Wirtschaft

Trumps Traum von der Öl-Macht "Der Feind der Fracker ist die Wall Street"

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Eine Fracking-Anlage von Chevron in Texas. Jeden Tag fluten die USA den Weltmarkt mit 13 Millionen Barrel Öl.

(Foto: REUTERS)

Dank Fracking sind die USA wieder eine Öl-Supermacht. Doch der energiepolitische Kurs der Trump-Regierung ist riskant. Zwischen Klimaprotesten und Kapitalmarkt lauern Gefahren. Die New Yorker Finanzmarktexpertin Heike Buchter sagt n-tv.de, warum.

n-tv.de: In New York hat vor wenigen Tagen ein spektakulärer Prozess gegen den Ölmulti Exxon Mobil begonnen. Er ist der erste einer ganzen Reihe die Ölindustrie, die anstehen. Worum geht es?

Heike Buchter: In dem Fall gegen den größten privaten Ölkonzern geht es im Kern um den Vorwurf, Exxon habe gegenüber seinen Aktionären das Risiko des Klimawandels minimiert, während das Unternehmen intern ganz andere Kalkulationen vornahm. Ähnlich lauteten damals die Vorwürfe gegen die Zigarettenhersteller, die öffentlich das Krebsrisiko leugneten, obwohl sie es besser wussten. Der Ausgang des Verfahrens wird mit großer Spannung erwartet. Sollte die Generalstaatsanwältin des Bundesstaates New York, die die Klage führt, damit erfolgreich sein, dann wäre dies ein Präzedenzfall. Es sind noch fast ein Dutzend weitere Klimaklagen gegen Exxon und andere Ölkonzerne in den USA anhängig.

Die Klimaprozesse stehen im krassem Gegensatz zur Politik in Washington. Donald Trump dürfte nicht erfreut sein. Können die Klagen seinen energiepolitischen Kurs beeinflussen?

Ich glaube, US-Präsident Trump hat momentan andere Probleme. Aber richtig ist: Er ist klar ein Mann des Öls. Zwar begann der unvergleichliche Öl- und Erdgasboom, den wir in den USA derzeit erleben, bereits unter Obama. Aber Trumps Politik heizt ihn nach Kräften an. Durch Fracking ist Amerika vom größten Ölimporteur der Welt zum größten Ölproduzenten aufgestiegen - noch vor Saudi-Arabien und Russland. Wenn es einen Bereich gibt, in dem Trump eine stringente Politik betreibt, dann ist es die Energiepolitik. Fossile Brennstoffe sollen die USA wieder zur unangreifbaren Supermacht werden lassen. Trump hat - unter dem Einfluss unter anderem des Fracking-Milliardärs Harold Hamm - schon vor seiner Wahl versprochen, die Regulierungen für die Branche zu lockern und auch Schutzgebiete für die Förderfirmen zu öffnen. Und das hat er praktisch von seinem ersten Tag im Oval Office wahr gemacht. Damit er sein Ziel der globalen Energiedominanz durch Öl-, Erdgas und Kohle weiter verfolgen kann, muss er den Zusammenhang zwischen fossilen Brennstoffen und dem Klimawandel weiter leugnen. Die Klimaprozesse werden daran nichts ändern.

Die Schieferbohrer waren vor Jahren eigentlich schon totgesagt. Warum sind sie heute wieder so erfolgreich?

Rohöl (WTI)
Rohöl (WTI) 57,00

Noch vor fünf Jahren sah das tatsächlich ganz anders aus. Der Frackingboom schien vorbei, bevor er richtig angefangen hatte. Ich erinnere mich noch an die Berichte, die Bauruinen, rostige Bohrtürme und arbeitslose Ölmänner in Texas zeigten. Das Problem waren die hohen Kosten der Fördermethode. Gleichzeitig sorgte die Opec unter Führung Saudi Arabiens für eine Ölschwemme und fallende Preise. Damit wollten sie die neue amerikanische Konkurrenz ausschalten. Doch der Schuss ging nach hinten los. Die Fracker sind mehrheitlich kleine unabhängige - und nicht zuletzt dickköpfige - Typen. Sie haben es innerhalb kurzer Zeit geschafft, ihre Kosten drastisch zu reduzieren. Mit spektakulärem Erfolg: Noch 2007 produzierten die USA rund 5 Millionen Barrel am Tag. Heute nähern wir uns 13 Millionen Barrel am Tag. Damit hatte so keiner gerechnet.

Diese Ölschwemme spricht einerseits für den Erfolg, andererseits rächt dieser Boom sich aber auch …

Die Fracker sind in der Tat Opfer ihres eigenen Erfolgs. Ihre Produktion - bei nahezu gleichbleibender Nachfrage - haben den Ölpreis nachhaltig nach unten gedrückt. Das hat sich jüngst bei der vermutlich vom Iran veranlassten Attacke auf saudische Ölfelder wieder gezeigt. Rund 5 Prozent der Weltölproduktion fielen praktisch über Nacht aus. Noch vor ein paar Jahren wäre der Ölpreis durch die Decke gegangen. Wir hätten 160 Dollar pro Barrel gesehen, statt des kurzfristigen Anstiegs von 60 auf 63 Dollar pro Barrel. Heute dümpeln wir wieder auf dem Niveau von 60 Dollar pro Barrel.

Sie sind für Ihr Buch "Ölbeben" den Spuren des neuen Öl-Booms gefolgt und haben das sogenannte Permischen Becken besucht. Das Gebiet hat gigantische Ausmaße. Es zieht sich von Texas bis nach New Mexico und ist viermal so groß wie Niedersachsen. Wie haben Sie den Öl-Rausch vor Ort erlebt?

Tagsüber mit dem Flugzeug über den Permian zu fliegen, ist faszinierend. Aus dem Fenster sieht man eine Landschaft, die mit einem Muster aus Linien und Quadraten überzogen ist. Man könnte an Stätten glauben, die eine untergegangene Kultur in die Erde gekratzt hat. Wer jedoch mit den Leuten dort spricht, erfährt, dass sie stolz sind, die USA wieder unabhängig gemacht zu haben von den "Bad Guys", den bösen Typen, im Mittleren Osten, wie sie es formulieren. Auch wenn sie dafür große Landstriche verschandeln.

Anders als die USA hat Deutschland die Fracking-Technologie abgelehnt. Gibt es vor Ort in Texas oder Neu Mexiko Widerstand gegen die Rolle rückwärts zurück ins Öl-Zeitalter?

Die Fracker sind an einigen Orten mitten in Wohngebieten zu Gange. In einer Siedlung in der Nähe von Dallas habe ich den Vertreter einer Bürgerinitiative getroffen, die versucht hat, Fracking zumindest innerhalb der Gemeindegrenzen zu verbieten. Doch das wurde auf bundesstaatlicher Ebene gekippt. Jetzt sind dort Erdgas-Quellen inmitten von Reihenhäusern und Kinderspielplätzen. 

Klima- und Umweltinitiativen konnten der Ölindustrie in den USA also bislang nichts anhaben. Die Wirkung der Klimaprozesse ist ungewiss. Mit Trump im Rücken scheinen Fracker fast unbesiegbar. Kann ihnen irgendetwas gefährlich werden? 

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Heike Buchter berichtet seit 2001 von der Wall Street.

Sie haben einen ganz klaren Schwachpunkt. Fracking benötigt Sand, Chemie und Wasser, aber vor allem viel viel Kapital. Anders als konventionelle Quellen versiegen die Schieferquellen früher und darum müssen die Fracker ständig neu bohren. Dafür brauchen sie neues Geld. Nach der Finanzkrise war die Wall Street froh, von ihrem Immobilien- und Hypothekendebakel ablenken zu können, und lenkte Hunderte Milliarden Dollar in Öl- und Gas. Doch nun sind die Investoren genervt, durch den niedrigen Ölpreis sind die erhofften Gewinne ausgeblieben. 

Kommen hier grüne Investments ins Spiel?

Die könnten künftig  kriegsentscheidend werden. Wenn sich die Investoren abwenden, droht den Frackern die Luft auszugehen. Klimaschützer haben diese Zusammenhänge schon lange erkannt. Nicht umsonst hat "Extinction Rebellion" kürzlich vor der New Yorker Börse protestiert. Es gibt eine sogenannte Divest-Bewegung, die institutionelle Anleger wie Pensionskassen, Versicherer und Investmentfonds auffordert, sich von fossilen Brennstoffen zu verabschieden und stattdessen in erneuerbare Energiequellen zu investieren. Diese Bewegung gewinnt an Fahrt, aber ich persönlich sehe die aktuelle  Bedrohung für die Branche eher in dem Preisverfall bei Kohle, Öl und Erdgas. Verstärkt wird der Trend durch die konjunkturelle Abkühlung der Weltwirtschaft.

Wieso ist das entscheidend für die Fracker?

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Die Wall Street kennt zwei Anreize: Gier und Furcht. Die Suche nach Profiten und die Angst vor Verlusten. Und die Energiebranche bietet angesichts der anhaltend niedrigen Preise für Kohle, Öl und Erdgas derzeit wenig Aussicht auf sprudelnde Gewinne, aber eine Menge Verlustrisiko. In der Folge steigen viele Anleger aus. Genau hier erkennt man, wie sich die Abhängigkeit der Fracker von der Wall Street rächt. Die Wall Street ist der wahre Feind. Ohne die ständigen Kapitalspritzen dürfte es wohl bald wieder sehr eng werden für viele der kleineren Förderunternehmen. Sie müssen nicht nur ständig neu investieren, sondern auch noch ihre Investoren und vor allem die Gläubiger bedienen.

Platzt hier möglicherweise gerade Trumps Traum von der Öl-Supermacht USA?

Die US-Ölsucher sind schon oft totgesagt worden. Solange es keine nachhaltige grüne Energiewende gibt, ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Mit Heike Buchter sprach Diana Dittmer

Quelle: n-tv.de

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