Wirtschaft

Wie geht es mit Griechenland weiter? "Die EZB will nicht den Stecker ziehen"

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Am Tag nach dem Referendum weiß niemand, wie es jetzt weitergehen wird.

(Foto: AP)

Griechenland bleiben noch zwei Wochen, sagt DIW-Chef Marcel Fratzscher. Am 20. Juli sei der entscheidende Tag, dann wird eine Anleihe an die Europäische Zentralbank fällig. Wenn Griechenland dann nicht zahlt, "müsste die EZB ihre Unterstützung einstellen".

n-tv.de: Wie geht es nach dem Referendum weiter mit Griechenland?

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Marcel Fratzscher ist Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung und lehrt Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

(Foto: DIW)

Marcel Fratzscher: Niemand weiß das wirklich. Ein Ja-Referendum hätte Hoffnung gegeben, aber dieser deutliche Ausgang zeigt, dass der Konfrontationskurs zwischen Europa und den Griechen schwieriger wird. Wirtschaftlich ist das Nein eine Katastrophe für Griechenland. Die griechischen Banken stehen vor dem Bankrott. Ich denke, es wird zu sehr viel größeren wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen kommen in den kommenden Wochen.

Wieviel Zeit bleibt, bis Griechenland endgültig kollabiert?

Das steht und fällt mit den griechischen Banken. Sie benötigen Liquidität, also Kredite, um die Nachfrage nach Geld durch griechische Bürger und Unternehmen zu bedienen. Das fehlt ihnen im Augenblick. Deshalb müssen die Kapitalverkehrskontrollen nochmal verschärft werden. Für mich ist der 20. Juli nun der entscheidende Tag. Es bleiben also zwei Wochen.

Am 20. Juli müsste Griechenland eine Anleihe von 3,5 Milliarden Euro an die Europäische Zentralbank zurückzahlen. Kann die EZB ihre Anleihen überhaupt retten, wenn die Griechen nicht zahlen?

Eigentlich müsste die EZB ihre Unterstützung einstellen, wenn die Frist verstreicht. Die griechischen Banken würden dann zusammenbrechen und wären nicht mehr funktionstüchtig. Die EZB kann ihre Anleihen nur aufrechterhalten, wenn die Europäer eine Brückenfinanzierung anbieten oder Garantien übernehmen, damit die Kredite Griechenlands zumindest mittel- und kurzfristig bedient werden. Aus eigener Kraft dürfte die EZB das nicht. Denn das wäre monetäre Staatsfinanzierung. Die EZB hat sich ohnehin schon extrem großzügig gezeigt. Viel weiter kann sie nicht gehen.

Es gibt noch einen anderen wichtigen Stichtag. Schon am 10. Juli müssen die Griechen zwei Milliarden an griechische Banken zurückzahlen. Wenn das nicht gelingt, würden erstmals private Gläubiger nicht bedient.

Das wäre in der Tat dramatisch. Dann würden die Ratingagenturen den teilweisen Zahlungsausfall feststellen. Aber es handelt in diesem Fall ja fast ausschließlich um griechische Banken. Sie werden von der eigenen Regierung vermutlich gezwungen, die Anleihen zu kaufen - egal zu welchem Zins.

Alle warten nun auf eine Entscheidung der Europäischen Zentralbank. Sie haben selbst bis 2008 für die EZB gearbeitet. Was glauben Sie, wie man dort nun reagieren wird?

Die EZB ist in einer sehr schwierigen Situation. Die EZB muss heute über die Notfallhilfen von knapp 90 Milliarden Euro entscheiden, ob sie diese fortführt, nochmal erhöht oder sie völlig zurückfährt. Im letzten Fall wäre der griechische Staat insolvent. Meine Vermutung ist: Die EZB wird versuchen, dies nicht zu tun. Sie will nicht die Institution sein, die den Stecker zieht und den Zusammenbruch direkt herbeiführt, indem sie die griechischen Banken von der Kreditvergabe abschneidet.

Was kann die Kanzlerin den Griechen jetzt noch anbieten?

Erst einmal ist es wichtig, einen kühlen Kopf zu behalten. Das macht die Kanzlerin sehr gut. Sie muss die hohen emotionalen Wogen in Deutschland und Griechenland mit Distanz betrachten. Sicherlich ist eine Einigung durch das Referendum schwerer geworden, aber nicht unmöglich. Es gibt nach wie vor die Möglichkeit, durch Verhandlungen eine Lösung herbei zu führen. Griechenland müsste sich zu Reformen verpflichten. Im Gegenzug könnte die EU eine Umstrukturierung der Schulden anbieten. Das würde auch die deutschen Interessen wahren.

Können Sie das erklären?

Als deutscher Steuerzahler möchte ich so viel deutsche Gelder zurück haben wie möglich. Das kann nur gelingen, wenn Griechenland endlich Reformen macht, Wachstum schafft und damit auch die Schulden bedienen kann.

Finanzminister Yanis Varoufakis, der heute zurückgetreten ist, hat mehrfach eine Umschuldung gefordert. Hatte er Recht?

Wir brauchen eine Lösung für die Überschuldung Griechenlands. Eine Schuldenentlastung kann nur gegen Gegenleistung geschehen. Die bietet Griechenland nach wie vor nicht an. Eine Möglichkeit wäre es, die Zinsen der öffentlichen Kredite an das Wachstum in Griechenland zu koppeln.

Verbessert Varoufakis' Rücktritt die Aussichten auf eine Einigung?

Es ist eine sehr gute Entscheidung, für Griechenland und Europa. Das Beispiel Varoufakis zeigt, dass wir professionelle Politiker brauchen. Die griechische Regierung trägt die Hauptschuld daran, das eigene Land gegen die Wand gefahren zu haben. Deshalb kann es jetzt nur besser werden.

Mit Marcel Fratzscher sprach Christian Rothenberg

Quelle: ntv.de