Wirtschaft

Arbeitsmarkt in der Corona-Krise Die Vier-Tage-Woche ist noch Zukunftsmusik

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Der Automobilzulieferer ZF hat sich mit der IG Metall bereits auf eine Vier-Tage-Woche geeinigt.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Corona-Krise bringt viele Unternehmen zum Nachdenken: Was tun, wenn die Nachfrage sinkt und weniger zu tun ist? Die IG Metall kann sich eine Vier-Tage-Arbeitswoche vorstellen, um so viele Arbeitsplätze wie möglich zu sichern. Nicht notwendig, sagt Arbeitsmarktforscher Enzo Weber.

Nur noch vier Tage arbeiten, dafür jede Woche ein langes Wochenende. Was verlockend klingt und in manch einem hippen Startup in Berlin-Mitte längst Standard ist, kann sich jetzt auch die mächtige Arbeitnehmergewerkschaft IG Metall vorstellen. Um den Strukturwandel zu meistern und die Folgen der Corona-Krise für die Beschäftigten abzufedern. Die könnten dann nämlich ihren Job behalten.

Auch Enzo Weber hält das für eine Möglichkeit. Der Professor für Empirische Wirtschaftsforschung an der Uni Regensburg und der Leiter des Forschungsbereiches "Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen" am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg sieht bei der Vier-Tage-Woche allerdings einen großen Haken: "Unterm Strich muss jedem klar sein, dass entsprechend weniger Einkommen erwirtschaftet wird", sagt er im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Es sei grundsätzlich zwar so, dass bei überlangen Arbeitszeiten die Produktivität nachlasse und zu viel Arbeit auch krank machen könne, aber "das ist bei einer normalen 39-Stunden-Woche bei den meisten Menschen nicht der Fall".

Mehr Flexibilität statt Vier-Tage-Woche

Die in der Corona-Krise massiv gebeutelte Autoindustrie geht in Sachen Vier-Tage-Woche dennoch voran. Zum Beispiel hat Autozulieferer ZF Friedrichshafen mit der IG Metall einen Tarifvertrag ausgehandelt, der es möglich macht, die Wochenarbeitszeit um 20 Prozent, also einen Tag pro Woche, zu senken. Im Gegenzug hat sich ZF bereiterklärt, bis 2022 auf betriebsbedingte Kündigungen und Standortschließungen in Deutschland zu verzichten. "Grundsätzlich ist eine Vier-Tage-Woche umsetzbar. Wir hatten ja auch mal eine Sechs-Tage-Woche, daraus ist dann eine Fünf-Tage-Woche geworden. Das ist am Ende eine gesellschaftliche Entscheidung", findet Weber.

Umsetzbar, aber branchenübergreifend nicht sinnvoll. Für den Arbeitsmarktforscher ist die entscheidende Zutat, um schwungvoll aus dem Corona-Tief herauszukommen, mehr Flexibilität. "Wir sollten unsere Arbeitszeit nicht von der Krise, von der Digitalisierung oder irgendetwas anderem bestimmen lassen. Eine Vier-Tage-Woche ist genau dann sinnvoll, wenn der Beschäftigte es so möchte."

Und wenn der Beschäftigte akzeptiert, entsprechend weniger Geld für die Arbeit zu bekommen. Viele Befürworter der Vier-Tage-Woche erhoffen sich möglicherweise, einfach einen Tag weniger zu arbeiten, aber finanziell keine Abstriche machen zu müssen. Aus Sicht von Enzo Weber ist das "offensichtlich nicht realistisch", weil für einen vollen Lohnausgleich bei einer Vier-Tage-Woche 25 Prozent mehr Stundenlohn bezahlt werden müsste. "Natürlich wäre es schöner, wenn wir viel höhere Löhne zahlen könnten. Aber das hätten wir ja bisher auch schon machen können, wenn es so einfach möglich wäre".

Lohnausgleich "nicht realistisch"

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Arbeitsmarktforscher Enzo Weber.

(Foto: IAB)

Die IG Metall fordert zumindest einen teilweisen Lohnausgleich. Das Vorbild ist dabei Volkswagen. Als in den 90er-Jahren Zehntausende Arbeitsplätze auf der Kippe standen, wurde die Arbeitszeit beim Autobauer um 20 Prozent verkürzt, gleichzeitig sanken die Löhne aber nur um 10 Prozent. Das geht vielleicht zeitweise bei sehr großen Unternehmen, aber flächendeckend können sich die Firmen das finanziell in der Krise nicht erlauben, für weniger Arbeit nicht gleich viel weniger zu bezahlen. Und langfristig werde die Menge der Arbeit auch gar nicht weniger werden, trotz momentaner Rezession und Herausforderungen wie der Digitalisierung, betont Weber. Das liegt daran, dass die Zahl der Arbeitskräfte aufgrund des demografischen Wandels und Fachkräftemangels weiter sinken wird. Laut "Arbeitsmarktprognose 2030" des Bundesarbeitsministeriums um weitere 1,4 Millionen auf dann 39,2 Millionen.

Nicht die Vier-Tage-Woche, sondern weiterhin das Instrument der Kurzarbeit sei das richtige Mittel während der Corona-Krise, sagt Enzo Weber. "Das zeigen alle unsere Forschungsergebnisse am Institut." Und Flexibilität: "Bisher haben wir Vollzeit und Teilzeit ziemlich stark getrennt, es wechselt kaum jemand hin und her. Das brauchen wir aber viel stärker. Die Zufriedenheit mit der Arbeitszeit kommt im Wesentlichen daher, selbst über die Arbeitszeit entscheiden zu können und nicht unbedingt von der Kürze oder Länge."

Und solch flexible Arbeitszeiten könnten auch für die Unternehmen Vorteile haben, wenn sie das Angebot als Argument im Kampf um Fachkräfte einsetzen. Auf Dauer sichert nur ein attraktiver Arbeitgeber seine Wettbewerbsfähigkeit.

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Quelle: ntv.de