"Vielleicht gerade begonnen"Abverkauf der Techwerte - platzt jetzt die KI-Blase?
Von Christina Lohner
Teils zweistellige Kursverluste bringen die Sorge vor einer KI-Blase zurück. Kapitalmarktexperten raten, das eigene Portfolio zu diversifizieren.
Unter Anlegern geht wieder die KI-Angst um. Der Ausverkauf von US-Aktien hat auch die asiatischen Börsen erfasst. In Südkorea wurde der Handel kurz nach Beginn sogar ausgesetzt, weil der wichtigste Index Kospi um fünf Prozent eingebrochen war. Hierzulande sind die Dax-Gewinne seit Jahresbeginn schon wieder aufgezehrt.
Analysten der Deutschen Bank sehen in der Kurskorrektur bei US-Software-Aktien ein ähnliches Muster wie im Jahr 2000, als die Dotcom-Blase zu platzen begann. Kapitalmarktstratege Stefan Riße sieht ebenfalls extreme Überbewertungen und damit eine KI-Blase an der Börse, auch wenn die Techkonzerne nicht so stark überbewertet seien wie die Internetfirmen in den 2000er Jahren. Aufgeblasen seien die Werte etwa durch den großen Anteil von Privatanlegern in den USA, sagt Riße von der Acatis Investment Kapitalverwaltungsgesellschaft im Gespräch mit ntv.de. Heftige Kursrutsche seien möglich, wie 2022. In dem Jahr hatte der technologielastige Nasdaq-Index ein Drittel verloren. "Die Blase hat vielleicht gerade angefangen zu platzen", meint Riße.
Fondsmanager David Wehner dagegen findet nach den Verwerfungen der vergangenen Tage zwar die Frage berechtigt, ob es sich nun um das Platzen einer Blase handelt. Seine Antwort lautet jedoch: Nein. "Vielmehr handelt es sich um eine notwendige und gesunde Korrektur innerhalb eines weiterhin intakten Trends", sagt Wehner von FGTC Investment ntv.de. "Langfristig orientierte Investoren sollten unbedingt Ruhe bewahren und diese Kursrücksetzer aktiv nutzen."
Der Kapitalmarkt hegt schon länger Zweifel, ob sich die gigantischen Investitionen der Techriesen in KI am Ende auszahlen werden. Das führt dazu, dass zurzeit nicht einmal mehr gute Unternehmenszahlen zu steigenden Kursen führen, wenn gleichzeitig unerwartet hohe Investitionen angekündigt werden. Jüngstes Beispiel ist Amazon, dessen Aktien im nachbörslichen Handel zeitweise um 11,5 Prozent abstürzten. Der Online-Riese hatte angekündigt, seine Investitionsausgaben in diesem Jahr um mehr als die Hälfte zu erhöhen: Rund 200 Milliarden US-Dollar sollen unter anderem in KI, Chips, Robotik und Satelliten fließen. Der Gewinn betrug im vergangenen Quartal unterm Strich rund 21 Milliarden Dollar.
Kursverluste als Chance?
Schon seit Tagen geht es für die Techwerte bergab. Vergangene Woche hatte der OpenAI-Rivale Anthropic mit einem Angebot für juristische Dienstleistungen einen Kursrutsch bei Spezialisten für klassische Software in dem Bereich ausgelöst. Nun stellte das KI-Unternehmen weitere Fähigkeiten seiner Software vor, die unter anderem auch Aufgaben der Finanzanalyse übernehmen soll. Daraufhin verloren Aktien von Finanzanalyse-Firmen deutlich.
Hinter den Kursverlusten steht die Sorge, neue KI-Modelle könnten die Gewinne von Softwarefirmen schmälern. Gleichzeitig gehen Anleger in vielen Marktsegmenten von steigenden Kursen aus, wie Wehner erklärt. "In solchen Phasen ist es nicht ungewöhnlich, dass gerade die bisherigen Börsenlieblinge stärker unter Druck geraten als der breite Markt." Er sieht in dem aktuellen Abverkauf deshalb eine angemessene Konsolidierung.
Anleger könnten die Kursverluste für sich nutzen. "Es ist auch spannend, Branchen ins Auge zu fassen, die derzeit stark durch das KI-Narrativ unter Druck gekommen sind, wie Software", sagt der Fondsmanager. "Diese Unternehmen sind günstig bewertet und möglicherweise ein Stabilisator im Portfolio, wenn die kurzfristigen Erwartungen an KI nicht erreicht werden."
Wichtig sei Diversifikation, betont Wehner: "KI und die Unternehmen der ersten Reihe dürfen nur ein Bestandteil eines ausgewogenen Portfolios sein." Riße warnt ebenfalls vor einem großen Klumpenrisiko etwa beim MSCI World. Er würde den hohen Anteil von US-Techaktien reduzieren und sich stärker in Richtung Europa und Old Economy wie Industrie oder Pharma orientieren.
Ein Platzen hätte auch Gewinner
Wehner sieht die Gefahr einer KI-Blase - und dass diese platzt - erst in den kommenden Jahren. Ein mögliches Platzen würde zudem nicht alle Unternehmen gleichermaßen treffen, prognostiziert der Fondsmanager. Neben Verlierern würde es auch Gewinner geben, die sich durchsetzen.
Riße stellt klar, dass sich eine KI-Blase seiner Einschätzung nach bisher nur an der Börse bildet, nicht in der Realwirtschaft - eine Investitionsblase sieht der Kapitalmarktstratege nicht. Denn die Investitionen der meisten KI-Unternehmen seien nicht größer als deren freier Cashflow. "Es gibt einen riesigen Run auf KI, alle Unternehmen wollen KI integrieren. Wir sehen auch erste Produktivitätsgewinne mit KI", sagt Riße. "Der Investitionsboom ist noch nicht in einer Blase."