Technik

Tablet statt Klausurbogen Internat lässt Abitur papierlos schreiben

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Antonia Klinger hat sich an die papierlose Schule gewöhnt.

(Foto: dpa)

Auf einer Privatschule in Bayern lernen die Schüler schon lange weitgehend ohne Bücher und Hefte aus Papier. Nun dürfen sie erstmals auch das Abitur auf dem Computer schreiben. Tastaturen sind allerdings verboten.

Antonia Kilger vertraut der Technik. "Da kann nichts schiefgehen", sagt die 18-Jährige. Die Gymnasiastin der 12. Klasse an der Internatsschule Schloss Neubeuern gehört zu den ersten in Deutschland, die ihr Abitur nicht auf Papier, sondern auf einem Computer schreiben. 28 weitere Abiturientinnen und Abiturienten der noblen Privatschule tun es ihr gleich. Am kommenden Freitag beginnen in Bayern die schriftlichen Abiturprüfungen. Schon seit der 9. Klasse lernen die angehenden Akademiker auf einem Tablet-Computer.

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Die Tablets werden für den Unterricht in Spezialtische eingelassen.

(Foto: dpa)

Keine Tafel, keine Kreide, keine Hefte, keine Bücher – stattdessen futuristisch anmutende Schreibtische mit Dockingstation für den PC – das digitale Klassenzimmer ist in dem altehrwürdigen Schloss nahe Rosenheim Alltag. Lehrer und Schüler verzichten von der 9. Klasse an auf Tinte und Papier. Stattdessen haben alle Schüler ein Tablet. Auf dem Display schreiben sie mit einem Stift elektronisch, die Software erkennt die Handschrift des Schülers. Arbeiten werden dem Lehrer digital übermittelt.

Und nun kommt der nächste Schritt – das wohl deutschlandweit erste Abitur auf dem Computer. Erst habe die Bürokratie in München dem Ansinnen skeptisch bis ablehnend gegenübergestanden, erinnert sich Schulleiter Jörg Müller. "Doch dann konnten wir auch die Juristen im Kultusministerium überzeugen." Geschlossene Netzwerke sorgen dafür, dass die Abiturienten keinen Zugriff auf Daten von außerhalb haben, also nicht elektronisch spicken können. Sie bekommen für die Prüfungen nagelneue Laptops von der Schule gestellt, die mit nur einem Programm konfiguriert sind.

Tastaturen wären ungerecht

Beim ersten Abitur auf dem Tablet-PC dürfen die Schüler allerdings nur mit den Eingabestiften schreiben – die Tastatur ist tabu. "Wir sind noch nicht da angekommen, wo wir hinwollen", erläutert Müller. Das Ministerium argumentiert, das Schreiben auf Tastatur gehe deutlich schneller als mit dem Kugelschreiber. Müller würde im Gegenzug sogar die Prüfungsdauer für seine Schüler verkürzen und ist sich sicher, dass seine Schützlinge dies akzeptieren würden.

Vorerst gibt es aber ein Tastatur-Verbot, sodass 65 Prozent der Schüler ihre Deutsch-Abiturprüfung – und nur diese – doch noch auf Papier schreiben. Ohnedies werden alle Prüfungsaufgaben nach der elektronischen Abgabe ausgedruckt, mit Tinte korrigiert und so mehrere Jahre archiviert. Auch das will der ehrgeizige Schulleiter im Laufe der Jahre aber abschaffen.

Antonia Kilger lernt schon im vierten Schuljahr in Folge nur noch mit ihrem Tablet-PC. "Anfangs fand ich es cool, dann kamen Zweifel auf", erinnert sich die junge Frau, die später Betriebswirtschaftslehre oder Jura studieren möchte. "Nach einem Jahr waren aber alle Bedenken verflogen."

Auch Mitschüler Christopher Hardy verspürte in den ersten Wochen des Unterrichts mit dem PC Verunsicherung. "Es war aufregend und lief holprig an", sagt der 18-Jährige aus dem rheinland-pfälzischen Weinort Wachenheim. "Aber wenn Neubeuern etwas macht, dann ganz", lobt der Abiturient seine Schule. Alle Vorbehalte seien nach kurzer Zeit ausgeräumt worden.

Internat wird erweitert

Auch Englischlehrer Sebastian Görlitz ist zuversichtlich, dass beim ersten elektronischen Abitur alles gut geht. "Die Schüler haben die allerwenigsten Probleme damit", meint der 31-Jährige. So mancher ältere Lehrer tue sich da schon schwerer.

Das Kultusministerium beobachtet die Premiere genau. "Wir sammeln erstmals Erfahrungen, wie das Abitur vor dem Hintergrund der Gleichbehandlung aller Schüler auch auf PC geschrieben werden kann", sagt Ministeriumssprecher Ludwig Unger.

Das Alleinstellungsmerkmal der ersten papierlosen Schule Deutschlands kommt anscheinend gut an. Auf dem Schlossberg von Neubeuern entsteht gerade ein Erweiterungsbau mit 35 neuen Internatsplätzen. 180 Heim- und 50 Tagesschüler sollen dann in dem Schloss mit den pittoresk anmutenden Türmchen Platz haben. Die Kinder und Jugendlichen kommen aus aller Welt: China, Korea, Pakistan, Vietnam oder die Ukraine sind nur einige der Herkunftsländer. Wer sein Kind nach Neubeuern schickt, muss freilich eine dicke Brieftasche haben: Allein die Internatsgebühr beträgt 2840 Euro im Monat, Kaution und Aufnahmegebühr kommen hinzu.

Quelle: ntv.de, Paul Winterer, dpa

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