Wirtschaft

Zwischen krank und arbeitsfähig Ärzte wollen neues Modell im Krankheitsfall

100565773.jpg

Arbeitnehmer müssen nach derzeitiger Gesetzeslage eine Krankschreibung vorlegen, wenn sie ihrem Job nicht nachgehen können.

(Foto: picture alliance / Sina Schuldt/)

Bislang haben Mediziner nur zwei Möglichkeiten: Entweder schreiben sie einen Patienten krank oder sie raten ihm, an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Der Marburger Bund will sich mit dieser Lösung nicht länger zufrieden geben und schlägt eine Alternative vor.

Um Beschäftigten lange komplette Krankschreibungen zu ersparen, schlägt der Ärzteverband Marburger Bund eine neue Form von Arbeitsminderungs-Bescheinigungen vor. Der Vorsitzende Rudolf Henke sagte: "Viele erkrankte Arbeitnehmer könnten wahrscheinlich schneller genesen und würden weniger lange dem Arbeitsprozess fernbleiben, wenn es nicht nur die Wahl zwischen Arbeitsfähigkeit und Arbeitsunfähigkeit gäbe." Bei Gewerkschaften und in der Politik stieß die Idee auf ein unterschiedliches Echo.

Sinnvoll wäre eine Bescheinigung einer vorübergehenden Minderung der Arbeitsfähigkeit, erläuterte der Marburger Bund. Damit könnten Ärzte verordnen, dass Arbeitnehmer - wenn vertretbar - wenige Stunden am Tag arbeiten können. "Tagesstruktur und Kontakt mit den Kolleginnen und Kollegen blieben erhalten, die Gefahr einer sozialen Isolation wäre deutlich gemindert", sagte Henke.

Ministerin befürwortet Diskussion

Bei psychischen Störungen, besonders bei Depressionen, könnten längere Krankschreibungen Symptome verstärken. "Oft kommt auch Angst um den Arbeitsplatz dazu." Ärzte sollten daher zum Beispiel verordnen können, dass ein Patient vier oder sechs Stunden Schonung bekommt, sagte der Verbandschef. "Ich bin sicher, dass durch eine Bescheinigung der Arbeitsminderung viele Fälle von längerer Arbeitsunfähigkeit verhindert werden und Patienten ihre Krankheit besser bewältigen können."

Beschäftigte müssen ihre Firma laut Gesetz zur Entgeltfortzahlung unverzüglich informieren, wenn sie wegen Krankheit nicht arbeiten können. Dauert dies länger als drei Kalendertage, müssen sie dazu auch eine ärztliche Arbeitsunfähigkeits-Bescheinigung vorlegen. Die bayerische Gesundheitsministerin Melanie Huml befürwortete eine Diskussion über die Idee einer Teilkrankschreibung. "Eine abgestufte Arbeitsunfähigkeit könnte in geeigneten Fällen Gesundheit und Wohlbefinden verbessern und zu einer schnelleren Rückkehr und höheren Rückkehrquote ins Erwerbsleben führen", sagte die CSU-Politikerin. Gefragt für neue Regelungen wäre der Bund.

Verdi: Arbeitnehmer einbeziehen

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) reagierte zurückhaltend. "Erst muss die Wiedereingliederung von kranken Menschen in die Arbeit funktionieren. Dann könnte man über ein gestuftes Verfahren für die Arbeitsfähigkeit nachdenken", sagte DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Nötig sei unter anderem, dass genügend Ärzte und Psychotherapeuten zur Verfügung stehen und es eine Verpflichtung der Arbeitgeber gibt, stufenweise Wiedereingliederungen zu ermöglichen. "Insgesamt muss die völlige Herstellung der Gesundheit der abhängig Beschäftigten im Zentrum der Diskussion stehen."

Der baden-württembergische Verdi-Landesbezirksleiter Martin Gross warnte davor, die Entscheidung allein dem Arzt zu überlassen. Wenn überhaupt, sollten Arbeitsminderungs-Bescheinigungen nur auf Wunsch des Arbeitnehmers erstellt werden dürfen, sagte er im Radioprogramm SWR Aktuell. "Ich glaube, dass es gut gemeint ist, aber dass Mediziner oft den arbeitsrechtlichen Aspekt, was Arbeitgeber daraus machen können, nicht berücksichtigen."

Quelle: n-tv.de, fzö/dpa