Wirtschaft

Mittelständler fordern Zuschüsse "Das ist keine Rettung, das ist Zerstörung"

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Mit einem billionenschweren Hilfspaket will die Bundesregierung den Corona-Kollaps verhindern. Ob das gelingt? Viele Unternehmen brauchen zwar dringend Geld. Doch nicht alle können Kredite aufnehmen. Ein Mittelständler warnt zudem: Kredite seien "Irrsinn" und führten Tausende Unternehmen in die Schuldenfalle.

Friedbert Baer kann dem rekordhohen Rettungspaket der Bundesregierung zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Schäden der Corona-Pandemie nur wenig abgewinnen. Es sei gut gemeint, aber das Angebot für Unternehmer, Kredite aufzunehmen wenn es keine Einnahmen gibt, ist aus Sicht des Mittelständlers "betriebswirtschaftlich reiner Irrsinn". Nicht die Corona-Krise und die erzwungene Schließung würden viele Läden am Ende in den Ruin treiben, sondern die Überschuldung, sagt Baer. Er macht sich Sorgen. Nicht nur um die Zukunft seines Unternehmens, sondern die des ganzen deutschen Mittelstands.

Baer ist Geschäftsführer der Tonerdumping GmbH, ein knapp 50 Mitarbeiter starkes Unternehmen, das seit 17 Jahren mit Druckerzubehör und Schreibwaren handelt. Neben einem Onlineshop gibt es 19 Filialen in Berlin, Brandenburg und Hamburg. 11 betreibt das Unternehmen selbst, 8 sind Franchise-Läden. Das Geschäftsjahr hatte gut begonnen, schon das letzte Quartal 2019 sei gut gelaufen, sagt Baer. Doch nun herrscht plötzlich wirtschaftliche Eiszeit.

Vor allem die Willkür bei den Hilfspaketen für Unternehmen unterschiedlicher Größe, kann er nicht verstehen. Während Solo-Selbstständige und Kleinunternehmer sowie Großkonzerne viel Aufmerksamkeit bekämen, fielen Mittelständler praktisch durchs Hilfsraster, klagt er. Mit diesem Vorwurf steht er nicht allein. "Unternehmen zwischen elf und 249 Beschäftigten fallen in eine Förderlücke", stellte der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft (BVMW), Mario Ohoven, fest. Denn Firmen über 250 Mitarbeitern können Bürgschaften oder sogar Beteiligungen beim staatlichen Rettungsfonds beantragen und für Kleinstunternehmen unter zehn Mitarbeitern gibt es Zuschüsse von bis zu 50 Milliarden Euro. Für den Mittelstand dazwischen gibt es bislang nur Notkredite.

Onlineverkäufe reißen die hohen Mieten nicht raus

Seitdem all seine Läden wegen der Corona-Pandemie schließen mussten, regiert bei Baer die Ungewissheit. Die Stimmung sei gedrückt, berichtet er. Dass er einen chinesischen Investor im Rücken habe, zahle sich jetzt aus, sagt Baer. "Die kennen die Situation. Da kommen wir durch, sagen sie." Immerhin hätte man den Onlineshop - und genug Ware auf Lager, um die Kunden zu beliefern. Anders als andere Unternehmer ist Baer so nicht gänzlich ohne Einnahmen und kann seine Verkäufer im Warenversand beschäftigten - wenn auch nur im reduzierten Umfang.

Im Schnitt gibt es bei Tonerdumping noch drei Schichten für jeden Verkaufs-Mitarbeiter pro Woche - bei bislang vollem Gehalt. Die Beschäftigten nehmen Urlaubstage, um die maue Zeit zu überbrücken, deshalb sind fast alle im Einsatz. Krankgemeldet haben sich bislang nur wenige. Wie viele Einzelhändler verbucht auch Baer einen Anstieg beim Online-Shopping: Die Kundenzahl hat sich verdreifacht, der Umsatz gleichzeitig verdoppelt, wie er berichtet. Aber das gleiche den fehlenden Umsatz aus den geschlossenen Läden nicht aus.

Zu den Corona-Profiteuren zählt der Unternehmer sich deshalb aber nicht. Die hohen Mietkosten für seine leerstehenden Läden können die zusätzlichen Einnahmen nicht kompensieren, sagt Baer. Die elf Geschäfte, die er selbst betreibt, schlagen Monat für Monat mit knapp 50.000 Euro zu Buche: "Die müssen Sie erst mal verdienen." Für April hat Baer Kurzarbeit für seine Beschäftigten angemeldet. Unfreiwillig, wie er betont. Einen anderen Ausweg aus der derzeitigen Lage habe er angesichts der großen Ungewissheit nicht gesehen.

Dass Mittelständler wie er nun aufgefordert werden, den Gang zu den Hausbanken anzutreten, um staatlich garantierte Notkredite der KfW zu beantragen, sieht er skeptisch. Nicht nur wegen der Bürokratie und weil die Banken derzeit völlig überlastet sind. Sondern auch, weil der Einzelhandel traditionell "nah an der Kante" sei, wie Baer sagt. Die Bonität von Handelsunternehmen sei nicht so gut, wie die von produzierenden Firmen. Es sei daher auch alles andere als sicher, dass die jeweilige Hausbank die versprochenen Kredite auch gewähre. Der Mittelstandsverbund, der eine riesige Pleitewelle befürchtet, gründete inzwischen eigens eine "Taskforce Liquidität für den Mittelstand", die Firmen bei Kreditanträgen entlasten soll. Es sei Tempo gefragt. Jeder Tag und jede Stunde zähle, heißt es.

Kurzarbeiter werden zu "Almosenempfängern"

"Ich will Sicherheit, einfache und simple Hilfen", sagt Baer ntv.de. "Was wir brauchen, sind Zuschüsse, die nicht unbedingt zurückgezahlt werden müssen. Sonst ist das nur ein Rettungspaket für Banken, nicht für Unternehmen." Dem Mittelständler geht es dabei nicht um Geldschenke. In zwölf Monaten könne man Kassensturz machen und schauen, wie man aus der Krise herausgekommen sei, bietet er an. Vielleicht schaffe er es ja allein, dann könnte man sein Geldgeschenk auch in ein Darlehen verwandeln.

Entsprechende Forderungen aus der Politik, die bereits laut geworden sind, hält Baer für vertretbar. Allein die Sicherheit, dass er abgesichert sei, falls etwas schiefgehe, würde ihm helfen. Vielleicht könnte er dann darauf verzichten, Mitarbeiter in die Kurzarbeit zu schicken. Die Margen im Einzelhandel seien nicht so groß, dass man besonders üppige Löhne zahlen könnte. "Kurzarbeit bedeutet für viele eine existenzielle Krise. Das bringe ich nur schwer übers Herz."

Was im Augenblick passiere, sei ein "Tornado, der durch die Einzelhandelslandschaft fegt". Die Überschuldung der Firmen zu provozieren und die Mitarbeiter durch Kurzarbeit zu "Almosenempfängern" zu machen, "ist keine Rettung, das ist Zerstörung", findet Baer. Wenn er in die Zukunft schaut, kalkuliert er noch mit maximal drei Monaten. Wenn sich bis dahin nichts an der Situation ändere, will er sich nur noch auf den Onlinehandel konzentrieren - und die Läden für immer schließen.

Quelle: ntv.de