Wirtschaft
Experten untersuchen das selbstfahrende Auto von Uber, das in den Unfall verwickelt war.
Experten untersuchen das selbstfahrende Auto von Uber, das in den Unfall verwickelt war.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 20. März 2018

Nach dem Unfall in Arizona: Autonome Autos verlieren ihre Unschuld

Von Volker Petersen

In einem Vorort von Phoenix in Arizona kommt es zu einem tödlichen Autounfall. Eigentlich keine Meldung, wenn nicht ein autonom fahrendes Auto darin verwickelt gewesen wäre. Der Fall wirft Fragen auf. Experten versuchen jedoch, zu beruhigen.

Elaine Herzberg könnte eine der wenigen Frauen werden, die in die Geschichte des Automobils eingehen. Leider, muss man hinzufügen, denn die 49-Jährige ist der vermutlich erste Mensch, der von einem autonom fahrenden Auto tödlich verletzt wurde. Der aufsehenerregende Unfall ereignete sich am späten Sonntagabend in einem Vorort von Phoenix, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Arizona. In Tempe schob sie ihr Fahrrad über die Straße, als sie das Auto, ein SUV von Volvo, erfasste. Laut Polizei war Elaine Herzberg direkt aus dem Schatten auf die Fahrbahn getreten, berichtet die Zeitung "San Francisco Chronicle". Warum sie das tat, ist noch ebenso offen wie die Frage, warum das Auto mit rund 64 statt der erlaubten 56 km/h unterwegs war.

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Der Fall bringt das Thema Autonomes Fahren wieder in die Schlagzeilen. Mit ihm verlieren die selbstfahrenden Autos ihre Unschuld. Und damit kommen Ängste wieder hoch: Möchte man wirklich die Verantwortung fürs eigene und das Leben der anderen an einen Computer abgeben? Das Thema beschäftigt die Politik schon seit Langem, auch in Deutschland. Bereits im vergangenen Sommer legte eine Ethikkommission unter der Leitung des ehemaligen Richters am Bundesverfassungsgerichts, Udo di Fabio, einen Bericht dazu vor. In 20 Thesen schlugen die Experten die Pflöcke ein, um die das Autonome Fahren herum organisiert werden soll.

Entscheidend sind die ersten beiden Thesen. "Teil- und vollautomatisierte Verkehrssysteme dienen zuerst der Verbesserung der Sicherheit aller Beteiligten im Straßenverkehr", heißt es darin. Und: "Die Zulassung (…) ist nur vertretbar, wenn sie im Vergleich zu menschlichen Fahrleistungen zumindest eine Verminderung von Schäden im Sinne einer positiven Risikobilanz verspricht." Das heißt, etwas einfacher formuliert: Wenn selbstfahrende Autos sicherer als von Menschen gesteuerte sind, kann man sie zulassen. Man kann. Aber sollte man auch?

Unfälle werden sich nicht vermeiden lassen

Lutz Eckstein würde die Frage mit Ja beantworten. Der Ingenieur leitet das Institut für Kraftfahrzeuge (ika) der Technischen Hochschule in Aachen (RWTH). Der Professor forscht gemeinsam mit Wissenschaftlern sechs anderer Universitäten an einem selbstfahrenden Auto ohne Lenkrad. "Unfälle werden sich nie ganz vermeiden lassen", stellt er im Gespräch mit n-tv.de klar. Egal, wer das Auto steuere, ob Computer oder Mensch, es gebe Situationen, da lasse sich ein Zusammenprall physikalisch nicht mehr verhindern. Im Fall Elaine Herzberg handelte es sich offenbar um genau so einen Fall: Der Bremsweg war offenbar einfach zu kurz. So kurz, dass auch der Fahrer, der für solche Fälle zur Sicherheit am Steuer saß, nicht mehr eingreifen konnte.

Lutz Eckstein ist seit 2010 Professor an der RWTH Aachen und forscht zum Autonomen Fahren. Zuvor war er für Daimler und BMW tätig.
Lutz Eckstein ist seit 2010 Professor an der RWTH Aachen und forscht zum Autonomen Fahren. Zuvor war er für Daimler und BMW tätig.(Foto: ika, RWTH Aachen)

Für Eckstein ist klar, dass autonome Fahrzeuge Vorteile gegenüber solchen mit Menschen am Steuer haben. Ein autonom fahrendes Fahrzeug müsse sich immer an die Verkehrsregeln halten, was zu einem defensiveren Fahrverhalten führe. In gefährlichen Situationen habe ein automatisiertes Fahrzeug zudem eine wesentlich kürzere Reaktionszeit. Statt wie ein Mensch in einer Sekunde, könne ein Auto in wenigen Hundert Millisekunden reagieren. Außerdem habe ein autonomes Auto womöglich eine bessere Vollbremsfähigkeit – die manch ein Autofahrer erst in Fahrsicherheitstrainings lernen müsse. Eine demnächst erscheinende Studie der RWTH für das Bundesanstalt für Straßenwesen zeige, dass mit Technologien des automatisierten Fahrens die Straßen tatsächlich sicherer würden.

Aber wer haftet eigentlich, wenn niemand hinterm Steuer sitzt? Wer trägt die Schuld, wenn jemandem etwas passiert? Der Fahrgast sei es jedenfalls nicht, meint Eck. Der sei mit dem Passagier eines Taxis zu vergleichen – entsprechend liege die Verantwortung beim Autohersteller oder beim Betreiber des Fahrdienstes. Denn, so ist sich Eckstein sicher, Autonomes Fahren wird es nur mit einer Leitstelle im Hintergrund geben. Die Verantwortung für die Sicherheit der Fahrgäste liege dann möglicherweise auch bei den Lotsen.

Sicherheit das Argument - für Autonomes Fahren

Bis es so weit ist, dürfte aber noch einige Zeit vergehen. "Das, was Uber in Arizona versucht, ist noch sehr weit entfernt", sagt Eckstein. Ein autonom durch eine Stadt fahrendes Auto müsse mit allen möglichen Situationen allein fertig werden und sei entsprechend schwer zu entwickeln. Vielleicht sei es im Jahr 2030 so weit, meint der Experte. In den kommenden fünf Jahren könnte es aber bereits automatisierte Shuttles geben, die auf festgelegten Strecken mit fixen Haltepunkten unterwegs sind. Kurz vor der Serienreife stehe bereits eine Art Autopilot für die Autobahn, bei der das Privat-Auto sich in bestimmten Abschnitten vollständig selbst steuere. "Es gibt beim Autonomen Fahren nicht nur null und eins, sondern viele verschiedene Abstufungen", sagt der Aachener Professor.

So gesehen wird auch der erste tödliche Unfall das Autonome Fahren nicht aufhalten. Im Gegenteil, die Befürworter werden gerade mit der Sicherheit argumentieren, wenn sie sich für das fahrerlose Fahren einsetzen. Einfach so hinnehmen muss man den Tod von Elaine Herzberg aber dennoch nicht. Denn Uber wollte womöglich zu viel zu schnell – wenn man bedenkt, wie schwierig es ist, ein Auto ganz selbständig durch eine echte Stadt fahren zu lassen. Ihr Tod könnte insbesondere für hiesige Behörden eine Mahnung sein, bei der Genehmigung solcher Versuche Vorsicht walten zu lassen.

Quelle: n-tv.de