit 640 x 360 Pixeln vor dem Auge sieht, ist dabei recht deutlich und scharf. Laut Google entspricht die Größe etwa einem 25-Zoll-HD-Bildschirm. Allerdings fehlt der Anzeige noch etwas Kontrast und Leuchtkraft, weshalb man bei Sonnenschein kaum etwas erkennt.

Der Knochenleitungs-Lautsprecher funktioniert einwandfrei. Zwar ist der Ton sehr blechern (oder sollte man knöchern schreiben?), aber man versteht alles sehr gut, so lange es in der Umgebung nicht zu laut zugeht. Steht man neben einem Google-Glass-Träger, hört man ein leises Gequäke, kann aber nicht mithören, ohne sich auf Kuscheldistanz zu nähern.

Traum für Touristen, Albtraum für Datenschützer?

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Klaus Wedekind von Google Glass fotografiert.

(Foto: n-tv.de)

Alles in allem war es sehr spannend, Google Glass auszuprobieren, auch wenn die Technik noch nicht ausgereift ist. Man ahnt, was dami t möglich ist, sieht beispielsweise schon Touristen mit der Computerbrille durch Städte navigieren, alle Infos jederzeit vor Augen. Stellt man sich vor, dass Glass künftig bekannte Gegenstände oder Sehenswürdigkeiten automatisch erkennt, ist man der Zukunft schon einen Schritt näher.

Google wird aber sehr viel Arbeit darin investieren müssen, Bürger, Behörden und Verbraucherschützer davon zu überzeugen, dass Glass keine Datenschutzrechte Dritter verletzt und sorgsam mit gesammelten Nutzer-Informationen umgegangen wird.

Der US-Nachrichtendienst NSA könnte Google in dieser Hinsicht einen Bärendienst erwiesen haben. Denn das Bild von US-amerikanischen Spitzeln, die über Googles Server mitsehen und lauschen, wird die Debatte um Glass sicher noch lange begleiten.

Vorerst müssen sich deutsche Datenschützer aber noch keine Gedanken machen. 2014 könnte die Computerbrille auf den Markt kommen. Wie Google schreibt, wird Glass aber zunächst nur in den USA erhältlich sein, da man sich fürs Erste auf diesen Markt konzentrieren wolle.

Quelle: n-tv.de

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