Wirtschaft

Trotz Marathon-Jobwunders Der Weg zur Vollbeschäftigung ist noch weit

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Die Zahl der Arbeitslosen sinkt weiter.

(Foto: dpa)

Die Arbeitslosigkeit steuert immer mehr auf die 2,5-Millionen-Marke zu. Noch vor ein paar Jahren hätte kaum einer mit solchen niedrigen Zahlen gerechnet. Auch wenn weltweit viele Risiken lauern - manche hoffen inzwischen wieder auf Vollbeschäftigung.

Noch vor ein paar Monaten sah in Deutschland vieles eher nach einer veritablen Jobflaute aus. Inzwischen aber hat sich der Wind gedreht. Nach Einschätzung vieler Fachleute dürfte 2017 ein weiteres starkes Arbeitsmarktjahr werden - dank kräftigen konjunkturellen Rückenwinds. Das viel beschworene deutsche Jobwunder würde damit - zieht man das Jahr der Finanzkrise 2009 ab - schon ins zehnte Jahr gehen.

Die Arbeitslosigkeit, die inzwischen in Richtung 2,5 Millionen steuert, hat sich damit seit 2005 fast halbiert - und Deutschland dem Traum von der Vollbeschäftigung ein gutes Stück näher gebracht. Der Weg dahin ist allerdings noch weit, warnen Arbeitsmarktforscher vor verfrühten Hoffnungen. Schließlich sind da auch noch etliche weltwirtschaftliche Risiken, wie Brexit und Trump.

Denn Vollbeschäftigung wie in den 1960er und 1970er Jahren, als die Arbeitslosenquote kaum über ein Prozent stieg, sei zwar keine Utopie, aber wohl kaum vor 2030 realistisch, hatte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in der Vergangenheit wiederholt deutlich gemacht. Rein rechnerisch sprechen Volkswirte erst bei einer Arbeitslosenquote von zwei bis drei Prozent von Vollbeschäftigung. Das entspräche etwas mehr als einer Million Arbeitslosen.

Prognosen für 2017 sind gut

Viele Bedingungen von damals sind nach Einschätzung der Nürnberger Arbeitsmarktforscher heute nicht mehr gegeben: So sei in den 1960er Jahren der Nachholbedarf beim Konsum und bei Investitionen enorm hoch gewesen. Zudem habe es eine "homogene, sozial integrierte Facharbeiterschaft" gegeben. Verfestigte Langzeitarbeitslosigkeit - wie heute - habe man in den 1960er Jahren nicht gekannt. Vollbeschäftigung sei daher heutzutage nur über eine umfassende Qualifizierungs- und Betreuungs-Offensive zu erreichen, sind die Nürnberger Arbeitsmarktforscher überzeugt.

Ihre jüngsten Prognosen haben allerdings die Zuversicht eher wieder ein Stück wachsen lassen. So geht etwa das IAB inzwischen für 2017 nur noch von 2,534 Millionen Arbeitslosen im Jahresdurchschnitt aus. So wenige Jobsuchende hatte es zuletzt während des Wiedervereinigungsbooms 1990 gegeben. Die Denkfabrik der Bundesagentur für Arbeit (BA) revidierte damit ihre Herbstprognose deutlich: Statt um 72.000 wird nach ihrer Schätzung die Zahl der Erwerbslosen in diesem Jahr damit um 157.000 sinken. Das wäre der stärkste Rückgang seit 2011 und entspräche einer Arbeitslosenquote von 5,7 Prozent. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) geht sogar von einer Quote von nur 5,6 Prozent aus.

Immer mehr Flüchtlinge finden einen Job

Und auch bei den Arbeitsplätzen ist anscheinend das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Die Arbeitsmarktforscher des IAB rechnen für dieses Jahr mit 667.000 zusätzlichen Jobs; die Zahl der Erwerbstätigen würde damit auf einen historischen Höchststand von 44,26 Millionen klettern. Das Wachstum steht dabei auf vielen Beinen. So dürfte der deutsche Arbeitsmarkt nach Einschätzung der Forscher sowohl von der Konsumlust der Bundesbürger als auch den hohen Staatsausgaben, etwa für die Flüchtlingsbetreuung, profitieren. Zudem säßen exportorientierte Unternehmen nach einem guten zweiten Halbjahr 2016 auf vollen Auftragsbüchern. Auch die US-Konjunktur habe sich inzwischen erholt, was deutsche Unternehmen auf ein besseres US-Geschäft hoffen lasse.

Zunehmend entspannter sehen Arbeitsmarktexperten die Flüchtlingsfrage. "Hier muss man den Ball flach halten", mahnt etwa IAB-Prognose-Chef Enzo Weber und verweist auf die aktuellen Daten: Von den mehr als 890.000 Flüchtlingen, die 2015 nach Deutschland kamen, seien nur gut 417.000 für den Arbeitsmarkt überhaupt relevant. Denn nur so viele blieben in Deutschland und seien zugleich im erwerbsfähigen Alter.

Nach Webers Prognosen wird die Zahl der arbeitslosen Flüchtlinge im Jahresdurchschnitt 2017 etwa um 60.000 steigen, im Februar gab es 178.000 von ihnen. Allerdings fänden auch immer mehr Flüchtlinge einen Job. Im Dezember 2016 hatte die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Asylsuchenden bei 131.000 gelegen. Andere Flüchtlinge würden 2017 noch Integrations- und Berufsförderkurse absolvieren - in der Arbeitslosenstatistik tauchen sie damit noch nicht auf.

Quelle: n-tv.de, Klaus Tscharnke, dpa

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