Wirtschaft

Systemkritischer Finanzgigant Ant kann China aus den Angeln heben

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Die Ameise ist klein, die Ant Group riesig.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der Börsengang von Ant sollte der größte der Welt werden, aber 36 Stunden vor Vollzug zieht die chinesische Finanzaufsicht die Notbremse. Gründer Jack Ma hatte sie gegen sich aufgebracht. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Die kleine Ameise scheint selbst der Volksrepublik zu groß.

Am 24. Oktober hält Jack Ma die vielleicht kostspieligste Rede der Welt. In knapp zwei Wochen will der Gründer des chinesischen Shopping-Riesen Alibaba mit seinem Mega-Fintech Ant an die Börse gehen. Es wäre der lukrativste Börsengang der Welt. Die kleine Ameise wird zu diesem Zeitpunkt mit mehr als 300 Milliarden Dollar bewertet, gut 37 Milliarden Dollar will man von neuen Investoren einsammeln.

Ma spricht bei seinem Auftritt in Shanghai von einem "Wunder". Beim Publikum aus Politik und Wirtschaft kommt das an. Was er als Nächstes sagt, nicht. Ma knöpft sich die staatliche Finanzaufsicht und die Banken vor. Sie seien von gestern und setzten mit ihrer vorsichtigen Kreditvergabe die Zukunft von China aufs Spiel, wirft er ihnen sinngemäß vor. "Das hat das Fass wahrscheinlich zum Überlaufen gebracht", sagt Thomas Rappold, Fintech-Unternehmer und Investor, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". "Im Auditorium saß anscheinend ein führender Kopf der chinesischen Bankenregulierung, der das politisch weitergetragen hat."

Jack Ma habe mit seiner Rede viele Funktionäre und Aufseher in Peking sehr wütend gemacht, heißt es nach seinem Auftritt in der Finanzwelt. Anscheinend auch den chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Angeblich schreitet er persönlich ein, um Ma in die Schranken zu weisen. Zwei Tage vor dem Börsendebüt stellen die Finanzaufsichtsbehörden plötzlich neue Regulierungspläne für die Mikrokredit-Branche vor, bestellen Jack Ma und die beiden wichtigsten Ant-Vorstände zum Rapport und teilen dem reichsten Mann Chinas deutlich mit: Ihr müsst nachbessern. Der größte Börsengang der Welt wird 36 Stunden vor Vollzug abgesagt.

"Man kann den Behörden vorwerfen, dass sie es so kurzfristig gemacht haben", sagt Thomas Rappold. "Aber ich denke, es war wichtig, das zu machen."

Ant ist eine "ganz andere Hausnummer"

Der Investor hält Ant für kein gewöhnliches Unternehmen, sondern für den internationalen Standard in seiner Branche. Ein "Fintech 4.0", das in einem Unternehmen Digitalwährungen, Künstliche Intelligenz und Machine Learning vereint. "Eine ganz andere Hausnummer als alles, was wir kennen", sagt Rappold. Europäische und amerikanische Fintech seien im Vergleich dazu Zwerge. Und wer sich die Zahlen von Ant anschaut, kann nur zustimmen.

Bekannt geworden ist das Giga-Unternehmen mit Alipay, einer App für mobiles Bezahlen. Jack Ma hatte sie ursprünglich als bequeme Zahlungsmöglichkeit für seinen Amazon-Rivalen Alibaba entwickelt. Heute wird sie regelmäßig von etwa 70 Prozent der chinesischen Bevölkerung genutzt, also etwa einer Milliarde Menschen. Aber längst nicht mehr nur bei Alibaba, sondern überall. Online, im Supermarkt, im Kino, an der Tankstelle. Ant kontrolliert zwei Drittel des mobilen Payment-Marktes, den Rest hat sich der Internetgigant Tencent mit seiner Social-Media-App WeChat gesichert.

"Chinesen kennen in dem Sinne kein Bankkonto", sagt Thomas Rappold. Es gebe keine richtige Beziehung zwischen Kunden und einer Bank - dieses Thema hätten sie übersprungen. "Aber jeder hat ein Smartphone und ist digital erreichbar." Ant habe mit den Wallets, den digitalen Geldbörsen, eine Lücke geschlossen, erklärt der Finanzexperte.

Das Tor zur chinesischen Finanzwelt

Alipay ist ein riesiges Geschäft, in den Büchern des Fintechs aber nur noch für ein Drittel des Umsatzes verantwortlich. Denn die App war der Türöffner zu einem noch viel größeren Markt: Finanzdienstleistungen. Mithilfe von Ant können eine Milliarde Menschen nicht nur bezahlen, sondern Kredite aufnehmen, Aktien kaufen oder Versicherungen abschließen. Es wäre kein Bezahlunternehmen an die Börse gegangen, sondern ein komplettes Ökosystem, sagt Thomas Rappold. "Jedes Finanzunternehmen, das einen Fuß in den chinesischen Markt bekommen und dort Produkte verkaufen möchte, kann nur über Ant eintreten. Es ist das zentrale Tor zum Kunden."

Der Experte kann sich deshalb sehr gut vorstellen, dass das Giga-Unternehmen in wenigen Jahren das wertvollste der Welt ist - vor Apple, Amazon und Microsoft, auch wenn es noch ein weiter Weg wäre. Die drei US-Riesen sind jeweils etwa 1,3 Billionen Dollar wert.

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Thomas Rappold ist seit über zehn Jahren erfolgreicher Unternehmer einer Internet-Beratungs-und Beteiligungsgesellschaft.

(Foto: privat)

Aber diese Plattform-Funktion, vermutet Thomas Rappold, ist der eigentliche Grund, warum die chinesischen Behörden den Börsengang in letzter Minute gestoppt haben. Denn öffentlich hat Ant seine Rolle im chinesischen Finanzsystem jahrelang mit teils absurden Maßnahmen heruntergespielt. Unter anderem hat Jack Ma den offiziellen Namen von "Ant Financial" zu "Ant Group" geändert. Außerdem betont er gerne, dass Ant kein Fintech, sondern ein Techfin sei - also ein Technologie-Unternehmen, das ein bisschen was mit Finanzen zu tun habe.

Es war ein Theaterstück, das die chinesischen Aufseher akzeptiert haben. Irgendwo verständlich, Ant ist schließlich ein chinesisches Unternehmen, das seiner Konkurrenz auch in den USA und Europa meilenweit voraus ist. Dafür klatscht man in der kommunistischen Diktatur gerne Beifall.

Die Finanzaufsicht kommt ins Schwitzen

Aber für den Börsengang musste Ant sein gigantisches Zahlenwerk erstmals für potenzielle Investoren öffnen. Die waren begeistert, angesichts der Summen, die im Prospekt aufgeführt wurden. Aber die Aufseher seien überrascht gewesen, heißt es in der Finanzwelt. Oder, wie Thomas Rappold sagt: "Der Schweiß dürfte ihnen bei dem Anblick eiskalt den Rücken hinuntergelaufen sein."

Besorgniserregend ist vor allem das Kreditgeschäft. Das organisiert Ant auf seiner Plattform und ersetzt damit praktisch chinesische Banken, die dazu aufgrund der fehlenden Konten nicht in der Lage waren. Jack Ma betreibt die flexible Kreditvergabe an Kleinunternehmer und Privatpersonen unter dem Deckmantel von Innovation und Unternehmertum. Ohne Geld bleibt eine Idee nur eine Idee, argumentiert er auch in seiner kostspieligen Rede in Shanghai. Allerdings sind die Summen riesig und Risiken sehr einseitig verteilt: Ant bewertet mit seinen digitalen Werkzeugen die Bonität der Kunden, vermittelt sie an eine Bank und kassiert dafür eine Provision. Kredite über 250 Milliarden Dollar wurden auf diese Weise bereits vergeben, von denen Ant aber nur 2 Prozent mit eigenem Kapital gedeckt hat, das Restrisiko tragen die Banken - in der Annahme, dass Ant mit seiner Risikobewertung richtig lag und die Kunden die Raten zurückzahlen. Oder in der Hoffnung, denn Ant soll Berichten zufolge auch die Kreditvergabe an ärmere Menschen forciert und viele damit in eine Schuldenfalle getrieben haben.

China will den Wilden Westen beenden

Ant ist ein systemkritisches Unternehmen. Eine Pleite könnte erst den Kreditmarkt und dann die Volksrepublik komplett aus den Angeln heben. Deshalb das neue Regelwerk der Finanzaufsicht, das unter anderem vorsieht, dass Anbieter von Mikrokrediten wie Ant künftig 30 Prozent der Kreditsumme mit Eigenkapital unterlegen müssen. Auch für Internetriesen wie Alibaba und Tencent werden die Regeln deshalb verschärft. Ihre Dominanz soll gebrochen werden, bevor es zu spät ist.

China wolle den Wilden Westen beenden, bevor man in einer Situation wie die USA lande, sagt Thomas Rappold. Dort hätten Elon Musk oder Mark Zuckerberg früher auch "break and go forward" propagiert, also: Für den Erfolg brechen wir notfalls alle Regeln, um die Konsequenzen kümmern wir uns später. Erst jetzt, wo Facebook bereits mit WhatsApp und Instagram verwachsen ist, überlegt die Politik, ob das Unternehmen womöglich zu groß und zu mächtig ist.

Aber die neuen Fesseln sind kostspielig. Investoren haben erkannt, dass die Zeichen für chinesische Giganten zumindest vorübergehend auf Sturm stehen. In den ersten zwei Tagen, nachdem die neuen Regeln verkündet wurden, verloren sie an den Börsen fast 290 Milliarden Dollar an Wert. Ant werde mehrere Monate nacharbeiten müssen, um sein Geschäftsmodell anzupassen, sagt Finanzexperte Rappold. An einem Börsengang zweifelt er allerdings nicht, die "halbe prominente chinesische Finanzwelt ist darin verankert: Staatsfonds, Pensionsfonds, auch amerikanische Großanleger".

Ant ist in jeder Hinsicht ein riesiges Unternehmen. Auch, wenn es mutmaßlich nicht mehr zum größten Börsengang aller Zeiten reichen wird. Durch die neuen Regeln ist der Finanzgigant aktuell "nur noch" 150 Milliarden Dollar wert.

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Quelle: ntv.de