Wirtschaft

Kritik an Alzheimer-Medikament 56.000 Dollar für ein Jahr Hoffnung

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(Foto: picture alliance / ASSOCIATED PRESS)

Die Wirksamkeit von Aducanumab ist umstritten. Trotzdem soll das neue Alzheimer-Medikament 56.000 Dollar pro Jahr und Patient kosten. Die Nachfrage dürfte hoch sein. Aktionäre des Hersteller sind begeistert, Patientenschützer entrüstet.

Der Preis für das in den USA jetzt erstmals zugelassene Alzheimer-Medikament des Biotech-Konzerns Biogen übertrifft selbst die kühnsten Erwartungen der Branchenexperten. Finanzanalysten hatten erwartet, dass ein privates Unternehmen es sich nicht nehmen lassen würde, nach jahrelanger teurer Entwicklungsarbeit, das zeitlich begrenzte Monopol eines zu erwartenden Blockbusters zu nutzen, um Kasse zu machen. So hatte etwa das Analysehaus Evercore ISI den Preis auf 10.000 US-Dollar pro Patient und Jahr geschätzt, die Schweizer Bank UBS sogar auf 24.000. Multipliziert mit Millionen von potenziellen Patientinnen weltweit hätten solche Preise Biogen Jahr für Jahr hohe Milliardensummen in die Kasse gespült.

Doch damit will sich Biogen offenbar nicht zufrieden geben. Nach Erteilung der Zulassung durch die US-Arzneimittelbehörde FDA gab das Unternehmen bekannt, dass es 56.000 Dollar für die Behandlung mit Aducanumab verlangen wird. Die Entrüstung von Patientenschützern und Aktivisten, die sich für die Bezahlbarkeit von Medikamenten einsetzen, ist groß – ebenso groß wie die Begeisterung der Anleger an der Börse. Der Kurs der Biogen-Aktie sprang innerhalb von Minuten um 60 Prozent in die Höhe.

Die Erwartung der Anleger und Befürchtung der Patientenschützer beruhen auf derselben Annahme. Angesichts der entsetzlichen Auswirkungen der Krankheit dürften Alzheimerpatienten, ihre Angehörigen und Versicherungen bereit oder gar gezwungen sein, nahezu jeden geforderten Preis für Aducanumab zu zahlen. Das Präparat ist das erste neu zugelassene Alzheimer-Medikament in den USA seit etwa 20 Jahren.

Fairer Preis auf 2500 bis 8300 Dollar geschätzt

Dass Kritiker bemängeln, die Wirkung von Aducanumab sei durch die der FDA vorgelegten Studien keineswegs eindeutig belegt, dürfte der Nachfrage kaum einen Abbruch tun. "Die Leute werden 56.000 für eine Hoffnung bezahlen", zitiert die "Financial Times" David Mitchell, den Gründer der Organisation Patienten für bezahlbare Medikamente. Tahir Amin von der Initiative Medikamente, Zugang und Wissen sagte der Zeitung, "Firmen wie Biogen" dürften sich nicht "mit Nachfrage aufgrund von falschen Hoffnungen bereichern".

Preise für – insbesondere patentgeschützte – Arzneimittel sorgen immer wieder für Diskussionen. Die Pharmabranche argumentiert oft, die Aussicht auf hohe Gewinne sicherten Anreize für die teure, in vielen Fällen auch erfolglose Forschung, die notwendig sei, um Krankheiten wie Alzheimer zu heilen. Versicherungen, Behörden und Organisationen haben verschiedene Modelle entwickelt, um einen fairen Wert für patentgeschützte Arzneimittel zu ermitteln.

Laut dem amerikanischen Institute for Clinical and Economic Review wäre der Preis von Aducanumab nur dann gerechtfertigt, wenn das Medikament Alzheimer erwiesenermaßen stoppen und nicht nur verlangsamen würde. Ein den tatsächlichen Studienergebnissen entsprechender fairer Preis läge demnach zwischen 2500 und höchstens 8300 Dollar pro Behandlungsjahr.

Quelle: ntv.de, mbo

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