Wirtschaft

Wie besiegen wir die Chip-Krise? "Brauchen Cluster wie das Silicon Valley in den 70ern"

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Halbleiterproduktion "ist auch eine Frage von Geopolitik und digitaler Souveränität", sagt Harald Zapp, Gründer von Next Big Thing.

(Foto: picture alliance/dpa)

Der weltweite Chipmangel legt die Industrie lahm: Viele Werke müssen runterfahren, Fabrikarbeiter nach Hause gehen. Vor alllem Autobauer und Hersteller von Elektronikartikeln haben nicht genügend Halbleiter. Harald Zapp, Gründer von Next Big Thing, erklärt, warum Deutschland in eine eigene Produktion investieren sollte.

Die alles entscheidende Frage gleich am Anfang: Wie kommen wir aus der Chip-Krise wieder heraus?

Harald Zapp: Ich glaube, dass wir uns gewisse Fähigkeiten und Methoden von der Pike auf neu beibringen müssen. Wir, das sind Deutschland, aber auch Europa. Das geht los beim Mikrochip-Design, das geht weiter bei der Fertigung. Gleichzeitig müssen wir Investitionen in Milliardenhöhe anschieben. Natürlich muss das Geld in Werke fließen, in denen Chips gebaut werden. Viel wichtiger ist aber, dass wir uns darauf konzentrieren, Chips zu designen. Wir müssen uns die Frage stellen: Welche Chips werden wir in Zukunft eigentlich brauchen? Welchen Einsatzzweck sollen diese Chips haben?

Das heißt, der Weg aus der Chip-Krise ist lang und hat eigentlich nichts mit der momentanen Produktion zu tun?

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Harald Zapp ist Mitgründer von Relayr. Heute baut er mit Next Big Thing (NBT) zusammen mit Konzernen neue Start-ups auf. NBT ist ein in Berlin agesiedelter Accelerator, der sich auf den Bereich Internet of Things (IoT) spezialisiert hat.

Doch, kurzfristig werden wir die aktuelle Knappheit natürlich über die weltweite Produktion lösen. Dabei geht es aber nur um Chips, die heute schon designt und im Einsatz sind. An der jetzigen Lage können wir sonst nur wenig verändern. Die eigentliche Frage dahinter ist eine andere: Wie digital souverän wollen wir sein? Es geht um mehr als die aktuelle Knappheit. Und da müssen wir lernen, langfristiger und in Plattformen zu denken. Ohne die winzigen Chips geht nichts mehr in der modernen Welt.

Sie meinen also, die jetzige Chip-Krise sollten wir als Startschuss dafür nutzen, in Europa neue Kompetenzen in dem Bereich aufzubauen?

Richtig. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt. Der Aufbau von Produktionskapazitäten ist das eine. Langfristig sollten wir ins Chipdesign und die Entwicklung investieren und uns die Frage stellen, wie die künftigen Einsatzszenarien für Chips aussehen. Denn dort liegt der größte Teil der Wertschöpfung. Wichtig ist natürlich, dass man die Herstellung vor Ort hat. Aber uns muss klar sein, dass das nicht ohne gigantische Investitionen gehen wird.

Wen sehen Sie da in der Pflicht?

Die Politik muss die Rahmenbedingungen schaffen. Im Bereich der großen Chip-Werke geht das nur über Subventionen. Man kann sich das in Amerika ansehen: Da wird massiv subventioniert. Joe Biden will in dem Bereich jetzt 50 Milliarden Dollar in die Hand nehmen, weil sie dort erkannt haben, wie wichtig die Produktion und die Entwicklung der Mikrochips sind. Südkorea hat gerade bekannt gegeben, sogar 370 Milliarden Euro in ihre Halbleiter-Industrie investieren zu wollen.

Wie sollten wir da konkret vorgehen?

Ich denke, dass wir in Deutschland und Europa ein Cluster für Halbleiter schaffen müssen. Ich bin ein Verfechter dieses Ansatzes. Verschiedene Beispiele zeigen, wie gut das funktioniert. Eines war in den 70ern das Silicon Valley. Davor gab es schon verschiedene Cluster im Großraum Boston. Nehmen Sie das MIT und die Harvard University. In solchen Clustern versammeln sich die Besten der Besten, dort gibt es den höchsten Wettbewerb und die größte Innovationsdichte. Das zieht dann wieder Kapitalgeber an. Es ist wichtig, dass wir in Europa nicht wie üblich versuchen, mehrere kleine Cluster aufzubauen. Wir müssen uns auf ein Zentrum konzentrieren. Sonst zerfleddert das Ganze."Silicon Saxony" ist Europas größter Mikroelektronik Standort und der fünftgrößte weltweit, hier sollten wir das schon Erreichte weiter ausbauen.

Ganz abgesehen davon, wie wir das schaffen - warum sollten wir das Thema überhaupt angehen?

Das ist auch eine Frage von Geopolitik und digitaler Souveränität. Wenn wir hier in Deutschland die nächste Generation der Chips entwickeln und bauen, können wir aktiv mitgestalten, in welche Richtung sich die Technik entwickelt - und wir können daran mitarbeiten, dass die Daten dieser Geräte sicher sind. Mit dem Internet of Things, mit der autonomen Mobilität, mit Smart Buildings und Cities und anderen Technologien kommt gerade eine gewaltige Explosion in diesem Bereich auf uns zu. Bald werden da draußen Milliarden von Chips verbaut, die alle Zettabyte von Daten liefern werden. Und da müssen wir uns einfach fragen, was machen wir mit der Technologie? Ein gutes Beispiel dafür ist immer die MP3-Technologie, die hier entwickelt worden ist, deren Nutzen aber dann in den USA erkannt und kommerziell umgesetzt worden ist. Wir haben hierzulande das Thema Cloud und auch das Thema E-Commerce größtenteils verschlafen. Aber wir sind noch Exportweltmeister und wir exportieren Investitionsgüter, die in Zukunft alle digital werden müssen.

Wenn wir also jetzt handeln, können wir von dieser Entwicklung profitieren?

Ja, absolut. Das kann unsere Dekade werden. Wir müssen als Land der Maschinenbauer und Ingenieure davon profitieren. Ich sehe eine klare Chance hier ganz vorne mitzuspielen - die müssen wir ergreifen.

Warum?

Jeder, der gelesen hat, was China im Rahmen der "Made in China 2025"-Strategie auf dem Gebiet vorhat, muss sich im Umkehrschluss fragen, was Deutschland und Europa dagegenhalten wollen. Das ist ein Weckruf für die deutsche Industrie. Die High-Tech-Branche in China ist gigantisch. Es wundert nicht, dass die auch in Mikrochips investieren und sowohl für den chinesischen Markt entwickeln und bauen als auch für den Export. Und da müssen wir uns einfach fragen, wollen wir uns in einem weiteren Bereich von den USA und zukünftig China abhängig machen? Und wie sicher sind die Produkte, die dort produziert werden? In der digitalen Hochtechnologie steckt oft die Möglichkeit, dass wir durch sie ausgespäht werden. Wir müssen jetzt das Können und die intellektuelle Kapazität aufbauen, um selbst die nächste Generation der Mikrochips und Prozessoren zu bauen. Wir müssen uns überlegen, wie die Hardware der Zukunft aussehen soll und wie sie zur Software passt. Und wir müssen sehen, dass diese Technologien auch jetzt schon für die Industrie immer wichtiger werden.

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Welche sind das?

Zum Beispiel die künstliche Intelligenz. Aber es geht auch ums autonome Fahren oder Fabriken, die automatisiert und digitalisiert werden. Wir werden in diesen Bereichen in Zukunft gigantische Datenmengen haben, die wir ohne große Latenzen verarbeiten müssen. Die Unternehmen, die in diesen Bereichen arbeiten, werden sich fragen, welche Informationen sie in Zukunft noch nach außen geben können und wollen. Wenn wir die Chips für die verschiedenen Lösungen hier in Deutschland designen und produzieren, "Security made in Germany" sozusagen, ist das ein globaler Standortvorteil.

Sind Sie optimistisch, was das Thema angeht?

Grundsätzlich ja, wenn ich sehe, was die EU-Kommission gerade zu dem Thema sagt. Der Grundgedanke ist gut. Und wir sind ein Land der Erfinder, wir haben gute Anlagen. Aber: Wenn es wirklich zu einem europapolitischen Thema wird, dann darf es nicht zerfleddern. Wir dürfen weder den Fokus noch die Geschwindigkeit verlieren. Wir sehen das oft, wenn es um Milliardeninvestitionen geht, dann hält jedes Land die Hand auf und fordert für sich den Vortritt. Damit stehen wir uns oft selbst im Weg. Aber die Richtung stimmt.

Das Interview führte Bastian Hosan.

Es erschien zuerst bei Capital.de.

Quelle: ntv.de

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