Wirtschaft

"Schamloseste Manipulation"Wie vor Elon Musks Mega-Börsengang die Regeln geändert werden

18.05.2026, 17:09 Uhr
imageVon Max Borowski
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Elon Musk hat SpaceX zum dominierenden Akteur der kommerziellen Raumfahrt gemacht. Auch an der Börse schreibt er nun einige Regeln neu. (Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com)

Es dürfte der größte Börsengang aller Zeiten werden: Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX soll bis zu zwei Billionen Dollar wert sein. Das verschiebt das Machtgefüge am Aktienmarkt. Betroffen sind vor allem passive Anleger, die in Fonds wie ETFs investieren.

Nach Monaten der Spekulation, ob Elon Musk den Börsengang seiner Raumfahrtfirma eher nach dem Stand der Planeten Venus und Jupiter ausrichten will oder nach seinem eigenen Geburtstag, herrscht inzwischen Klarheit: Der wahrscheinlich größte Börsengang aller Zeiten soll um den 12. Juni stattfinden. Ein Anteil von zunächst weniger als fünf Prozent an Musks Unternehmen SpaceX soll dann an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq gehandelt werden. Rund 75 Milliarden Dollar neues Kapital bei einer Gesamtbewertung des Konzerns mit 1,75 Billionen Dollar soll SpaceX dadurch bekommen. In manchen Schätzungen ist von zwei Billionen Dollar die Rede.

Noch hat SpaceX keinen Börsenprospekt veröffentlicht und auch noch keine offiziellen Geschäftszahlen. Das soll im Laufe dieser Woche erstmals erfolgen. Doch obwohl den Anlegern, Index- und Fondsanbietern damit noch wichtige Informationen für ihre Entscheidungen fehlen, haben sie in Erwartung des Mega-Börsengangs die Spielregeln für den Aktienmarkt bereits geändert. Noch bevor SpaceX und die begleitenden Banken die Details der Aktienemission verkündet haben, hat diese bereits bleibende Spuren am Finanzmarkt hinterlassen, die fast alle Aktionäre betreffen.

Als erster wichtiger Akteur am Aktienmarkt reagierte die Technologiebörse Nasdaq. Schon zum 1. Mai änderte die Handelsplattform die Regeln für ihren Leitindex Nasdaq 100. Abgeschafft wurde die Regel, der zufolge mindestens zehn Prozent der Aktien eines Unternehmens im Streubesitz und damit frei handelbar sein müssten. Zudem wurde die Mindestwartezeit, die das Unternehmen an der Börse notiert sein muss, bevor es in den Index aufgenommen werden kann, von drei Monaten auf nur noch 15 Tage verkürzt.

Mit diesen Änderungen, schrieb die Wirtschaftszeitung "Economist", sei die Nasdaq "vor Elon Musk in die Knie" gegangen. Die Anpassungen dürften, auch wenn es offiziell keine Bestätigung gibt, dass sie auf Wunsch des SpaceX-Chefs erfolgten, feine Bedingungen gewesen sein für die Auswahl der Nasdaq für den historischen Börsengang. Auch für den Leitindex des amerikanischen Aktienmarktes, den S&P 500 werden ähnliche Anpassungen erwogen.

"Vermögenstransfermechanismus"

Zu den Anbietern von Aktienindizes, die ihre Regeln schon geändert haben, um beim SpaceX-Börsengang möglichst schnell dabei zu sein, gehört MSCI. Aus dessen Indizes, beispielsweise dem MSCI-World-Index, waren Unternehmen mit weniger als 15 Prozent frei handelbarer Aktien bislang ausgeschlossen. Nun hat MSCI, rechtzeitig für SpaceX, neue Regeln eingeführt, so dass auch Firmen mit weniger als fünf Prozent Streubesitz berücksichtigt werden können.

Diese Änderungen führen dazu, dass viele Anleger über Index-basierte Aktienfonds - etwa ETFs, die sich am MSCI World orientieren - in kürzester Zeit in SpaceX-Aktien investieren werden, die das nach den bisher geltenden Regeln nicht, oder erst viel später getan hätten. Damit heizen die neuen Regeln die Nachfrage nach SpaceX-Aktien kurzfristig extrem an. Allein die diversen MSCI-Indizes werden von Aktienfonds und anderen Investoren als Richtschnur für die Anlage von insgesamt 18 Billionen Dollar weltweit genutzt.

Die Anwendung der neuen Regeln ist dabei nicht auf SpaceX beschränkt. Auch andere Börsenneulinge und Unternehmen mit minimalem Streubesitz profitieren bei entsprechender Größe künftig davon. Die erwarteten Börsengänge der KI-Marktführer OpenAI und Anthropic könnten noch in diesem Jahr solche Fälle sein.

Kritiker warnen eindringlich vor den Folgen. Der SpaceX-Börsengang zeige für sie, dass sich das Machtverhältnis von den Indexanbietern zu den Mega-Aktienemittenten verschoben hat. Bisher setzten Nasdaq, S&P, MSCI & Co. Regeln, nach denen Unternehmen sich richten mussten, wenn sie mit Hilfe der bekannten Aktienindizes in Fonds aufgenommen und so an das Kapital der Privatanleger kommen wollten. Nun aber würden die Aktienemittenten die Regeln zu ihren Gunsten diktieren, beklagte der bekannte Hedgefund-Manager George Nobel in einem Blogpost. Die Änderungen der Nasdaq nannte er "die schamloseste strukturelle Manipulation" eines großen Index, die er je gesehen habe. Das Ergebnis sei ein "Vermögenstransfermechanismus" von den Fondsanlegern hin zu den Aktienemittenten, führenden Investoren und Insidern.

Quelle: ntv.de

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