Wirtschaft

Pleitewelle befürchtet Böllerbranche steht vor dem Aus

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Feuerwerksartikel dürfen in diesem Jahr nicht verkauft werden.

(Foto: imago images/Jochen Tack)

Der zweite Lockdown bereitet vielen Branchen Kopfzerbrechen - ganz besonders bedroht ist die Feuerwerksindustrie. Kommen nach dem Verkaufsverbot für Feuerwerksartikel keine Millionenhilfen, stehen Unternehmen mit hunderten Mitarbeitern vor dem Ruin.

Kaum eine Branche ist so fokussiert und angewiesen auf drei Tage im Jahr wie die Feuerwerksindustrie. Feuerwerk der Kategorie F2 darf in Deutschland nur an den letzten drei Werktagen des Jahres verkauft und nur an Silvester und Neujahr gezündet werden. Doch wegen der Corona-Pandemie fällt der Raketenstart ins neue Jahr diesmal aus.

Nach der Entscheidung der Ministerpräsidentenkonferenz, den Verkauf von Feuerwerksartikeln in diesem Jahr komplett zu verbieten, zittert eine ganze Branche um die Existenz. "Letztendlich ist es so, dass unsere Mitgliedsunternehmen an den letzten drei Tagen des Jahres 95 Prozent des Jahresumsatzes erwirtschaften", sagt Klaus Gotzen, Geschäftsführer des Verbandes der Pyrotechnischen Industrie, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Das Verkaufsverbot sei "natürlich ein herber Schlag". Es könne dazu führen, dass einige Firmen im nächsten Jahr Insolvenz anmelden müssen, weil die finanziellen Mittel fehlen.

Im Pyrotechnik-Verband sind mehr als 20 Unternehmen organisiert, der Markt wird letztlich aber von drei Firmen dominiert: Comet Feuerwerk, Nico Europe und Weco Feuerwerk. Bei Weco geht es durch die Entscheidung der Politik nun ums blanke Überleben. "Ohne finanzielle Hilfe in zweistelliger Millionenhöhe gibt es uns nächstes Jahr nicht mehr", teilt Geschäftsführer Thomas Schreiber mit. Man könne den Umsatz nicht einfach Ende Januar nachholen: "Silvester ist nur einmal im Jahr."

122 Millionen Silvester-Umsatz im Vorjahr

Der gesamten Branche geht ein dreistelliger Millionen-Umsatz flöten. Laut Verband wurden im vergangenen Jahr 122 Millionen Euro mit Silvester-Feuerwerk erwirtschaftet. Die Firma Comet aus Bremerhaven setzt allein 50 Millionen Euro im Jahr mit dem Verkauf von Feuerwerkskörpern um - und dies fast ausschließlich mit dem Silvestergeschäft, so Geschäftsführer Richard Eickel. In der Hochsaison arbeiten 200 Menschen für das Unternehmen, bei Weco sind sogar 400 angestellt.

"Unsere Firmen im Verband brauchen jetzt zeitnah wirtschaftliche Hilfsleistungen, die aber weit über die Überbrückungshilfen hinausgehen müssten. Die Verluste in diesem Jahr dürften knapp unter 100 Millionen Euro liegen. In diesen Größenordnungen müsste über Finanzhilfen nachgedacht werden", fordert Verbandschef Gotzen. "Ansonsten können unsere Firmen das nächste Jahr nicht überstehen."

Zumal die Feuerwerksfirmen durch die kurzfristige Absage des Silvester-Geschäfts vor einem weiteren Problem stehen. Der Großteil der Ware ist nämlich bereits ausgeliefert und muss nun zurückgeholt werden. Auf Kosten der Firmen, weil es sich um ein Kommissionsgeschäft handelt, erklärt Gotzen. "Nachdem die Ministerpräsidentenkonferenz am 25. November noch beschlossen hatte, dass es kein generelles Feuerwerksverbot geben soll, sind die Haupt-Auslieferungen dann schon vorgenommen worden. Der Großteil der Ware ist also schon bei den Kunden."

Sorge vor illegalem Feuerwerk

Die Firma Weco etwa teilt mit, dass man den kompletten Jahresbedarf üblicherweise mit mindestens einem Jahr Vorlaufzeit beschaffe. "Die Ware ist vollständig vorfinanziert, und wir haben die Auslieferung von über 130.000 Paletten geplant", so Unternehmenschef Schreiber. Die Kundenaufträge würden deutschlandweit von rund 30 Lagerstandorten ausgeliefert, und diese müssten jetzt "ein komplettes Jahr finanziert werden".

Während die Branche bislang vergeblich auf große Finanzhilfen hofft, macht sich außerdem die Sorge breit, dass durch das Verkaufsverbot vermehrt Feuerwerk aus dem Ausland nach Deutschland eingeschleppt wird. Und im schlimmsten Fall ist das Material nicht zertifiziert, somit deutlich gefährlicher als heimisches Feuerwerk. "Das bleibt abzuwarten, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Feuerwerks-Enthusiasten jetzt auf illegales Feuerwerk zurückgreifen und sich im Ausland mit Artikeln versorgen, ist leider gegeben", sagt Gotzen.

Dieses Problem ist offenbar auch bei den politischen Akteuren angekommen. Niedersachsen hat als erstes Bundesland ein Verbot auch für das Abbrennen von Feuerwerkskörpern verhängt. In anderen Bundesländern ist es dagegen (noch) erlaubt, beim Jahreswechsel Restbestände aus dem Vorjahr oder Pyrotechnik aus dem Ausland abzufeuern. Solange man sich dabei nicht in größeren Gruppen aufhält.

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"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Wie können Weihnachtsmann und Christkind selbst in diesem Jahr zur Bescherung vorbeikommen? Verpasst Deutschland den weltweiten Cannabis-Boom? Warum wird der Rhein "umgebaut"? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Quelle: ntv.de

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