Wirtschaft

Aus Holz und mit viel Tradition Das mittelständische Erfolgsmodell von Streif

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Ein Streif-Haus in Bitburg.

(Foto: Streif)

"Fair, ehrlich, zuverlässig" lautet das Unternehmensmotto der Streif-Gruppe. Sie gehört zu den Branchenführern im deutschen Fertighausbau. Energiesparende Holzhäuser sind ihr Markenzeichen. Aber auch international ist der Mittelständler sehr gut aufgestellt, etwa in England. Aber was ist bei einem No-Deal-Brexit?

"Es hat keinen Sinn, dass man dem Kunden etwas aufschwätzt, nur um des Vertrages willen", sagt Jörg-Achim Vette. "Lieber auf einen Vertrag verzichten und dem Kunden dafür reinen Wein einschenken und ihm sagen: 'Sie sind noch nicht so weit.'" Was hier auf den ersten Blick so ungewöhnlich daherkommt, ist auf den zweiten Blick für Vette selbstverständlich, denn damit hat er das Credo seines Unternehmens perfekt beschrieben: "Fair, ehrlich, zuverlässig". Vette ist geschäftsführender Gesellschafter der Streif-Gruppe, dem Pionier der deutschen Fertighausindustrie.

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Jörg-Achim Vette ist geschäftsführender Gesellschafter von Streif.

(Foto: Streif)

"Der Kunde hat Anspruch auf die Leistung, die wir mit ihm vereinbart haben - ohne Wenn und Aber. Und ob wir dann an diesem Haus Gewinn machen, liegt an uns", unterstreicht Vette. "Wir trennen uns auch von Verkäufern, wo wir erkennen, sie verkaufen zwar gut, aber nicht ehrlich genug." Vette ist stolz auf das Unternehmen, auf die Produkte, die Mitarbeiter, das Arbeitsumfeld des Fertighausbauers. Und die fast 100-jährige Firmengeschichte - mit allen Aufs und Abs - gibt ihm recht.

Von Betonschalungen zu Kataloghäusern

Die Anfänge von Streif reichen bis ins Jahr 1929 zurück, als sich Unternehmensgründer Josef Streif einen Namen im Bereich Betonschalungsbau macht und etwa mit Baugrößen wie Hochtief zusammenarbeitet. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs steht Streif vor einem Problem: Beton ist knapp, ein anderes Unternehmensmodell muss gefunden werden. Die Idee: Häuser aus Holz, zu Beginn noch aus den vorhandenen Betonschalungen. Der nach dem Krieg rasant steigende Bedarf an Wohnraum für Familien spielt Streif in die Karten. "Das waren die Anfänge des heutigen Unternehmens", so Vette.

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"Haus Birkenweg" aus dem Neckermann-Katalog.

(Foto: Streif)

Das damalige Bundesministerium für Raumwesen und Städtebau entwickelte das sogenannte Fertighaus-Verzeichnis. Es ging darum, Menschen möglichst schnell und günstig - zum halben Preis konventionell gebauter Häuser - in die eigenen vier Wände zu bringen. Nachkriegsbedingt. Drei Unternehmen, darunter Streif, durften sechs Haustypen durchrechnen und in einem Fertighaus-Katalog zusammenfassen. Die "Kataloghäuser" waren geboren. Die Kunden eines Kataloghauses verzichteten zwar auf Individualität, wählten sie aber ein solches, konnte es auf jeder dafür freigegebenen Wiese gebaut werden - denn das Fertighaus-Verzeichnis ersetzte eine meist langwierige Baugenehmigung.

"Josef Streif war mit zwei Kollegen der Gründer der Fertighausindustrie in Deutschland", hebt Vette hervor. Das Unternehmen habe damals zudem mit dem Versandhaus Neckermann zusammengearbeitet. "Die Geschäfte liefen lange gut, auch wenn die Zahl der Kataloghaus-Anbieter stetig wuchs." Als dann aber in den 1970ern und 1980ern das Thema Individualität bei den Kunden ein größeres Gewicht einnahm, wurde Streif kurzerhand von Hochtief geschluckt, die in erster Linie am nach wie vor betriebenen Betonschalungsbereich des Unternehmens interessiert waren. Erst im Jahr 2000 verkaufte der Essener Baukonzern Streif dann wieder - an eine kleine Kapitalbeteiligungsgesellschaft, in die Vette wiederum einsteigt. Seit 2003 ist er hundertprozentiger Gesellschafter der Streif-Gruppe.

Ein deutscher Mittelständler entdeckt die Insel

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Streif-Musterhaus in Dresden.

(Foto: Streif)

Zur Streif-Gruppe mit Stammsitz in Weinsheim in der Eifel, die Vette nach wie vor als "klein-mittelständisches Unternehmen" betrachtet, gehören heute unter anderem die beiden Fertighausmarken Streif und Schwabenhaus mit ihren Produktionsstandorten in Weinsheim und im thüringischen Heringen. Streif und Schwabenhaus sind etwa gleich groß und in ganz Deutschland vertreten - mit einem Süd-Nord-Gefälle. Unter den beiden Marken werden jeweils etwa 300 bis 350 Holzfertighäuser pro Jahr gebaut. "95 Prozent der Häuser werden schlüsselfertig an die Kunden übergeben", sagt Vette. "Der Hang zum Selbermachen hat in Deutschland deutlich nachgelassen." Ein Jahr dauere es in der Regel von der Idee bis zur Schlüsselübergabe.

Insgesamt beschäftigt die Gruppe etwa 600 festangestellte Mitarbeiter. Dazu kommen noch rund 200 Handelsvertreter. Den Jahresumsatz beziffert Vette auf circa 160 Millionen Euro. Neben Deutschland ist die Streif-Gruppe auch in Österreich, der Schweiz, Luxemburg und England unternehmerisch aktiv. Den Markt in Russland hat man im Auge, verfügt dort bereits über eine Beteiligung an einer Produktionsstätte. Sie soll künftig den Standort Weinsheim entlasten, der derzeit auch für die Bauprojekte in England produziert - "ein wichtiges Standbein der Streif-Gruppe", wie Vette betont.

"2006 gingen alle global", erinnert sich Vette, "unser Management reiste damals durch ganz Europa." Aus den potenziell großen Märkten Frankreich, Spanien und England ist nach der Finanzkrise aber nur England übrig geblieben. "Hier hatten wir schon mehr als nur einen Fuß in der Tür", so Vette. "Insgesamt sind wir noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen."

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Schulbau von Streif in England.

(Foto: Streif)

Was die Manager der Streif-Gruppe schnell merken: Die Märkte in Frankreich, Spanien und auch England ticken anders als in Deutschland. Hierzulande laufen die Geschäfte direkt ab: B2C, Bauunternehmer - Projektkunde. Auf der Insel heißt das Zauberwort "Developer". Diese "Entwickler" kaufen Grundstücke, erschließen sie, lassen Häuser drauf bauen und verkaufen dann das gesamte Paket. Die Streif-Gruppe kontaktierte mehrere Developer. "Wir mussten einiges an Überzeugungsarbeit leisten, vor allem wegen unseres hohen Qualitätsanspruchs, der sich natürlich auf das Preis-Leistungs-Verhältnis ausgewirkt hat", sagt Vette. "Vielen Developern waren wir schlicht zu teuer."

Mit einigen Entwicklern kam Streif aber ins Geschäft. "Heute sind wir fest etabliert auf dem englischen Markt, allerdings nicht bei Ein- oder Zweifamilienhäusern, sondern im Bereich 'first and second fix', wie es in England heißt - also im Bereich erweiterter Rohbau", erläutert Vette. "Das heißt: geschlossene Gebäudehülle, Fenster und Haustür drin, Dach gedeckt. Schluss. Heizung, Sanitär, Estrich und so weiter übernimmt dann der Developer." Pro Jahr bearbeitet Streif in England etwa 70 Projekte dieser Art. Vorwiegend handelt es sich dabei um Kindergärten, Schulen oder Internate.

Keine Angst vor No-Deal-Brexit

Der Vorteil von Streif: "Wir sind schneller, innerhalb von drei Tagen bis zwei Wochen stellen wir eine komplette Gebäudehülle hin, wohingegen der Engländer in konventionellen Nassbau mehrere Monate braucht", sagt Vette. "Wir sind auch deshalb in England gut unterwegs, weil wir direkt eine Firma dort gegründet haben: Streif UK. Der Engländer kauft also beim Engländer, wenn er Streif kauft!"

Das Thema Brexit, selbst ein No-Deal-Ausstieg Großbritanniens aus der Europäischen Union, lässt Vette daher kalt: "Wir sind gut aufgestellt, kennen den Markt. In England gibt es nicht auch nur ansatzweise eine Industrie, die das zu leisten imstande ist, was wir bei Streif tun. Sprich: Der Engländer muss so oder so importieren - mit oder ohne Zoll", führt Vette aus. "Wir sind deshalb ganz entspannt und sehen unser England-Geschäft selbst durch einen harten Brexit nicht gefährdet."

Zukunftssicher aufgestellt

Überhaupt sieht Vette die Streif-Gruppe gut gerüstet: "Dem energiesparenden Holzfertighaus gehört die Zukunft", blickt er voraus. "Energie sparen, Umwelt- und Klimaschutz spielen eine immer größere Rolle. Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, bietet hervorragende Dämmeigenschaften, an die ein konventioneller Stein-Nassbau nicht ansatzweise heranreicht", erläutert er. "Fast alle unserer Häuser verfügen zudem über Photovoltaik-Anlagen auf dem Dach. Ich weiß nicht mehr, wann wir das letzte Mal eine Gasheizung verbaut haben."

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Wohnraumerweiterung einer Stadtvilla in Weinsheim.

(Foto: Streif)

Im Bereich der Holz-Fertighäuser - etwa 22.000 werden davon pro Jahr in Deutschland gebaut - zählt Vette die Streif-Gruppe zu den "Top fünf der Branche". Im Blick hat das Unternehmen noch einen weitaus größeren Markt. Dabei geht es um die Verdichtung von Wohnraum in Großstädten, die Aufstockung von bisher Drei- oder Viergeschossern. "Das ist eine Herausforderung, der wir uns perspektivisch stellen werden."

Laut Vette zeichnet das die Streif-Gruppe aus, das und die hervorragenden Mitarbeiter, das sehr gute Arbeitsumfeld, - und auch die Führungskräfte. "Ich bin der Meinung, es sind die besten derzeit in Deutschland in dieser Branche." Auch das mag zunächst ungewöhnlich klingen, zeigt aber letzten Endes nur eines: Die Streif-Gruppe ist ein international erfolgreicher Mittelständler, der seinen Marktwert kennt - und sich darauf nicht ausruht.

Quelle: ntv.de

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