Wirtschaft

Russland hofft auf Geldsegen Bringt die Fußball-WM den erhofften Kick?

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Die Vorbereitungen zur WM in den vergangenen fünf Jahren sollen etwa 14 Milliarden Dollar gekostet haben.

(Foto: AP)

Erst seit dem vergangenen Jahr hat sich die Wirtschaft in Russland leicht erholt. Das Wachstum habe Russland vor allem der WM zu verdanken, sagt der Vizeministerpräsident des Landes. Unter Wirtschaftsexperten ist seine Prognose umstritten.

Morgen eröffnen Russland und Saudi-Arabien im Moskauer Luzhniki-Stadion die Fußball-Weltmeisterschaft. Die Chance auf den Titel ist illusorisch, die russische Mannschaft kann froh sein, wenn sie die Vorrunde übersteht – das wissen auch die Fans. Ähnlich utopisch wie der Sieg der russischen Nationalmannschaft, könnte sich die Hoffnung der Politik erweisen, dass die Wirtschaft des Landes dauerhaft und spürbar durch die Fußball-Weltmeisterschaft angekurbelt wird.

Russland sieht das naturgemäß anders. Das Land litt aufgrund des Verfalls des Ölpreises und der Sanktionen des Westens bis 2017 unter einer zweijährigen Rezession. Erst im vergangenen Jahr ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wieder leicht angestiegen. Vizeministerpräsident Arkadi Dworkowitsch ist sich sicher: Die Fußball-WM hat einen nachhaltigen Impuls auf die russische Wirtschaft. "Ich kann sagen, dass es ohne die WM momentan kein Wirtschaftswachstum geben würde".

Laut Dworkowitsch haben die Vorbereitungen zur WM in den vergangenen fünf Jahren etwa 14 Milliarden Dollar oder rund ein Prozent zum russischen BIP beigetragen. Ohne die WM wäre die Wirtschaft in den Krisenjahren angeblich noch stärker geschrumpft, heißt es in einer russischen Studie zu den erwarteten wirtschaftlichen Auswirkungen.

Nicht alle Ökonomen teilen diese rosigen Aussichten. "Die Fußball-Weltmeisterschaft wird die russische Wirtschaft nicht anschieben", sagt Gert Wagner vom DIW-Institut aus Berlin n-tv.de. Die Erfahrungen aus allen Fußballweltmeisterschaften und Olympischen Spielen in den letzten Jahrzehnten hätten gezeigt: Der Einfluss solcher Ereignisse auf die Gesamtwirtschaft sei verschwindend gering. "Selbst in großen Volkswirtschaften wie Deutschland war nach der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 kein Effekt messbar."

Nachhaltige Infrastruktur?

Vizeministerpräsident Dworkowitsch wird dennoch nicht müde zu betonen, ein Großteil des Geldes sei in dauerhaft nutzbare Infrastruktur investiert worden. Nach Informationen der Zeitung "Kommersant" hat Russland am meisten Mittel in den Luftverkehr gesteckt. Etliche Flughäfen-Terminals seien modernisiert worden. In Rostow am Don eröffnete im Dezember 2017 sogar der erste komplett neu gebaute postsowjetische Flughafen.

In allen WM-Austragungsorten floss auch viel Geld in den Ausbau des Straßennetzes, schreibt das Blatt weiter. Besonders in Kaliningrad sei das wichtig gewesen. Während der Fußball-WM werden hier viele Fans aus Litauen und Polen erwartet, die mit Autos aus ihren Heimatländern anreisen. Dafür mussten insgesamt 100 Kilometer Straßennetz erneuert werden. Nicht in allen Städten war eine so umfangreiche Sanierung der Verkehrsinfrastruktur notwendig. Denn Moskau, Kasan und Sotschi wurden beispielsweise schon in den vergangenen Jahren für andere sportliche Großereignisse umgebaut.

DIW-Experte Wagner gibt jedoch zu bedenken: "Investitionen in Flughäfen, Straßen, Hotels und Krankenhäuser sind zwar sinnvoll, weil sie unabhängig von der Fußball-WM funktionieren". Allerdings dürfe man nicht vergessen, dass auch viel Geld in den Bau von Stadien geflossen sei. "Geld kann nur einmal ausgegeben werden. Wenn die russische Regierung in den Stadien-Bau und die Infrastruktur drumherum investiert, können damit keine Krankenhäuser mehr finanziert werden."

Ratingagentur widerspricht der Prognose

Die russische Studie geht davon aus, dass der Tourismus nach der WM in den kommenden fünf Jahren zwei bis drei Milliarden Euro zusätzlich in die russischen Kassen spült. Das sieht auch Wagner so. Gleichzeitig entgegnet er: "In Gegenden, in denen der Tourismus eh blüht, werden andere Touristen während der WM durch die Fußball-Fans verdrängt und in Gegenden, in die Touristen sowieso nicht reisen wollen, ist der Tourismus nicht nachhaltig."

Auch die Experten der US-Ratingagentur Moody's erwarten, dass die Hotellerie neben der Nahrungsmittel-, Telekommunikations- und der Transportbranche die höchsten Einnahmen verzeichnen werde. Bauunternehmen gehören der Studie zufolge zu den Hauptnutznießern der WM. Allerdings haben Sie durch den Bau von Stadien und Straßen schon vor dem sportlichen Großereignis profitiert.

Die Einschätzung der Ratingagentur widerspricht der Prognose von Dworkowitsch kategorisch: "Angesichts der begrenzten Dauer der Fußball-WM und der sehr großen Wirtschaftskraft des Landes sehen wir auf nationaler Ebene nur sehr begrenzte wirtschaftliche Auswirkungen." Und selbst diese dürften nur von kurzer Dauer sein. Wagner geht sogar noch einen Schritt weiter als die Ratingagentur: Von Südafrika und Brasilien könne Russland eigentlich nur eins lernen. " Die Ausrichtung einer Fußball-Weltmeisterschaft ist pure Geldverschwendung und lohnt sich nicht."

Dieser Text ist im Rahmen einer Recherchereise mit dem "journalists.network" in Russland entstanden und Teil der großen WM-Multimedia-Reportage von n-tv.de.

Quelle: ntv.de