Wirtschaft

Wolfsburg rächt sich an Prevent Das VW-Imperium schlägt zurück

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Die Schlacht gegen Prevent hat VW 2016 verloren. Doch womöglich gewinnt Wolfsburg den Krieg.

(Foto: picture alliance / Swen Pförtner)

Erst legt die bosnische Prevent-Gruppe mit Lieferstreiks VW-Werke lahm. Dann nimmt der Autoriese Rache und kappt seine Verträge mit dem Zulieferer. Es ist, als wolle VW eine Botschaft an seine Lieferanten senden: Legt euch nicht mit uns an.

Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird. Im Fall von Volkswagen hat es fast zwei Jahre gedauert, bis es aufgetischt wurde. Doch nun scheint es bei dem Wolfsburger Autoriesen soweit zu sein: Anfang des Monats hat VW sämtliche Verträge mit der Zulieferer-Gruppe Prevent gekündigt. Die fühlt sich hintergangen und wehrt sich mit einer milliardenschweren Klage.

VWs Entscheidung, Prevent Lebewohl zu sagen, ist eine offensichtliche Retourkutsche für den Frontalangriff auf die Marktmacht der Wolfsburger, den Prevent im Sommer 2016 gefahren hatte: Mit einem Lieferstopp legte Prevent damals tagelang die VW-Werke in Wolfsburg und Emden lahm, um bessere Konditionen für sich herauszuschlagen. Nun folgt also das nächste Kapitel in dem außergewöhnlich öffentlichen Konflikt im sonst so verschwiegenen Autobusiness.

Das Ringen zwischen Europas größtem Autokonzern und seinem einst so engen Geschäftspartner wirft erneut ein Schlaglicht auf den knallharten Preiskampf in der Branche. Und auf die Methoden, mit denen er im Zweifelsfall geführt wird. Man kann in dem Adieu für Prevent durchaus ein Signal an andere VW-Partner sehen: Versucht gar nicht erst, aufzumucken.

Volkswagen schützt seine Marktmacht

Auf den ersten Blick streiten VW und Prevent nur um die Gültigkeit von Verträgen: Prevent wirft den Wolfsburgern "Eingehungsbetrug" vor und will deswegen auch Strafanzeige erstatten. Um den Lieferboykott im Sommer 2016 zu beenden, einigte sich Volkswagen mit Prevent damals auf ein Eckpunktepapier über die weitere Zusammenarbeit. Diesen Friedenspakt hat VW nun gekündigt - und diesmal fühlt sich Prevent betrogen. Die Wolfsburger hätten nie vorgehabt, die getroffene Vereinbarung auch einzuhalten, moniert Prevent.

VW hält dagegen: Die Klage entbehre "jeglicher Grundlage", teilte der Konzern der "Süddeutschen Zeitung" mit. VW betrachtet Prevents Boykott im Sommer 2016 als "rechtswidrigen Lieferstopp". Auf den Waffenstillstand habe man sich nur notgedrungen eingelassen, und keinen Zweifel daran gelassen, dass der Frieden nur vorübergehend sei: "Die Tatsache, dass wir die Vereinbarung für anfechtbar halten, haben wir der Prevent-Gruppe von Anfang an mitgeteilt."

Hinter der juristischen Wortklauberei steckt ein strategischer Abwehrkampf: Prevent hat versucht, die Machtverhältnisse in der deutschen Autoindustrie auf den Kopf zu stellen. VW muss seinen Zulieferer dafür in die Schranken weisen. Sonst gibt es vielleicht Nachahmer. In den letzten zwei Jahren haben die Wolfsburger daran gewerkelt, alternative Lieferanten zu finden. Nun ist die Zeit reif für den Gegenangriff auf die Prevent-Gruppe.

Spähattacke auf den Geschäftspartner

Jahrelang war das Verhältnis zwischen den beiden Imperien eng und partnerschaftlich. Man arbeitete vertrauensvoll zusammen, Prevent versorgte VW mit Getriebeteilen und Sitzbezügen. Die Wolfsburger kürten Prevent sogar zum "Zulieferer des Jahres". Doch ab 2015 ging es bergab. Erst lähmten Prevent-Firmen per Lieferstopp VW-Werke in Brasilien, um bessere Konditionen zu erzwingen. Ein Jahr später wiederholte die Hastor-Familie aus Bosnien-Herzegowina, die hinter der Prevent-Gruppe steht, denselben Schachzug in Deutschland.

Auf dem Höhepunkt des Lieferstreiks verschlechterte sich das Verhältnis derart, dass Volkswagen das Hastor-Imperium sogar ausspähen ließ. Ein VW-Jurist ließ laut "Bild am Sonntag" über eine Kanzlei eine Berliner Sicherheitsfirma engagieren. Die observierte 37 "Zielpersonen" aus dem Prevent-Orbit, darunter Hastor-Familienmitglieder und führende Manager. Auch Privatwohnungen wurden dabei überwacht.

Die Operation lief in Wolfsburg intern unter dem Decknamen "Herzog". Ziel sei es gewesen, mehr Transparenz über die Strukturen und das Netzwerk der Prevent-Gruppe zu bekommen, bestätigte ein VW-Sprecher die Geheimaktion. Bis zum Bruch mit der Hastor-Familie hatte sich in Wolfsburg freilich kaum jemand an deren schwer durchschaubarem Firmengeflecht gestört.

Wolfsburgs Botschaft ist angekommen

Wolfsburgs langer Arm wirkte in der Branche lange bevor VW nun offen alle Beziehungen zu Prevent kappte. "Nach meiner Einschätzung sind die Namen Hastor und Prevent in großen Teilen der Autoindustrie verbrannt", sagte Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer schon im vergangen Jahr n-tv.de. Besonders deutlich wurde das am bayrischen VW-Zulieferer Grammer: Dort stieg die Hastor-Familie heimlich ein und versuchte die Firma auf Anti-Wolfsburg-Kurs zu trimmen, um Druck auf den Autoriesen zu machen.

Doch die Belegschaft ging auf die Barrikaden: Sie wollte nicht zum Kanonenfutter in Prevents Kampf mit VW werden. Auch das Grammer-Management wehrte sich und holte den chinesischen Autoteilekonzern Ningbo Jifeng als weißen Ritter gegen die geplante Hastor-Übernahme ins Boot. Am Ende verhinderte sie den geplanten Umsturz bei Grammer.

VWs Trennung von Prevent dürfte nun auch den letzten Zulieferer aufhorchen lassen. "Hast du Hastor erst im Haus, gehen bald die Lichter aus!": Der Spruch auf den Transparenten der demonstrierenden Grammer-Arbeiter hat sich als richtige Vorhersage erwiesen. Egal wie der juristische Streit mit der Prevent-Gruppe ausgeht, Volkswagens Botschaft dürfte nun endgültig angekommen sein.

Quelle: n-tv.de