Wirtschaft

Steven Cohen kehrt zurück Der meistgejagte Mann der Wall Street

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Steven Cohens Hedgefonds zahlte für Insiderhandel fast zwei Milliarden Dollar Strafe.

(Foto: REUTERS)

Mit Insiderhandel wurde Steven Cohens Hedgefonds zur illegalen Profitmaschine. Ihn selbst konnten die Ermittler aber nie festnageln. Nun treibt der berüchtigte Finanzhai sein Comeback an der Wall Street voran - mit mehr Geld als je zuvor.

Für die Ermittler muss sich Steven Cohens Plan wie ein Tritt in den Hintern anfühlen: Sieben Jahre lang spielten der Multimilliardär und sein Hedgefonds SAC Capital im größten Insiderskandal in der Geschichte der Wall Street Katz und Maus mit den Fahndern. Am Ende konnten diese Cohen zwar zwingen, bis 2018 kein fremdes Geld mehr zu verwalten. Doch nun wird er bald sein Comeback feiern.

Laut "Wall Street Journal" (WSJ) hat Cohen gegenüber Bankern und potentiellen Investoren angekündigt, 20 Milliarden Dollar aufzutreiben, um wieder ins Geschäft einzusteigen. Das wären mehr als die 16 Milliarden Dollar, die Cohen zu Hochzeiten mit seinem eigenen Hedgefonds SAC managte. Auch wenn Cohen dabei wahrscheinlich sein eigenes Vermögen von 11 Milliarden Dollar mit einbringen wird, ist seine Rückkehr als Geldmanager ein später Triumph über die US-Börsenaufsicht und die New Yorker Staatsanwaltschaft.

Cohen steht wie kein Zweiter für die superreichen Investoren, die mit ihren Hedgefonds längst die Finanzindustrie dominieren. Acht Händler seiner Firma SAC Capital wurden wegen Insiderhandel verurteilt. Fast zwei Milliarden Dollar Strafe musste der Hedgefonds dafür zahlen. Doch gegen Cohen selbst reichten die Beweise nicht. So berüchtigt ist die Geschichte des Finanzhais, dass sie die TV-Serie "Billions" inspiriert hat, die seit 2016 im US-Pay-TV läuft. Denn Cohens Fall illustriert eindrucksvoll die Kultur an der Wall Street, die Grauzone, in der mächtige Banken und Investoren mit fragwürdigen Methoden Profite machen.

Wunderkind der Wall Street

Bevor Cohens Hedgefonds SAC Capital sich 2013 des Insiderhandels schuldig bekannte, machte er jährlich 30 Prozent Rendite. 1992 hatte Cohen die Firma gegründet, die seine Initialen trug, und machte sie zu einem der mächtigsten Hedgefonds der Welt. Cohen galt vielen in der Finanzbranche als Wunderkind: Er stammte aus einer Mittelklassefamilie und arbeitete sich von einem kleinen Wall-Street-Broker zum Hedgefonds-Boss hoch. Der Erfolg gab ihm Recht. So sehr, dass seine Kunden ihm sogar bereitwillig die Hälfte der Gewinne überließen, die er mit ihrem Geld machte.

Doch in den Jahren vor der Finanzkrise fingen Ermittler an zu zweifeln, ob bei Cohens Traumrenditen immer alles mit rechten Dingen zuging. Damals stießen sie auf einen gigantischen Insider-Ring beim Hedgefonds Galleon, ein Netz von Händlern, Analysten und Brokern, das sich von Firmenchefs gegen Bezahlung mit Vorabinfos beliefern ließ. Einige Spuren führten auch zu Cohens Hedgefonds. Am Ende klickten bei acht Händlern die Handschellen. Aber nicht bei Cohen.

"Ich denke, das sagt etwas über die Kultur bei SAC aus", sagte Sheelah Kolhatkar vom US-Magazin "New Yorker" kürzlich dem "WSJ". "Man kann vielleicht einen oder zwei schlechte Äpfel in einer Firma haben, aber dass so viele Leute in der gleichen Institution verhaftet wurden, ist ungewöhnlich und muss auf eine Art eine Folge davon gewesen sein, dass niemand genug aufpasste, was die Händler da machen."

Vorsprung durch Information

Kolhaktar war früher selbst Hedgefonds-Analystin und hat für ihr Buch "Black Edge" über Cohen drei Jahre lang die gesamte Geschichte des Hedgefonds-Titanen durchleuchtet und tausende Seiten Gerichtsakten durchgeackert. Mit akribischer Recherche legt sie sein Erfolgsrezept offen. Cohens Hedgefonds machte sein Geld mit extrem kurzfristigen und aggressiven Spekulationen, mit informationsgesteuerten Wetten auf Aktien, die an bestimmte Ereignisse geknüpft waren: Quartalszahlen, klinische Studien von Pharmafirmen oder Übernahmeangebote. Um sich einen Vorteil zu verschaffen, bediente sich Cohens Hedgefonds mal legaler, mal illegaler Methoden.

Seine Händler stuften ihre Informationsvorsprünge in Kategorien ein: "White edge" waren legale Erkenntnisse, die sich aus öffentlichen Informationen ergaben. "Grey Edge" fiel ab, wenn ein Firmenchef Andeutungen machte. Und dann gab es natürlich "Black Edge" - illegale Insiderinformationen, die den Aktienkurs mit Sicherheit bewegen würden.

Cohen stopfte seine Firma mit Absolventen von Eliteunis voll, die den ganzen Tag nichts weiter machten, als "edge" heranzuschaffen. Laut Kolhatkar machte Cohen dabei viel Druck auf seine Mitarbeiter, aber forderte sie nie direkt auf, die Linie zu überschreiten. Stattdessen verlangte er mit jedem Investment-Vorschlag ein "Verurteilungs-Rating" - eine Einschätzung, wie wahrscheinlich der Deal den Händler ins Gefängnis bringen könnte. So konnte er abstreiten, von illegalen Aktionen gewusst zu haben. Das rettete ihm am Ende den Hals.

"Irgendjemand muss sie bezahlen"

Auch die großen Banken unterstützten die Betrügereien bei SAC Capital. Denn für die hochriskanten, kurzfristigen Investments kauften und verkauften Cohens Händler Aktien so schnell und so oft wie kaum jemand anderes an der Wall Street. Und Goldman Sachs und Co. verdienten bei jedem Trade Gebühren.

"Jeder an der Wall Street wusste, dass SAC Dinge zuerst wissen wollte. Wenn man Cohen anrief und ihn vorwarnte, dass ein großer Kunde verkauft oder wenn man ihm eine andere Information steckte, die den Aktienkurs bewegen konnte, war er bereit, die Firmen dafür mit sehr lukrativen Handelsgeschäften zu belohnen", sagte Kolhaktar dem "WSJ".

In der TV-Serie "Billions" beschreibt ein Händler den Einfluss der Hauptfigur, die von Steven Cohen inspiriert ist, so: "Wenn man sich auf diesem Level bewegt, ist man mehr ein Staat als eine Person. Er ist wie ein Flugzeugträger in einer Kampfgruppe: Wenn er nach links dreht, biegen alle Schlachtschiffe, Zerstörer und U-Boote mit ihm ab. Du jagst keinen Informationen hinterher. Die Informationen fließen zu dir."

Nicht immer waren diese Informationsvorsprünge illegal. "Irgendjemand mussten sie ja zuerst anrufen, warum soll ich es nicht sein, der sie gut dafür bezahlt? Das war sein Argument", sagte Kolhaktar dem "WSJ". "Genau wie Fluglinien ihre First-Class-Gäste immer mehr zum Nachteil aller anderen verwöhnen, haben die großen Banken begriffen, dass es ein gutes Geschäft ist, ihre besten Kunden zu pampern."

Den Kopf für Cohens fragwürdige Geschäfte mussten am Ende nur seine Händler hinhalten. Die Hedgefonds-Legende selbst klagten die Ermittler nicht an. "Sie mussten einsehen, dass sie nach all den Jahren keine wasserdichten Beweise gegen Cohen selbst hatten, nichts was direkt bewies, dass er Bescheid wusste", sagt Kolhaktar. "Am Ende machten sie das, was sie inzwischen so häufig machen: Sie klagten die Firma an, statt die Person."

Quelle: ntv.de