Wirtschaft
400 Orgelbaubetriebe gibt es allein in Deutschland, Philipp Klais ist der Leiter von einem.
400 Orgelbaubetriebe gibt es allein in Deutschland, Philipp Klais ist der Leiter von einem.(Foto: imago/epd)
Sonntag, 24. Dezember 2017

Gesamtkunstwerk statt Instrument: Deutsche Orgelbauer genießen Weltruhm

Die Orgel ist das größte und komplizierteste Musikinstrument der Welt. Oft dauert die Herstellung Jahre, das Instrument scheint mehr als unzeitgemäß. Doch gerade deutsche Orgelbauer genießen in dem ungewöhnlichen Kunsthandwerk heute weltweit Ansehen.

Sie sind Gesamtkunstwerke aus Architektur, Technik und Klang und manchmal vergehen bis zu drei Jahre, bis eines der Instrumente fertiggestellt ist: In deutschen Orgeln wird von reinem Zinn bis zu Mammutzähnen feinstes Material aus der ganzen Welt verarbeitet – um dann wieder in die ganze Welt exportiert zu werden.

Für Philipp Klais geht es dabei um Leidenschaft. Der Inhaber der Bonner Orgelbaufirma Klais leitet das Familienunternehmen schon in der vierten Generation. Für die Familie ist der Orgelbau eine schöpferische und zeitgemäße Auseinandersetzung mit der Tradition. Orgelähnliche Instrumente werden bereits seit der Antike angefertigt. Im Verlauf der Geschichte wurde Orgelmusik dann zum essentiellen Bestandteil verschiedenster gesellschaftlicher Ereignisse:  Arenenkämpfe, kaiserliche Zeremonien, Gottesdienste, Konzerte. Heute sorgt das größte Instrument der Welt vor allem für musikalische Momente der Erhabenheit in kirchlichen Gottesdiensten und gewaltige Klangerlebnisse in Konzertsälen.

Deutsche Orgeln findet man in Konzerthäusern von Peking bis St. Petersburg, doch auch in deutschen Kirchen, z.B die Schwalbennestorgel im Kölner Dom.
Deutsche Orgeln findet man in Konzerthäusern von Peking bis St. Petersburg, doch auch in deutschen Kirchen, z.B die Schwalbennestorgel im Kölner Dom.(Foto: picture alliance / dpa)

Obwohl die deutschen Orgelbauer schwere Jahre hinter sich hätten, habe die Bedeutung der Kirchenmusik zugenommen - auch der schwierigen Lage vieler Kirchengemeinden zum Trotz, erzählt Klais. Noch vor zwei bis drei Jahren sei es den meisten Orgelbauern wirtschaftlich nicht gut gegangen, sagt der Vorsitzende des Bundes deutscher Orgelbaumeister, Thomas Jann. Kirchengemeinden wurden zusammengelegt, die Gemeinden sparten. Aber die Lage habe sich geändert, die Bereitschaft zu Investitionen wachse und die Auftragslage sei inzwischen "relativ gut".

Orgelbauer Klais ergänzt, noch in den 1990er Jahren seien 80 Prozent der Kosten für Orgeln aus Kirchensteuern finanziert worden, heute komme das Geld oft von privaten Sponsoren: "Das schafft mehr Freiraum." Ohne Folgen sind die schweren Jahre für die Branche allerdings nicht geblieben: Jann spricht von einem "Schrumpfungsprozess, der den Orgelbauern gut tut". Insgesamt gebe es in Deutschland etwa 400 Orgelbaubetriebe - und rund 50.000 Orgeln vor allem in Kirchen und Konzertsälen.

Orgelbauer setzen auf Export

Vor einem Vierteljahrhundert habe die Branche noch etwa 2500 Menschen beschäftigt, heute seien es rund 1800 Mitarbeiter - schwierig sei es allerdings, Nachwuchs zu finden. Der Umsatz der Orgelbau-Branche liege bei etwa 100 Millionen Euro pro Jahr und damit um etwa 30 Prozent unter dem Wert von vor 25 Jahren. Da schadet es nicht, dass der Export in den vergangenen Jahren deutlich angezogen hat, wie Jann sagt. Das spiele für einige Firmen eine große Rolle - etwa das Geschäft in China, wo es zwar nur wenige christliche Kirchen gebe, wo aber "ein Konzerthaus nach dem anderen" entstehe. Aber auch die Kirche "erkennt, dass die Orgel ein wichtiger Faktor des Gottesdienstes ist. Wir gehören nicht in den Elfenbeinturm."

Musiker sollten den Mut haben, die Orgel auch für moderne Musik zu nutzen, findet Orgelbauer Georg Schloetmann.
Musiker sollten den Mut haben, die Orgel auch für moderne Musik zu nutzen, findet Orgelbauer Georg Schloetmann.(Foto: dpa)

Daran hat allerdings der Orgelbaumeister Georg Schloetmann, Inhaber der Firma E. Hammer in Hemmingen bei Hannover, leisen Zweifel. Denn bei gut besuchten Familiengottesdiensten setze man immer stärker auf das E-Piano oder die Gitarre - und "die Orgel schweigt". So kämen gerade Kinder immer weniger mit Orgelmusik in Berührung. "Ich wünsche mir überall mehr Mut, mehr mit der Orgel zu machen - und auch zeitgenössische Musik zu spielen", sagt Schloetmann. Sein Betrieb mit sechs Mitarbeitern und einem Jahresumsatz zwischen 300.000 und 400.000 Euro setzt vor allem auf Geschäfte in Deutschland - in Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Sachsen-Anhalt.

Orgeln gehören zum Weltkulturerbe

Der mit Abstand wichtigste Kunde des Betriebes bleibt die Kirche - mit einem Anteil von 96 Prozent, wie Schloetmann sagt. "Die Landeskirche macht nicht nur das Nötigste. Für den Kulturerhalt wird es immer Arbeit geben." Weniger wichtig ist ihm - trotz einiger Kontakte nach Polen - der Export.

Anders bei Klais: als "kleinste Global Player" bezeichnete Philipp Klais einmal die Orgelbauer. Denn eine Klais-Orgel findet man nicht nur in der Hamburger Elbphilharmonie, sondern auch in China, Japan, den USA oder Russland. Dennoch sei der Export kein "Allheilmittel für das wirtschaftliche Überleben", betont er. Die Orgelbaufirma kommt auf einen jährlichen Umsatz von fünf bis sieben Millionen Euro und beschäftigt 63 Mitarbeiter, darunter 14 Auszubildende. Hilft es den Orgelbauern, dass Orgelbau und Orgelmusik nun zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit gehören, wie der zuständige Ausschuss der UN-Kulturorganisation Unesco erst kürzlich beschloss?

Immerhin will Niedersachsens Wissenschafts- und Kulturminister Björn Thümler (CDU) die "herausragenden und prägenden Orgeln Niedersachsens spiel- und damit erlebbar" erhalten. Für den Orgelbauer Schloetmann bedeutet die Unesco-Auszeichnung aber auch, dass es etwas Bedrohtes zu schützen gilt: "Da steckt viel Mahnung mit drin."

Quelle: n-tv.de