Wirtschaft

Strikeotober in den USA Amerikaner erstreiken sich mehr als nur Geld

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Bereits seit 2019 kommt es in den USA immer wieder zu Arbeitskämpfen.

(Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Die Pandemie verschiebt die Prioritäten vieler Arbeitnehmer. Wer sich dem Risiko einer Covid-Infektion aussetzt, will dafür wenigstens ordentlich bezahlt werden - aber nicht nur das. Die USA erleben deswegen eine ungeheure Streikwelle. Das Momentum könnte auf der Seite der Streikenden sein.

Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in den Vereinigen Staaten haben genug - sie streiken. In Iowa hat die Belegschaft des Landmaschinenherstellers John Deere den Betrieb lahmgelegt. In Battle Creek stehen Streikposten vor den Werken des Cornflakes-Herstellers Kellogg's. Mehr als 25.000 Angestellte der Filmindustrie in Los Angeles haben sich für einen Streik ausgesprochen. Zwar konnte er erst mal durch eine Einigung verhindert werden. Aber keiner weiß, welche Mitarbeiter ebenfalls die Arbeit niederlegen könnten.

Die einzelnen Bewegungen gelten bisher als weitgehend unorganisiert und wenig untereinander vernetzt. Trotzdem ist mit den Streiks und dem vorläufigen Höhepunkt zu Beginn dieses Monats bereits ein neues Wort in das Vokabular der Amerikaner aufgenommen worden: Strikeotober.

Die Entwicklung ist nicht ganz neu. Bereits seit 2019 kommt es in den USA immer wieder zu Arbeitskämpfen - allerdings erreichen die jüngsten Streiks noch einmal ganz neue Dimensionen. Manche sprechen gar von einem Generalstreik, der da gerade aufziehen könnte.

Zahl offener Stellen auf Rekordhoch

In der britischen Zeitung Guardian schrieb Robert Reich, der Arbeitsminister in der ersten Clinton-Regierung, die Pandemie habe die Prioritäten vieler Menschen verschoben. Wer "Elend, Krankheit und Tod" ausgesetzt sei, ließe sich also nicht mehr mit Krumen abspeisen. Jacob Kirkegaard, Senior Fellow beim German Marshall Fund, sieht das ähnlich. "Wer dem Risiko einer Covid-Infektion ausgesetzt ist, will mehr", sagt er. Vor allem Menschen im Gesundheitssektor und in der Gastronomie wollen sich nicht mehr dem Risiko einer Ansteckung aussetzen, ohne dafür ordentlich bezahlt zu werden.

Das ist wenig verwunderlich. Erstaunlich hingegen ist, dass sie diesmal das Momentum dafür auf ihrer Seite zu haben scheinen. Die Zahl der offenen Stellen liegt auf einem Rekordhoch, die Zahl derer, die Arbeit suchen, auf einem Rekordtief. Während der Pandemie haben viele Menschen ihren Job gekündigt. Im August allein 4,3 Millionen. Das ist die höchste Rate seit dem Jahr 2000. Gleichzeitig gehen viele in den Ruhestand. In den USA gibt es derzeit rund zehn Millionen unbesetzte Jobs. Dem stehen etwa acht Millionen Arbeitssuchende gegenüber.

Viele Unternehmen, vor allem die großen, haben daher inzwischen von sich aus die Löhne über den Mindestlohn hinaus angehoben, um überhaupt noch Arbeitnehmer zu finden. E-Commerce-Riese Amazon will etwa 125.000 Menschen einstellen. Das könnte angesichts der aktuellen Arbeitsmarkt-Situation schwierig werden. Auch die Giganten im Land haben ihre Löhne in diesem Jahr mehrmals angehoben. Walmart auf 16,40 Dollar, Starbucks auf 15 Dollar. Im vergangenen Jahr hat sich der Durchschnittslohn um mehr als einen Dollar erhöht.

Auch Einwanderung kann Bedarf kaum decken

Fraglich ist nur, ob das reichen wird, um die Streikwelle brechen zu können. Denn im Grunde fordern die Amerikaner mehr als nur ein bisschen mehr Geld. Sie fordern einen grundlegenden Wandel des Systems. Und sie haben dabei gerade nicht nur das Momentum auf ihrer Seite, sie haben auch einen wichtigen Verbündeten: die Regierung. Denn Joe Biden gilt als der gewerkschaftsfreundlichste Präsident seit Jimmy Carter.

"Die Menschen streiken nicht nur für bessere Löhne, sondern für bessere Bedingungen", sagt Kirkegaard. Der amerikanische Arbeitsmarkt und die wirtschaftliche Entwicklungen der vergangenen Monate spielen ihnen dabei in die Karten: Die USA erleben einen Boom, der durch die Stimulus Checks während der Pandemie mit angeheizt worden ist. "Die Leute haben gerade viel Geld und geben das auch aus", so Kirkegaard. Gleichzeitig aber haben mehr als 50 Prozent der Amerikaner quasi keine Ersparnisse, sie leben von Paycheck zu Paycheck. "Sie müssen arbeiten, um essen zu können", sagt Kirkegaard.

Nach Jahrzehnten der Stagnation der Löhne, schwindender Arbeitsplatzsicherheit und schlechten Arbeitsbedingungen fordern viele jetzt, dass sich daran etwas ändert. Und weil ebenso viele Arbeitskräfte gekündigt haben oder in Rente gehen, sind die Unternehmen auf die angewiesen, die noch da sind. Auch die Einwanderung kann den Bedarf an Arbeitern kaum noch decken.

Auch ein Ende der Streiks ist nicht in Sicht. Jedenfalls nicht, solange der wirtschaftliche Aufschwung in den USA anhält. Denn solange haben die Unternehmen Geld - und davon wollen immer mehr Arbeitnehmer etwas abhaben. In vielen Regionen des Landes beginnt sich der Arbeitskampf sogar immer mehr zu organisieren. In New York könnte es etwa bald zu einer Abstimmung darüber kommen, ob Amazon dort eine Gewerkschaft bekommt. Für Jeff Bezos sicher ein Albtraum, doch ganz sicher ein Zeichen dafür, wie sehr sich die Machtverhältnisse in den vergangenen 18 Monaten verschoben haben.

Fundamentaler Wandel über Arbeitsmarkt hinaus

Momentan heizt die Regierung in Washington unter Joe Biden den Boom noch mit ordentlich Geld an. Der Arbeitskampf spielt auch ihm auf lange Sicht in die Karten. Wenn viele Arbeiter jetzt gute Arbeitsbedingungen erkämpfen und Gewerkschaften es schaffen, diese auch zu sichern, könnte das ihm und den Demokraten politisches Kapital für künftige Wahlen liefern.

Kirkegaard sieht das Land bereits in einem fundamentalen Wandel, der weit über den Arbeitsmarkt hinausgeht. "Biden schiebt das Land in Richtung erneuerbarer Energien, er erweitert den Wohlfahrtsstaat. Man kann sagen, er arbeitet daran, dass die USA mehr wie Europa werden", sagt der Wissenschaftler. Auch wenn um die Programme, die Biden angeschoben hat, im Moment erbittert gestritten wird, und auch wenn das Geld, das ursprünglich einmal in sie fließen sollte, weniger wird - Kirkegaard ist davon überzeugt, dass der Präsident sie dennoch durchsetzen wird.

Vieles deutet also darauf hin, dass die Menschen in den USA sich bessere Arbeitsbedingungen erstreiten werden, dass die Gewerkschaften, die über Jahrzehnte klein gehalten worden sind, neue Stärke gewinnen und dass sich das Land in Gänze verändern wird.

Dieser Artikel ist zuerst bei Capital.de erschienen.

Quelle: ntv.de

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