Wirtschaft

Staufrei durch die Innenstadt City-Maut wäre für München ein Segen

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Stau ist auf dem Mittleren Ring in München Alltag.

(Foto: picture alliance / dpa)

Eine City-Maut für Autofahrer könnte deutsche Innenstädte von endlosen Staus befreien. Das Ifo-Institut meint, dass eine solche Gebühr zum Beispiel in München sinnvoll wäre. Müssen Autofahrer künftig bezahlen, wenn sie in die Innenstadt fahren wollen?

München ist Deutschlands Stau-Hauptstadt: Wer sich morgens mit dem Auto auf dem Weg in die Innenstadt der bayerischen Landeshauptstadt macht, steht mehr, als dass er oder sie fährt. Im vergangenen Jahr verbrachte jeder einzelne Pendler im Schnitt dreieinhalb Tage im Stau, hat der Verkehrsdatenanbieter Inrix ausgerechnet. Die Autofahrer kommen nicht voran, aber auch Busse stecken im Stau, Radfahrer müssen sich am Verkehr vorbeischlängeln. Alle sind genervt, gestresst und gereizt. Und pünktlich ist fast niemand.

Das Ifo-Institut hat deshalb untersucht, ob eine City-Maut in München Abhilfe schaffen könnte. "Bereits eine sehr einfach und in moderater Höhe ausgestaltete Anti-Stau-Gebühr kann erheblich dazu beitragen, dass der Verkehr in Großstädten weniger wird", sagt Oliver Falck, einer der Autoren und Leiter des Zentrums für Industrieökonomik und neue Technologien am Ifo-Institut, im ntv-Podcast "Wieder was gelernt".

Eine "Anti-Stau-Gebühr", wie sie das Institut nennt, soll das Autofahren in der Innenstadt teurer und damit unattraktiver machen. Die Forscher haben herausgefunden, dass schon ein Tagessatz in Höhe von sechs Euro dafür sorgen würde, den Autoverkehr innerhalb des Mittleren Rings in München um fast ein Viertel zu reduzieren. In Spitzenzeiten sogar um ein Drittel.

Viele Verkehrsteilnehmer würden lieber Geld sparen und stattdessen die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, erklärt Oliver Falck. Notwendige Bedingung sei jedoch ein ausreichender Ausbau des ÖPNV: "Wenn die Alternativen nicht vorhanden sind, wird eine Anti-Stau-Gebühr keine Auswirkungen haben."

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Oliver Falck leitet am Ifo-Institut das Zentrum für Industrieökonomik und neue Technologien.

Der öffentliche Nahverkehr sei jedoch nicht die einzige Alternative zur Autofahrt, ergänzt der Wissenschaftler und nennt Alternativen: "Man kann darüber nachdenken, was es an Möglichkeiten der Fahrgemeinschaften gibt und wie man an einigen Tagen vielleicht Homeoffice macht." Die City-Maut würde den ÖPNV viel weniger belasten als verpflichtende oder vergünstigte Jahrestickets, weil "es eben Alternativen gibt".

Gute Erfahrungen in London und Stockholm

Die Maut für die Innenstadt hat laut Ifo-Studie eine deutlich stärkere verkehrslenkende Wirkung. Für die Münchner Innenstadt könne sie ein Erfolgsrezept sein. Weniger Autos führen zu weniger Stau, weniger Lärm und weniger Stress. Das zeige sich beim Blick auf internationale Vorreiter-Städte, sagt Falck. "In Europa haben vor allem London und Stockholm viele Jahre Erfahrung damit. Sie haben eine erhebliche Verkehrsreduktion erreicht von rund 20 Prozent." Da das Verhältnis von Verkehrsaufkommen und die Wahrscheinlichkeit eines Staus "einen sehr stark nicht linearen Zusammenhang" aufweise, würde man mit 20 Prozent Verkehrsreduktion "Stau-Wahrscheinlichkeiten ganz massiv reduzieren", ergänzt der Ifo-Forscher. "Und gleichzeitig sehen wir in diesen Städten, die schon länger Erfahrung damit haben, eine hohe Akzeptanz für eine derartige Gebühr." Zudem hätten sich Befürchtungen, dass der Einzelhandel darunter leiden würde, nicht bewahrheitet.

Für München haben die Forscher sogar das Gegenteil festgestellt: Durch eine Anti-Stau-Gebühr würden die Geschäfte und Dienstleister in der Innenstadt attraktiver werden, weil man sie verlässlicher und schneller erreichen könnte, schreiben sie in ihrer Studie.

Vom ADAC heißt es dagegen, eine City-Maut wäre sozial ungerecht. Gerade, wenn es keine Ausnahmen für Bewohner gebe. Menschen mit niedrigem Einkommen würde die Gebühr benachteiligen. Das Ifo-Institut hält dagegen: Eine Anti-Stau-Gebühr wäre sogar sozial ausgewogener als andere Maßnahmen, weil sie vor allem dem Lieferverkehr, Taxis und dem ÖPNV zugutekomme. Weniger Stress und Zeitersparnis wären die Vorteile, so die Forscher.

Es komme im Einzelfall jedoch auf die Ausgestaltung einer City-Maut an. In Schweden, wo es die Maut in Göteborg und Stockholm gibt, sind die Kosten abhängig von der Uhrzeit. Berechnet werden Ein- und Ausfahrt in die bepreiste Zone. Wer morgens zwischen 7:30 Uhr und 8:30 Uhr in die Innenstadt fährt und diese zwischen 16 Uhr und 17:30 Uhr wieder verlässt, zahlt umgerechnet etwa 6,70 Euro. Für München raten die Ifo-Forscher dagegen zu einer Tagespauschale von sechs Euro, um das System nicht unnötig kompliziert zu machen. "Wichtig ist, dass Sie das nicht einmal im Jahr leisten, sondern täglich darüber nachdenken, welche Alternativen habe ich? An manchen Tagen bietet es sich an, im Homeoffice zu bleiben. An anderen Tagen können Sie sich mit einer Kollegin oder einem Kollegen zusammenschließen und eine Fahrgemeinschaft bilden. Und dann gibt es gewisse Tage, vielleicht Regentage, wo Sie doch lieber mit dem Auto fahren."

Erhöhung der Parkgebühren allein bringt wenig

Die technische Erfassung einer solchen Gebühr hält Oliver Falck für kein großes Problem. Mautstationen, wie man sie von Autobahnen im Ausland kennt, braucht es in deutschen Städten nicht. Selbst Kameras, die die Kennzeichen ablesen, seien mittlerweile ein veraltetes Erfassungssystem. "Wir können Leute inzwischen ganz gut über den Mobilfunk tracken. Bei neueren Autos geht das auch über die verbaute SIM-Karte, womit regelmäßig Sensoren-Daten an die Automobilproduzenten gesendet werden."

Bisher gibt es eine Anti-Stau-Gebühr aber noch in keiner deutschen Stadt. Ziemlich laut wird darüber allerdings in Berlin nachgedacht. Der rot-rot-grüne Senat will die Verkehrswende voranbringen und hatte deshalb eine Studie in Auftrag gegeben. Das Ergebnis: Eine City-Maut könne ihren Teil zur künftigen Finanzierung der öffentlichen Verkehrsmittel beitragen. Dazu bräuchte es aber weitere Maßnahmen, unter anderem höhere Parkgebühren. Die werden in vielen Städten regelmäßig angehoben, um Autofahrern die Innenstadt madig zu machen. Aber solche Einzelmaßnahmen sind nicht besonders sinnvoll, sagen die Ifo-Forscher. "Wir haben in München gesehen, dass rund 30 Prozent der Fahrten innerhalb des Mittleren Rings von den Bewohnerinnen und Bewohnern verursacht werden. Darüber hinaus erwischen sie den Durchgangsverkehr nicht durch Parkgebühren. Sie erwischen auch den Wirtschaftsverkehr nicht durch Parkgebühren, weil sie kein Parkticket lösen. Und Sie erwischen natürlich all diejenigen nicht, die sowieso auf privaten Parkplätzen, zum Beispiel in der Garage vom Arbeitgeber, ihr Auto abstellen", erklärt Falck.

Um Innenstädte angenehmer zu gestalten, - ohne Stau, Lärm und dreckige Luft - braucht es ein ganzes Paket an Maßnahmen. Eine Anti-Stau-Gebühr gehört dazu, bringt aber nichts, wenn Bus- und Bahnlinien nicht entsprechend ausgebaut werden - auch in München nicht.

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"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Wie funktioniert die Verkehrswende in Luxemburg? Welche Staaten entscheiden die US-Wahl? Kann Geld Impfskeptiker überzeugen? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Quelle: ntv.de