Wirtschaft

Welt-Index Brexit - Die Würfel sind gefallen

Die Großwetterlage der Weltkonjunktur hat durch den Brexit einen leichten Dämpfer bekommen. Ein nachhaltiges Risiko sieht der Vermögensverwalter Markus C. Zschaber für die Weltwirtschaft allerdings nicht.

Nachdem der Brexit beschlossen wurde und David Cameron, der britische Premierminister,  seinen Rücktritt angekündigt hat, schlugen die Schockwellen rund um den Globus hoch. Nicht nur die internationalen Finanzmärkte wurden durch das Votum der Briten negativ überrascht und gerieten unter Stress, die Verunsicherung reichte angefangen von den Unternehmen und Banken bis in die Führungsriege der europäischen Politik und bis tief in die Gesellschaft hinein. Die Bedrohung durch den zunehmenden Populismus und seine politischen und wirtschaftlichen Folgen sind Risiken, die auch zukünftig nicht zu unterschätzen sind. "Die globalen politischen Risiken geben zunehmend im internationalen Marktgeschehen den Ton an. Sie geben auch zukünftig die Richtung vor. Zum Brexit lässt sich aber festhalten, dass dieser vordergründig ein britisches Ereignis ist und die globalen Auswirkungen begrenzt sind", fasst Dr. Markus C. Zschaber, Chef der gleichnamigen Vermögensverwaltungsgesellschaft, welche monatlich den "Welt-Index" veröffentlicht, zusammen.

Dr. Markus C. Zschaber

Dr. Markus C. Zschaber

Fakt ist, die britische Wirtschaft wird die Auswirkungen negativ zu spüren bekommen. Der Kölner Vermögensverwalter geht davon aus, dass dieses Jahr das Thema "Stagnation" in Großbritannien auf die Agenda kommen wird, was sicherlich auch zu weiteren Maßnahmen der britischen Notenbank führen wird. "Ich gehe mindestens von einer Zinssenkung um 0,25 Prozentpunkte aus. Im Übrigen wird auch die Eurozone die Konsequenzen des Brexits durch negativen Impuls auf das Wachstum wahrnehmen, sodass ich auch hier mit weiteren Lockerungsmaßnahmen seitens der EZB rechne", so Zschaber.

Dagegen gelten negative Auswirkungen für die US-Wirtschaft als unwahrscheinlich, allerdings könnte die Federal Reserve Bank mit weiteren Zinserhöhungen vorerst abwarten. Die Lage ist allerdings nur schwierig zu kalkulieren, sodass der Experte empfiehlt, vor allem die kurzfristigen Marktentwicklungen und die aktuellen Wirtschaftsdaten für eine Zinsprojektion in den USA miteinzubeziehen. Offensichtlich ist aber, dass die Märkte auf längere Sicht sehr geringfügige Zinserhöhungen der Fed einpreisen, was auch dem "Big Picture" des Vermögensverwalters entspricht: "Wenn man sich überhaupt als Anleger derzeit auf der Zinskurve im Bereich der Staatsanleihen engagieren möchte, dann sollte man lange Laufzeiten präferieren. Gerade in den USA war dies relativ ertragsreich in den letzten Wochen. Auch in naher Zukunft sehe ich hier noch Chancen."

Die Gefahr, dass es zu weiterer Volatilität in den kommenden Wochen an den Finanzmärkten kommt, sieht er ebenfalls. Von einer Endlosschleife in der die Volatilität wiederum zu mehr Verunsicherung am Kapitalmarkt führt und eine gegenseitige Ansteckung sich immer wieder verstärkt, geht der Geldmanager aber nicht aus. "Die Märkte scheinen im Großen und Ganzen die neue Realität eingepreist zu haben und sich entsprechend unserer Einschätzung zu entwickeln, nämlich, dass es sich hierbei vor allem um ein für das Vereinigte Königreich internes Ereignis ohne globale systemische Schlagkraft handelt." Hinzu kommt, dass Großbritannien vor September keinen Gebrauch von dem Artikel 50 des Vertrags von Lissabon machen wird, und erst wenn dies geschieht, beginnt die Uhr in Bezug auf die zwei Jahresfrist zu ticken. Das bedeutet, vor Ende 2018 wird kein Austritt aus der EU seitens Großbritanniens erfolgen.

Kurzum, dass Thema Brexit hat kurzfristig für Volatilität gesorgt, allerdings waren bereits in den Folgetagen keine Anzeichen für wirkliche Panik oder nachhaltige Marktverwerfungen zu erkennen. Systemische Risiken konnten nicht ausgemacht werden. "Wenn es derzeit ein systemisches Risiko gibt, dann ist es für mich der starke US-Dollar, dieses zwar nicht auf die US-Ökonomie bezogen, sondern in Verbindung mit China und einer potenziellen weiteren Abwertung des Yuan. Ich denke, jeder kann sich noch daran erinnern, welche Volatilität eine Abwertung der chinesischen Währung an den internationalen Finanzmärkten im August letzten Jahres oder im Januar dieses Jahres global verursacht hatte", so der Experte weiter.

Auf die Frage, ob der Brexit die langfristige Stabilität der Eurozone gefährdet, antwortet er, dass ihm der zunehmende Populismus die größten Sorgen bereitet. Das Risiko ist vorhanden, dass der Brexit andere populistische Bewegungen unterstützt.

Allerdings hat die EZB durch ihre milliardenschweren Rettungsmechanismen ein schweres Gegengewicht zu den politischen Risiken im Bewusstsein der Finanzmärkte verankert.

Kurzfristig bleiben somit auch die Risiken für die Stabilität in der Eurozone begrenzt, allerdings mit Blick auf die kommenden Jahre bereitet dem Vermögensverwalter die Tatsache, dass eine populistische Partei ein größeres Land in der Eurozone regieren könnte, Anlass zur Sorge.

Der V.M.Z.-Kommentar zum aktuellen Stand

Der Brexit ist für die britische Wirtschaft zweifellos eine wirklich schlechte Nachricht. Dies hat sich an Großbritanniens wachsendem Leistungsbilanzdefizit gezeigt, das sich auf sieben Prozent vom BIP erhöht hat – eine enorme Zunahme für ein Industrieland. In Großbritannien könnte jetzt eine Kapitalflucht einsetzen, und dies macht den Absturz des Pfundes zu einer verständlichen Reaktion. "Allerdings sollte nicht vergessen werden, wir haben ein knappes Ergebnis gesehen. Dies bedeutet, dass Großbritannien nicht automatisch aus der EU austreten wird, denn die britische Regierung muss sich zunächst auf Artikel 50 des Lissaboner Vertrags berufen, welcher den Ablösungsprozess von der EU erst in Gang setzen würde", so der Vermögensverwalter weiter.

Die bevorstehenden Konsequenzen lassen sich wie folgt beschreiben: "Bis dato können wir die Aussage treffen, dass die Handels- und Investitions-Effekte zusammengenommen wahrscheinlich dazu führen, dass der globale Wachstumspfad im kommenden Quartal etwas absinkt - jedoch nicht so sehr, dass daraus eine Rezession resultiert. Außerdem wird durch den Brexit die wirtschaftliche Dynamik in Europa mit hoher Sicherheit einen leichten Dämpfer bekommen. Ich könnte mir, abgeleitet aus unseren Datenreihen vorstellen, dass das Votum Europa ein halbes Prozent Wachstum kostet. Weniger die realen Effekte, die bei einem tatsächlichen Austritt in zwei Jahren entstehen dürften, werden dies verursachen, sondern vor allem die Zurückhaltung und Verunsicherung bei neuen Investitionen, ein vorerst eingetrübtes Konsumentenvertrauen sowie der durch den Brexit nochmal sich verschärfende Konsolidierungstrend im Bankensektor", konstatiert der Kölner Vermögensverwalter.

"Nach unserer Analyse ist der Brexit keine ökonomische Katastrophe, weder für Europa, noch für die Weltwirtschaft. Es ist auch ein Ammenmärchen zu glauben, dass jetzt kein Handel mehr mit Großbritannien stattfinden wird. Es wird eine Zeit lang komplizierter werden, aber die Briten brauchen weiterhin unsere Güter, und wir wollen den Briten weiterhin unsere Güter verkaufen - so funktioniert eine arbeitsteilige Weltwirtschaft."

Während die politischen Krisenherde die höchsten Risiken darstellten, ist die Geldpolitik der wichtigste positive Katalysator für die Weltwirtschaft und für die globalen Finanzmärkte. Das zeigen nicht zuletzt jetzt auch die Interventionen der britischen Notenbank nach dem Brexit-Votum. Der geldpolitische Stimulus der G-5-Notenbanken (USA, Eurozone, UK, Japan, China) hält an, wenn es dabei auch zu Unterschieden kommt. Bis zum Ende des nächsten Jahres dürfte sich die Geldbasis der vier großen Zentralbanken auf ca. ein Fünftel des globalen Bruttoinlandsproduktes belaufen. Die geldpolitische Lockerung bleibt dabei ein globales Phänomen. Die lockere Geldpolitik und die niedrigen Rohstoffpreise werden dem Weltwirtschaftswachstum in der näheren Zukunft stärker Auftrieb geben. Zusammen wirken sie wie ein starkes Konjunkturprogramm, kurbeln den Konsum und die Wirtschaft weltweit an. "Ihre positive Wirkung wird unseres Erachtens in der zweiten Jahreshälfte weltweit stärker zutage treten".

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Zugleich gibt es praktisch nirgendwo Anzeichen für beschleunigten Preisauftrieb bei gleichzeitig höheren politischen Risiken. Das eröffnet den Zentralbanken mehr Denk- und Argumentationsspielraum als ursprünglich gedacht, ihre Geldpolitik weiter zu lockern bzw. den Normalisierungsprozess erneut zu verschieben, wie etwa in den USA. Mit einem aktuellen Niveau von 61 % (Vormonat 65%) verdeutlicht der "Index der Konjunkturdaten", dass die Dynamik der Weltkonjunktur durchaus von politischen Ereignissen betroffen ist, allerdings kann eine nachhaltige Abkühlung nicht erkannt werden.

Auf China hatte das Brexit-Votum keinerlei Auswirkungen. Wir sehen zwar weiterhin in China eine gewisse zyklische Schwäche hinsichtlich der Konjunkturfaktoren, allerdings bemessen wir diesem Fakt weiterhin kein Grund zur Sorge. Im Gegenteil, wir erwarten für das zweite Halbjahr eine höhere Geschäftsaktivität in nahezu allen Sektoren, dass verdeutlichen eine ganze Reihe an Frühindikatoren. Nicht zuletzt wird auch hier die Notenbank eine treibende Rolle spielen.

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Der Brexit-Schock hat viele Marktteilnehmer trotz ansteigender Skepsis unvorbereitet getroffen. Dies bescheinigt auch der "Index der Markterwartungen" mit einem gefallenen Niveau von 56% (Vormonat: 63%). "Fakt ist, den Brexit hatte so gut wie niemand auf der Rechnung, das zeigen die nicht angepassten Konjunkturerwartungen bis kurz vor dem Brexit. Erstaunlich ist, dass trotzdem mehrheitlich die Erwartungen geschlagen wurden, was wiederum Ausdruck einer ordentlichen Konjunkturzyklik ist. Es scheint, als wäre die Lage nach wie vor besser als die Stimmung", so Zschaber weiter.

Fazit & Ausblick für Anleger

Die starken Verwerfungen durch die Furcht vor einer weltweiten Wachstumsschwäche durch den Brexit werden die Finanzmärkte auch bis auf Weiteres beeinflussen. "Fakt ist aber, wenn ich mir das fundamentale Grundwerk der Weltkonjunktur anschaue, dann sieht es im Grunde genommen besser aus, als von vielen erwartet wurde. Auch von den Unternehmensergebnissen ausgehend sehe ich, dass die Erwartungen in der Tendenz übertroffen werden, hier und da auch zwar Enttäuschungen vorkommen, aber eben deutlich mehr über den Erwartungen liegende Ergebnisse geliefert werden", konstatiert der Experte.

Die Weltkonjunktur ist intakt, die Notenbanken flößen weiterhin Monat für Monat frische Liquidität in die Märkte und sie sind wachsam und zwar in allen relevanten Wirtschaftsräumen rund um den Globus. "Wichtig ist, wir werden ein Wachstum in der Weltwirtschaft in 2016 von 2,5% bis 3% sehen. Daran hängen die global orientierten Unternehmen, vor allem die deutschen Unternehmen, aber auch in Gesamteuropa oder in den USA", führt Zschaber aus.

"Unsere 'Global Player' hier aus Deutschland werden neben vielen anderen vom Wachstum in der Welt profitieren. Fakt ist, auf dem aktuellen Niveau haben die deutschen Aktien ein Kursgewinnverhältnis von 12 und eine Dividendenrendite von über 3%. Dieses ist ein sehr attraktives Niveau und wird weiterhin Kaufinteressenten aus der ganzen Welt anziehen. Fakt ist, der Markt ist auf diesem Niveau günstig", so der Kölner Vermögensverwalter

Der Vermögensverwalter bleibt somit im Musterportfolio mittel- bis langfristig orientiert und positioniert. Seine Überzeugung ist, dass insbesondere das Niedrigzinsklima, welches wahrscheinlich noch für den Rest des Jahrzehnts anhalten wird, die globalen Kapitalströme konsequent in Sachkapital, welches höhere Renditen und Erträgen verspricht, leiten wird. "Diesen übergelagerten Trend gilt es zu jedem Zeitpunkt zu berücksichtigen, indem eine Übergewichtung der Anleihen- und Aktienpositionen mit hoher Qualität umgesetzt wird. Natürlich wollen wir Chancen nutzen, um beides zu verstärken, wenn sich wie so oft Ängste an den Märkten breit machen."

Veränderungen im Musterportfolio

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Zukäufe-/Nachkäufe aus den letzten vier Wochen: BASF, Bayer, BMW, Daimler, Allianz, Continental, Fresenius, SAP, Henkel, Beiersdorf, Nikkei-ETF

Haltepositionen: Tyson Food, Coca Cola, Home Depot, Nike, Roche, General Electric, Dürr, Bertrandt, Geberit, Wacker Chemie, RATIONAL, 3M, Acuity Brands, Dow Chemical, Exxon Mobil, Procter&Gamble, UnitedHealth Group, Apple, Reckitt Benckiser, GRENKE, Pfizer, Wal-Mart, Microsoft, Bechtle, Jungheinrich, Symrise, Airbus Group, GEA Group, Rheinmetall, Kroger, AT&T, Duke Energy, Krones, Unilever, Anheuser-Busch, L‘Oreal

Verkäufe aus den letzten vier Wochen: Brenntag, HeidelbergCement, Axa, MEETME, Medicinova, Cliffs Natural Resources

Asset-Allokation

Erhöht werden: Aktien (Large Caps) Deutschland von 15% auf 17,5%; Aktien Japan von 2,5% auf 5%; Staatsanleihen Emerging Markets von 4% auf 5%

Beibehalten werden: Aktien (Large Caps) USA 15%; Aktien (Nebenwerte) Deutschland 10%; Aktien (Nebenwerte) Europa 3%; Wandelanleihen mit 5%; Unternehmensanleihen 10%; Edelmetalle 8%

Reduziert werden: Aktien (Large Caps) Europa von 10% auf 8%; Aktien (Nebenwerte) USA von 7,5% auf 5%; Cash von 10% auf 8,5%

Das Musterdepot zum "Welt-Index" beinhaltet diverse Anlageklassen wie beispielsweise Aktien, Unternehmens-, Wandel- und Staatsanleihen sowie Rohstoffe als auch Edelmetalle. Das Portfolio wird aktiv seit 5 Jahren gemanagt und auch abgesichert je nach Börsenphase, so dass je nach Kapitalmarktsituation auch flexibel die Bargeldquote erhöht oder minimiert wird. Zur Absicherung und Gewinnmitnahmen werden auch ETF's auf Indices und Märkte verwendet. Mit dieser Art der direkten Abbildung des "Weltwirtschaftszyklus" ist es dem Musterdepot gelungen, eine konstante und höhere Wertentwicklung als der MSCI World zu erwirtschaften. Informationen hierzu und den Gedankengängen bei der Auswahl der Anlageklassen finden Sie unter www.zschaber.de/vmz/kapitalmarktstudie

Zur Methode: Die Grundlage des "Welt-Index" ist die Analyse von Wirtschaftsindikatoren aus der ganzen Welt, die eine hohe wirtschaftliche Relevanz und eine hohe Reaktion an den Finanzmärkten mit sich bringen. Diese werden weltweit von Statistikämtern und Forschungsinstituten sowie weiteren hochrangigen wissenschaftlichen Quellen veröffentlicht. In der Endform konzentriert sich der "Welt-Index", der aus zwei Komponenten besteht, dem "Index der Konjunkturdaten" und dem "Index der Markterwartungen", auf die monatlich 50 wichtigsten Konjunkturdaten, zugrunde liegen mehr als 1.000 internationale Indikatoren, die monatlich ermittelt und bewertet werden. Die Verknüpfung der Datenreihen in einer nach Dominanzfaktoren gegliederten Gewichtung gibt Aufschluss darüber, in welchem Zyklus und Stadium sich die Weltwirtschaft befindet. Aufgrund der Kombination von frühzyklischen, gleichzyklischen und nachzyklischen Indikatoren sowie der Integration einer Erwartungskomponente ermöglicht der "Welt-Index" eine sehr genaue Messung des aktuellen Status. Um dieses zu vereinfachen, werden dann zwei Trenddaten erstellt, die Aufschluss darüber geben, wie viele der ermittelten Daten in den vergangenen vier Wochen gefallen oder gestiegen sind. Nähere Informationen hierzu unter: www.weltindex.de

Das Musterportfolio zum "Welt-Index" ist nur als begleitende Information zu verstehen und dient nicht als konkreter Anlage-Ratschlag. Die Dr. Markus C. Zschaber Vermögensverwaltungsges. mbH erstellt den Index monatlich exklusiv für die "Welt am Sonntag" und den Nachrichtensender "n-tv". Informationen zum Index unter www.zschaber.de und www.kapitalmarktanalyse.com

Quelle: n-tv.de