Wirtschaft

Stille Nacht in Deutschland Bahnstreik legt Zugverkehr lahm

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Die Bahn bemüht sich um Notfahrpläne: "Die Betonung liegt auf versuchen."

(Foto: REUTERS)

Bundesweit herrscht an Bahnstrecken in der Nacht außergewöhnliche Ruhe: Seit dem Vorabend halten Lokführer überall in Deutschland ihre Züge an. Nach zwei Warnstreiks macht die Gewerkschaft GDL ernst. Die Bahn rechnet mit Auswirkungen bis weit in den Mittwoch hinein.

Der kurzfristig angekündigte Streik der Lokführer läuft: Bei der Bahn sehen sich Reisende seit dem Vorabend mit Zugausfällen und anhaltenden Behinderungen konfrontiert. Die Arbeitsniederlegungen sollen bis 6.00 Uhr morgens andauern. Bis dahin wollten die Lokführer den gesamten Zugverkehr der Deutschen Bahn lahmlegen. Die Bahn erwartet auch für den morgendlichen Berufsverkehr noch zahlreiche Zugausfälle und Verspätungen.

Der nächtliche Streik der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) führte offenbar vor allem im Nah- und Regionalverkehr zu erheblichen Einschränkungen. Betroffen seien unter anderem die S-Bahnen und der Regionalverkehr im Raum Hamburg, Berlin, Hannover, Köln, im Rhein-Main-Gebiet sowie in Nürnberg, Stuttgart und München, teilte die Deutsche Bahn in der Nacht mit. Darüber hinaus habe es im gesamten Bundesgebiet Verspätungen und Ausfälle im Fernverkehr gegeben. Die Bahn rechnet wegen des Ausstands noch bis zum Mittag mit Beeinträchtigungen im Schienenverkehr.

Die GDL verlangt im Tarifkonflikt unter anderem fünf Prozent mehr Lohn, die Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 37 von 39 Stunden sowie bessere Schichtpläne. Die Bahn-Führung schlug zuletzt vor, den Konflikt solange auszusetzen, bis das von der Regierung angekündigte Gesetz zur Regelung der Kompetenzen von Sparten- und Großgewerkschaften vorliegt. In der Zwischenzeit sollten die Lokführer zwei Prozent mehr Lohn erhalten. Die GDL lehnt dies vehement ab.

Der Vorsitzende der Gewerkschaft warf der Bahn unmittelbar vor Beginn des Streiks vor, im laufenden Tarifkonflikt unannehmbare Vorbedingungen zu stellen. Auf dem Berliner Hauptbahnhof sagte GDL-Chef Claus Weselsky, die Gewerkschaft werde über weitere Streiks entscheiden, wenn die Bahn ihre Blockadehaltung nicht aufgebe. "Wir werden im Arbeitskampf den Druck auf die Deutsche Bahn erhöhen", sagte Weselsky bei n-tv. Er gehe davon aus, dass der überwiegende Teil der Reisenden in den nächsten Stunden die Bahn meide, weil die Gewerkschaft zuvor auf den Streik hingewiesen habe.

Weselsky betonte, dass im Rahmen des Streiks kein Fahrgast auf der sprichwörtlichen Strecke bleiben würde: "Niemand muss nachts in den Zügen übernachten – weil unsere Zugführer diszipliniert an die Bahnsteige heranfahren, die Züge offen lassen und wenn es sein muss, sogar auf den Zügen bleiben."

"Es ist das gewohnte Bild"

Der Ausstand begann - wie angekündigt - um 21.00 Uhr. Mancherorts wie etwa in Berlin fuhren aber schon eine halbe Stunde vor offiziellem Streikbeginn keine Züge mehr. Am Münchner Hauptbahnhof sowie in Stuttgart waren die Bahnsteige teilweise fast gespenstisch leer. "Es ist das gewohnte Bild, die Leute haben sich darauf eingestellt", erklärte der Sprecher der Aktion Fahrgäste München, Andreas Nagel. "Deswegen gibt es kein Chaos."

Auch die Bahn hatte die Fahrgäste schon Stunden vor dem Ausstand über Behinderungen und Beeinträchtigungen informiert. Mit zusätzlichem Personal betreut die Deutsche Bahn gestrandete Fahrgäste und bietet Hinweise auf alternative Verkehrsverbindungen an.

"Die meisten Fahrgäste haben Verständnis", sagte ein DB-Mitarbeiter in Hamburg. "Der ganze Streik wurde frühzeitig angekündigt, also ist das kein Drama, rechtzeitig zum Ziel zu kommen", sagte ein Pendler auf dem Heimweg nach Kiel. Vielerorts versuchte die Bahn, zumindest stündlich S-Bahn-Linien zu bedienen. "Die Betonung liegt auf versuchen", sagte ein Bahn-Sprecher am Münchner Hauptbahnhof.

Folge der Privatisierung?

Weselsky warf der Bahn vor, den Streik provoziert zu haben, um ein negatives Klima gegen die Berufsgewerkschaft zu schaffen und so die Regierung dazu zu bringen, ein Gesetz zur Tarifeinheit zu verabschieden. Vorwürfe, der Streik treffe nicht die Deutsche Bahn, sondern die Fahrgäste, wies der GDL-Chef entschieden zurück: "Die Frage, ob beim Streik der Lokführer Menschen beeinträchtigt werden, die haben die Politiker 1993 beantwortet – als sie entschieden haben, die Bahn zu privatisieren."

Mit dem ersten regulären Streik nach zwei Warnstreiks will die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer ihre Tarifforderungen für die Lokführer und andere Beschäftigte des Zugpersonals durchsetzen. Dazu gehören fünf Prozent mehr Geld und eine um zwei Stunden verkürzte Wochenarbeitszeit.

Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber forderte die Gewerkschaft auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren: "Die GDL ist am Zug." Streiks seien "überflüssig, verantwortungslos und ohne jedes Gespür für die derzeitige Situation".

Außer den Lokführern waren auch Zugbegleiter, Bordgastronomen und Disponenten zu dem Streik aufgerufen. In der vergangenen Woche hatten 91 Prozent der bei der Bahn angestellten GDL-Mitglieder in einer Urabstimmung für einen Arbeitskampf votiert.

Quelle: ntv.de, mmo/dpa/rts

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