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VW-Aufsichtsratschef isoliert sich Die letzte Schlacht des Ferdinand Piëch

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Ferdinand Piëch: Alleingang ohne Rückendeckung.

(Foto: REUTERS)

VW-Aufsichtsratschef Piëch demontiert seinen langjährigen Weggefährten Martin Winterkorn. Und zwar im Alleingang, wie sich nun herausstellt. Denn Rückendeckung scheint der 77-Jährige nicht zu haben. Das wirft viele Fragen auf.

In zwei Jahren läuft Ferdinand Piëchs Vertrag als Aufsichtsratschef von Volkswagen aus, bis dahin scheint der 77-jährige Patriarch des Wolfsburger Weltkonzerns mit Nachdruck sein Erbe regeln zu wollen. Dass Piëch überraschend darin keinen Platz mehr für VW-Chef Martin Winterkorn sieht, isoliert ihn selbst. Außer seinem Bruder schloss sich niemand der Attacke an. Es könnte die letzte Schlacht des Ferdinand Piëch werden - und es könnte seine schwerste werden.

Gegenüber dem "Spiegel" entwarf Piëch mit wenigen Sätzen eine Skizze, wie er sich die Zukunft von Volkswagen vorstellt. "Ich strebe an, dass an die Spitze des Aufsichtsrats und des Vorstands die Richtigen kommen", sagte er. Beide Spitzenpositionen sollten von einem Techniker besetzt werden - die namentlich von ihm nicht genannten Kandidaten seien bereits im Unternehmen. Es seien aber keine Familienmitglieder - auch nicht seine Frau Ursula als künftige Aufsichtsratschefin, wie vielfach spekuliert wird.

Piëch erzählte all dies mit der Selbstverständlichkeit des Patriarchen, dem sich alle unterwerfen. Dass Piëch plötzlich seinen langjährigen Vertrauten Winterkorn nicht mehr zu den Richtigen zählt, ist dabei eine Wendung, die über das Wochenende für große Aufregung sorgte. Vor allem sein Satz "Ich bin auf Distanz zu Winterkorn" saß. Damit sei Winterkorn quasi gestürzt, mutmaßten in der Branche viele. Auch Winterkorns Vorgänger Bernd Pischetsrieder hatte Piëch mit wenigen, zielsicheren Sätzen 2006 demontiert.

Was hat Piëch geritten?

Allerdings will sich Winterkorn nicht aus dem Weg räumen lassen. Er ließ laut "Bild am Sonntag" und "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" gegenüber Vertrauten durchblicken, dass er keineswegs zurückziehen will. Und die niedersächsische Landesregierung, die in dem mehrheitlich im Besitz der Familien Piëch und Porsche liegenden Konzern als Großaktionär ein entscheidendes Wort mitredet, schlug sich in Person von Ministerpräsident Stephan Weil und Wirtschaftsminister Olaf Lies (beide SPD) unmissverständlich auf Winterkorns Seite. Auch die Familie Porsche schloss sich nicht dem Angriff auf den Vorstandschef an.

Dafür ist nun vor allem das Rätselraten groß, was den am 17. April 1937 in Wien geborenen Österreicher Piech eine Woche vor seinem 78. Geburtstag geritten hat. Geht es trotz der unter Winterkorn deutlich von 6,2 Millionen auf über 10 Millionen Fahrzeuge gesteigerten Verkaufszahlen und dem auf 202 Milliarden Euro in der Winterkorn-Zeit fast verdoppelten Umsatz ums Geschäft? Piëchs' jüngerer Bruder Hans Michel, der ebenfalls im Aufsichtsrat sitzt, klagte im "Spiegel" über die anhaltenden Probleme im US-Geschäft, eine zu geringe Rendite der Marke VW und der fehlenden Entscheidung über den Einstieg ins Billigsegment.

Oder geht es doch um eine Machtfrage der Alphatiere - hier der alternde Patriarch, dort der selbstbewusste Konzernchef? In der Vergangenheit hatte Piëch stets mit eigenen Erfolgen seine Autorität gesichert. Er war es, der in seiner Zeit als Vorstandschef bis 2002 VW zum Multimarken-Konzern formte. Unter dem Dach von Volkswagen sind Marken wie VW, Audi, Seat, Bugatti, Lamborghini und Porsche vereint, dazu kommen MAN oder Scania.

Piëch weiß aus eigener Erfahrung, wie schnell es im Autogeschäft auf- und wieder abwärts gehen kann. Nach Erfolgen bei Audi kam er 1993 in der schwersten Krise von VW als Retter nach Wolfsburg, seit 2002 führt er den Aufsichtsrat. Lange war er selbst wegen seiner Meriten unumstritten. Als vor eineinhalb Jahren über seinen vorzeitigen Abgang aus gesundheitlichen Gründen spekuliert wurde, spottete er: "Totgesagte leben länger". In dem nun von ihm angezettelten Machtkampf wird Winterkorn alles daran setzen, dass dieser Satz auch für ihn gilt.

Quelle: n-tv.de, Ralf Isermann, AFP

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