Wirtschaft

Politisches Chaos Brexit-Gegner, freut euch bloß nicht zu früh

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Dass die Brexit-Gegner ein zweites Referendum gewinnen würden, steht in den Sternen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Egal was in Großbritannien noch passiert: Alle Beteiligten können nur noch verlieren. Das Triumphgeheul der Brexit-Gegner ist genauso verfrüht wie das Gejammer der EU-Verächter. Denn sicher ist: Es gibt keine Gewinner.

Seit Theresa May das Verhandlungsergebnis über den EU-Austritt Großbritanniens präsentierte, jammern die Brexit-Anhänger über den angeblichen Verrat der Regierungschefin an den Interessen ihres Landes. Dabei hat sie das Beste herausgeholt, was in der Situation möglich war. Aber auch das Triumphgeheul der Brexit-Gegner kommt zu früh.

Die EU ist und bleibt verhasst auf der Insel. Dass die Brexit-Gegner ein zweites Referendum gewinnen würden, steht in den Sternen. Ihr Lager hat nur minimal an Stimmen dazugewonnen. Mehr als zwei Jahre nach dem Volksentscheid über den EU-Verbleib sprechen sich 51 Prozent gegen den Brexit aus, 41 Prozent sind dafür. Kaum zu glauben, dass sämtliche der noch Unentschiedenen allesamt EU-Freunde werden. Gerade einmal 14 Prozent der britischen Bevölkerung begrüßen Mays Deal mit Brüssel.

Nach einem klaren Stimmungswandel oder gar einer Aussöhnung der zwei Lager sieht das nicht aus. Das ist umso erstaunlicher, da inzwischen jedem Briten klar sein muss, wie stark sich der Brexit auf die Wirtschaft auswirken und der innere Zusammenhalt des Königsreichs in Gefahr geraten könnte. "Mit diesem Brexit werden wir zum Vasallenstaat", erklärte Hardliner Boris Johnson, einst Außenminister und in seiner rhetorischen Wildheit eine Inselausgabe von Donald Trump. Vasallenstaat bedeutet Abhängigkeit von einer Großmacht, als handele es sich um ein Verhältnis wie Russlands zu Georgien. Dass Johnson die EU verdammt, wissen wir. Aber dass er seinem eigenen Land so wenig zutraut, ist überraschend und klingt nicht nach stolzer Nation, sondern nach Minderwertigkeitsgefühlen.

EU-Verächter werden keine Ruhe geben

Umso bedauerlicher sind Äußerungen der stellvertretenden EU-Verhandlungsführerin, der Deutschen Sabine Weyand, die vor EU-Botschaftern auf den Putz gehauen haben soll, dass Brüssel dank des Brexit-Deals die "ganze Kontrolle" behalten und künftige Verhandlungen dominieren könne. Dass sich die Brexit-Fans über den Tisch gezogen fühlen und ihre Ängste vor Abhängigkeit und nationalem Kontrollverlust bestätigt und sogar verstärkt werden, liegt auf der Hand.

Brexit ja, Brexit nein: Eine vergiftete Atmosphäre wird auf diese Weise nicht ansatzweise neutralisiert. Die Schlammschlacht verhindert jede Annäherung zwischen den politischen Fliehkräften. Alle Beteiligten schieben jeweils der anderen Seite den Schwarzen Peter zu. Es gibt keine einzige Option, die zu mehr politischer Stabilität sowie weniger Chaos führen wird. In diesem nervigen Spiel kann es nur Verlierer geben. Wie auch immer das Gezerre ausgeht, die Insel und der Kontinent werden politisch weiter auseinander driften.

Setzt sich May mit ihrem EU-freundlichen Kompromiss durch oder bleibt die Insel Mitglied der Gemeinschaft, werden die EU-Verächter keine Ruhe geben. Stattdessen werden sie weiter polemisieren und erst recht leichtes Spiel haben, weil sie Politik nach der Masche machen können, wie sie gerade überall in Europa populär ist: Wir schauen gemütlich zu, wie die Regierung sich abrackert, auf die Fresse fliegt und erfreuen uns ansonsten an unserer eigenen Destruktivität.

Verlässt Großbritannien die Union ungeordnet, ist die Gefahr eines Abschmierens der Wirtschaft sehr hoch. Die politische Instabilität dürfte gravierende Folgen nicht nur für das zerrissene Land, sondern für ganz Europa haben. Das Risiko eines Auseinanderbrechens des dann nicht mehr Vereinigten Königreichs wäre größer denn je. Schottlands Ruf nach Unabhängigkeit wird im Falle eines chaotischen Brexits garantiert lauter. Sollten die EU-Staaten das Ausbrechen Schottlands akzeptieren, hätte es die spanische Regierung in ihrem Bemühen, Katalonien zu halten, noch schwerer als ohnehin. Gar nicht erst zu denken an ein erneutes Aufflammen des nordirischen Bürgerkrieges. Die Schuld daran wird auch dann der EU in die Schuhe geschoben, die so böse war, den guten Briten nicht alle ihre Wünsche erfüllt zu haben.

Quelle: n-tv.de

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