Wirtschaft

"Notenbanken heilen keine Viren" Der Wirtschaft droht der Corona-Crash

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Nicht nur für Börsenhändler, auch für den Rest der Wirtschaft ist das Coronavirus ein Albtraum.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Börsen taumeln, der Ölpreis stürzt ab und Experten warnen: Die Corona-Krise wird noch viel schlimmer werden. Denn faktisch legt die Angst vor dem Virus große Teile der Wirtschaft lahm. Und Geldspritzen der Notenbanken können dagegen nichts ausrichten.

So schnell wie es an den Aktienmärkten rauf geht, so schnell geht es derzeit wieder runter: Nach einer kurzen Verschnaufpause am Mittwoch hat die Anleger die Angst vor dem Coronavirus wieder voll im Griff. In Frankfurt geht es für den Dax um 3,4 Prozent abwärts. An der New Yorker Wall Street fällt der S&P-500 um rund 2,0 Prozent. Und mit jeder Meldung über Neuinfektionen, ausgefallene Großveranstaltungen und im Homeoffice gestrandete Mitarbeiter geht die Achterbahnfahrt von vorn los.

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"Die Nerven bei den Anlegern liegen blank", sagt Analyst Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets. Am Dienstag hatte die US-Notenbank als Notfallmaßnahme in Panik die Zinsen gesenkt. Auch die EZB gerät unter Druck, zur Stützung Geldspritzen an die Märkte zu verteilen. Die Rettungspakete zeigen, wie ernst Notenbanken und Regierungen die wirtschaftlichen Folgen der Epidemie einschätzen. "Ob sie allerdings ausreichen werden, eine Rezession in wichtigen Teilen der Welt zu verhindern, ist fraglich", sagt Stanzl.

Denn anders als bei der Grippe weiß niemand genau, wie tödlich Covid-19 am Ende wirklich ist. Die Angst greift immer mehr um sich. Und die drakonischen Quarantänemaßnahmen, die Firmen lieber vorsorglich ergreifen, lähmen die Wirtschaft. Weltweit sind Tausende Flüge gestrichen, in China stehen Fabriken still. Lieferketten sind unterbrochen oder zum Zerreißen gespannt. Und nach Ansicht vieler Experten wird der Corona-Crash wohl noch viel schlimmer werden.

"Zentralbanken heilen keine Viren"

Bereits jetzt ändern Menschen ihr Verhalten, bleiben zu Hause, geben weniger Geld für Reisen aus. Doch die Börsen unterschätzen diesen Effekt bislang womöglich sogar noch. "Die Märkte haben sich gerade mal darauf eingestellt, statt keinerlei Risiko ein moderates Risiko einzupreisen", zitiert Bloomberg Mike Riddell, einen Anleihefonds-Manager der Allianz Global Investors (AGI). "Wenn die globalen Daten in den kommenden Wochen und Monaten richtig in die Knie gehen, wird Investoren klar werden, dass Zentralbanken keine Coronaviren heilen können". Für Riddell sind Währungen und Unternehmensanleihen daher "immer noch reif für eine Korrektur".

Momentan flüchten Anleger panisch aus Aktien in Staatsanleihen, die als sichere Häfen wahrgenommen werden. Die Renditen der Papiere fallen weltweit auf Rekordtiefs: Die zehnjährige US-Staatsanleihe fiel am heutigen Freitag erstmals überhaupt unter 0,8 Prozent. Die zehnjährige Bundesanleihe rentiert sogar mit -0,745 Prozent. Auch die Ölpreise sind im Sinkflug: Der Preis für Brent-Rohöl sinkt um fast vier Prozent auf unter 50 Dollar pro Barrel. Das Ölkartell Opec hat bereits angekündigt, die Förderung um eine Million Barrel täglich zu drosseln, um die Preise zu stützen. Bislang sperrt sich aber das Nicht-Opec-Mitglied Russland, mit dem das Ölkartell seine Förderung koordiniert, gegen die Maßnahme.

"Selbst wenn man wegen der gesundheitlichen Folgen des Virus nicht hysterisch wird, bedeutet das nicht, dass die Folgen für Wirtschaft und Finanzmärkte gering sein werden", warnt Riddell. Denn die zunehmenden Quarantäne-Maßnahmen bedeuten, dass große Teile der Wirtschaft für Wochen oder Monate lahmgelegt werden. Faktisch wird so ein Großteil der Weltwirtschaft abgeschaltet.

Viele Unternehmen haben Dienstreisen eingeschränkt oder verboten. Denn bisher reicht oft ein einziger Krankheitsfall, um eine ganze Firma zu paralysieren. Als bei Amazon in Seattle ein Mitarbeiter positiv getestet wurde, empfahl die Firma am Mittwoch allen Angestellten in der Region, den gesamten Monat von zu Hause zu arbeiten. Bei HSBC in London wurden nach einer Erkrankung in einem Bürogebäude, in dem fast 10.000 Menschen arbeiten, ebenfalls drastische Maßnahmen ergriffen: "Wir reinigen die Etage, auf der unser Kollege arbeitet, und sämtliche Gemeinschaftsbereiche des Gebäudes", zitiert die "New York Times" aus einer Mitteilung der britischen Bank. Und die Schweizer UBS streicht vorerst alle Veranstaltungen, die die physische Präsenz von Mitarbeitern erfordern.

Schaden für die Wirtschaft größer als in China?

Wie groß der Schaden wird, der durch die Quarantänemaßnahmen und geändertes Konsumverhalten entsteht, lässt sich nur vermuten. Jedes zweite Unternehmen in Deutschland erwartet in diesem Jahr nach einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) einen Umsatzrückgang. An den Börsen stehen momentan vor allem Fluglinien, Energieversorger und Banken auf der Verkaufsliste. Die International Air Transport Association (IATA) schätzt, dass wegen Covid-19 zwischen 63 und 113 Milliarden Dollar Einnahmen in der Luftverkehrsbranche verpuffen könnten. Die entscheidende Frage ist, ob Verbraucher ihren Konsum ersatzlos ausfallen lassen oder womöglich nachholen.

Allerdings wird immer klarer, dass die Krise womöglich länger dauern könnte als anfangs erwartet. Das Robert-Koch-Institut rechnet zwar schon in wenigen Wochen mit Medikamenten zur Behandlung von Covid-19. Einen Impfstoff erwarten die Forscher aber erst im nächsten Jahr. Nicht nur die OECD warnt inzwischen, dass der Corona-Schock 2020 das globale Wachstum halbieren könnte. Auch das Institute of International Finance fürchtet, die Virus-Krise könne das Wachstum auf 1 Prozent drosseln, den niedrigsten Stand seit 2009. Westliche Länder könnten vom Coronavirus wirtschaftlich womöglich heftiger getroffen werden als China. Denn die wirtschaftliche Bedeutung von Dienstleistungen, die für gewöhnlich direkt zwischen Menschen erbracht werden, ist hierzulande deutlich höher als in aufstrebenden Volkswirtschaften in Fernost, wo Millionen Menschen an Maschinen in Fabriken arbeiten.

Um die Verluste zu minimieren, will der Koalitionsausschuss am Wochenende über Sofortmaßnahmen für die Wirtschaft beraten. "Wir werden Sonntag wichtige Zeichen setzen", sagte SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich dem "Handelsblatt". Auf dem Tisch liegen eine Ausweitung des Kurzarbeitergeldes sowie weitere gezielte Hilfen für Unternehmen, die wegen Corona unverschuldet in Schieflage geraten sind. Lufthansa-Chef Carsten Spohr fordert etwa die "gezielte Aussetzung der Slot-Regelung", die Airlines zwingt, Strecken regelmäßig zu bedienen, um die Start- und Landerechte nicht zu verlieren. Ob all das reicht, um den Corona-Crash abzufedern, ist offen. Anleihe-Händler Riddell geht jedenfalls davon aus, dass es "ab jetzt deutlich schlimmer wird".

Quelle: ntv.de

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