Wirtschaft

Gerichtskrieg um Glyphosat Anwalt stellt Bayer die Milliarden-Dollar-Frage

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Eine dritte Gerichtsschlappe könnte Bayer in der Glyphosat-Affäre zu einem Vergleich zwingen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Zwei Rentner aus Kalifornien könnten Bayer die entscheidende Niederlage im Gerichtskrieg um den Unkrautkiller Glyphosat bescheren: Geht der dritte Prozess verloren, muss der Chemieriese womöglich etliche Milliarden an über 13.000 Kläger zahlen.

Alva und Alberta Pilliod sind über 70 Jahre alt und schwerkrank. Für Bayer könnten sie sich als langfristige Belastung erweisen. Die beiden Rentner aus dem kalifornischen Livermore haben Krebs: In Alvas Körper hat er sich bis in die Knochen und das Rückenmark ausgebreitet, Alberta leidet unter einem Gehirntumor. Die Schuld daran geben sie Bayer: Seit den 70er-Jahren versprühen sie den Unkrautkiller Roundup von Monsanto, der den Wirkstoff Glyphosat enthält. Eine Unterorganisation der Weltgesundheitsbehörde (WHO) stufte das Pflanzenschutzmittel 2015 als "wahrscheinlich krebserregend" ein.

Seit der deutsche Chemieriese den US-Saatguthersteller Monsanto im vergangenen Sommer für mehr als 63 Milliarden Dollar übernommen hat, haben mehr als 13.000 Menschen den Leverkusener Konzern in den USA verklagt. Der Fall von Alva und Alberta Pilliod könnte für Bayer nun zum Wendepunkt in der Prozesslawine werden. Nachdem US-Gerichte im August erst dem Hausmeister Dewayne Johnson aus San Francisco und im März Edwin Hardeman aus Nordkalifornien Schadenersatz von insgesamt rund 159 Millionen Dollar zugesprochen hatten, droht dem Dax-Konzern die dritte aufsehenerregende Niederlage mit Signalwirkung - und finanziell weitreichenden Folgen.

Gegen das erste Urteil zugunsten von Hausmeister Dwayne Johnson hat Bayer zwar Berufung eingelegt. Trotzdem werden die Kläger immer mutiger: Eine Milliarde Dollar Schadenersatz forderte Brent Wisner, der Anwalt der Pilliods, am Mittwoch in seinem Schlussplädoyer. "Das ist eine Zahl, die die Dinge ändert", sagte Wisner vor Gericht im kalifornischen Oakland. Nach fast sechs Wochen Prozess berät nun ab heute die Jury über das Urteil.

Milliardenschaden könnte Bayer umhauen

Eine weitere Schlappe vor Gericht könnte Bayer zwingen, sich mit den anderen tausenden Klägern auf einen Vergleich zu einigen, um das Thema Glyphosat zu den Akten zu legen. Denn allein in Kalifornien sind hunderte gleichgelagerte Klagen von Krebspatienten anhängig, die alle von dem gleichen Richter koordiniert werden, der auch über den Fall von Alva und Alberta Pilliod entscheidet. Deshalb ist der Prozess richtungsweisend.

Die Kosten für einen Vergleich mit allen Klägern könnten laut Analysten zwischen 3 und 5 Milliarden Dollar liegen. Die Ratingagentur Moody's glaubt, dass Bayer einen solchen Betrag zwar noch problemlos wegstecken könnte. Ab 20 Milliarden Dollar könnte es aber schwierig werden. Die Investmentbank Bryan Garnier warnte Anfang April, dass es für Bayer deutlich teurer werden könnte als fünf Milliarden Dollar, sollte der Pharma-Riese erst nach einem dritten verlorenen Prozess in Verhandlungen eintreten. Genau das passiert nun womöglich.

Trotzdem wäre jeder Vergleich wohl besser als der finanzielle Aderlass, den Bayer durch die Glyphosat-Affäre an der Börse erlebt. Seit der Monsanto-Übernahme im vergangenen Sommer hat die Bayer-Aktie rund 40 Prozent verloren. Fast 40 Milliarden Dollar Börsenwert sind bereits verpufft. Bayer-Chef Werner Baumann kämpft wegen des Vorwurfs, die Glyphosat-Risiken der Monsanto-Übernahme unterschätzt zu haben, um seinen Posten: Die Aktionäre verweigerten ihm auf der Hauptversammlung die Entlastung. Baumann ist damit der erste Dax-Chef, dem die Anleger ganz offiziell das Vertrauen entzogen haben. Laut "Wirtschaftswoche" steht nun offenbar eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung an. "Ein 'Weiter so' kann es nicht geben", sagte ein Aufseher dem Blatt.

"Manipulation und Fälschung" bei Monsanto?

Denn auch die Pilliods haben gute Chancen, ihren Prozess zu gewinnen. Für eine Verurteilung von Bayer reicht es, wenn sie die Geschworenen überzeugen, dass Glyphosat wesentlich zu ihrem Krebs beigetragen hat. Die Monsanto-Anwälte versuchten diese Beweisführung mit aller Macht zu entkräften: Alva Pilliods schwaches Immunsystem habe sein Krebsrisiko vor vornherein erhöht. Und Alberta Pilliod habe schon vor ihrem 20. Geburtstag zu rauchen angefangen. Zudem warfen sie den Anwälten der Rentner gespielte Theatralik vor: "Angst vor Wissenschaft, Gefühle vor Beweisen".

Pilliod-Anwalt Brent Wisner warf Monsanto dagegen vor, Studien manipuliert und die Krebsrisiken von Glyphosat im Unkrautkiller Roundup besonders arglistig vertuscht zu haben. Zur Abschreckung sei deshalb ein außergewöhnlich hoher Strafschadenersatz fällig: "Wenn sie vermuten, dass ein Produkt Krebs hervorrufen könnte, müssen sie uns eine Wahl lassen. Wenn ein Mann und seine Frau dann Krebs bekommen, müssen sie zahlen", sagte Wisner vor Gericht.

Wisner legte zahlreiche interne Monsanto-Unterlagen vor, die "die Manipulation und Fälschung von Wissenschaft" bei der Vermarktung seines Unkrautkillers Roundup belegen sollen. Monsanto habe nicht nur versucht, Glyphosat von der Liste wahrscheinlich krebserregender Stoffe der US-Umweltbehörde EPA streichen zu lassen, indem die Firma Wissenschaftler für Gefälligkeitsgutachten bezahlte. Mailverkehr zwischen Monsantos Chef-Wissenschaftler William Heydens und anderen Monsanto-Forschern soll darauf hindeuten, dass der Konzern versucht hat, im Vorfeld der WHO-Entscheidung über Glyphosat als Ghostwriter Studien für vermeintlich unabhängige Experten zu verfassen: "Wir würden die Kosten niedrig halten, wenn wir das Schreiben übernehmen und sie bloß redigieren und sozusagen ihre Namen daruntersetzen", heißt es in einer Nachricht von Heydens aus dem Februar 2015. Für Bayer könnte sich diese Sparmaßnahme womöglich noch als sehr teuer erweisen.

Quelle: n-tv.de

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