Wirtschaft

Kein Prosit auf den EU-Austritt Die reichsten Brexit-Fans sind längst weg

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Premier Boris Johnson zu Gast bei dem prominenten Kneipier und Brexit-Unterstützer Tim Martin.

(Foto: imago images / PA Images)

Die Briten, die jahrelang für einen EU-Austritt gekämpft haben, sollten in bester Feierlaune sein. Aber ausgerechnet die, die am meisten in die Kampagne investiert haben, wird man vergeblich auf den Partys suchen. Einige haben Großbritannien sogar den Rücken gekehrt.

Bedeckter Himmel, Regen und morgen stürmischer Wind vom Kontinent. Feierwetter sieht anders aus. Doch am typischen Londoner Schmuddelwetter liegt es nicht, wenn keine Partystimmung am Brexit-Tag aufkommen will. Den Brexit-Gegnern ist wie erwartet nach Trauermärschen zumute. Mancher Befürworter blickt dafür bereits mit banger Vorahnung auf die kommenden elf Monate, in denen die richtig harten Verhandlungen über ein Handelsabkommen stattfinden. Anderen Brexit-Fans hat es wiederum die Laune verhagelt, weil ein harter Schnitt mit der Europäischen Union (EU) - zumindest vorerst - abgewendet ist.

Zu letzterer Gruppe gehört der erfolgreiche Kneipier und radikale Brexit-Anhänger Tim Martin. Für den Gründer und Chef der Wetherspoon-Pubs ist das Feiern heute Abend keine Option. "Ich neige dazu, die meisten Nächte der Woche mit ein paar Pints ​​Abbot Ale zu 'feiern', gefolgt von ein oder zwei Gläsern Merlot", spielt der Millionär gegenüber der Finanzagentur Bloomberg den Tag des Brexit-Vollzugs nach jahrelangem zähem Hin und Her herunter.

Dreieinhalb Jahre hat Martin in seinen Pubs für einen harten Brexit geworben - selbst, wenn er von Gästen niedergebrüllt wurde. Er war gern gesehener Gast in Talkhows und begleitete Brexitkampagnen mit Nigel Farage, dem ehemaligen Chef der Rechtsaußenpartei Ukip. Martin ist enttäuscht. Großbritannien verlässt zwar die Europäische Union, aber nicht so konsequent, wie er es sich erhofft hatte.

Unternehmerisch von Nachteil war für ihn die Zugehörigkeit Großbritanniens zur Union nicht. Allein seit dem Referendum im Juni 2016 hat sich der Wert seines Anteils an der Kneipenkette verdoppelt. Martin kaufte seine erste Kneipe vor 40 Jahren, heute hat er 800. Trotzdem gibt er sich bedrückt: Er werde Triumph und Katastrophe gleich behandeln und sich an seine "normale Routine halten". Am Abend wird Martin noch als Redner auf dem Parliament Square unweit von Westminster erwartet.

"Ich habe nicht bekommen, was ich wollte"

Auch andere reiche und prominente Brexit-Unterstützer zeigen sich wenig überschwänglich an diesem Tag der Tage. Peter Kendal Hargreaves, Mitbegründer von Hargreaves Lansdown, einem der größten Finanzdienstleistungsunternehmen Großbritanniens, hofft laut Bloomberg, dass er bereits vor der Brexit-Stunde um 23 Uhr britischer Zeit eingeschlafen ist. Er hatte die Brexit-Kampagne mit insgesamt vier Millionen Dollar unterstützt. "Ich habe nicht wirklich bekommen, was ich wollte", lautet auch seine enttäuschte Bilanz. Für ihn ist es in den vergangenen Jahren - mit der Union - ebenfalls gut gelaufen. Sein Vermögen wuchs seit der Brexit-Abstimmung um 500 Millionen auf 4,2 Milliarden Dollar an. Einen harten Brexit hat er trotzdem favorisiert.

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Sir James Dyson hat den Hauptsitz seines Unternehmens nach Singapur verlegt. Er selbst ist hinterhergewandert.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die britischen Unternehmer Jim Ratcliffe und James Dyson sind prominente und - auf dieser Seite des Ärmelkanals - besser bekannte Persönlichkeiten aus dem Club der superreichen und radikalen Brexit-Unterstützer. Wie sie den heutigen Abend verbringen, ob der Gründer und Chef des petrochemischen Konzerns Ineos und der Föhn- und Staubsauger-Milliardär überhaupt in Großbritannien weilen, ist nicht bekannt. Sie haben ihren Lebensmittelpunkt inzwischen ins Ausland verlegt.

Auch für sie gilt: Als britische Unternehmer in der EU hatten sie nichts zu klagen. Das Vermögen von Ratcliffe, den die Queen 2018 zum Ritter geschlagen hat, ist laut Bloomberg seit dem Referendum um zehn Milliarden Dollar auf 19 Milliarden Dollar gestiegen. Das von Dyson, der bereits 2003 den Titel Sir für seine außergewöhnlichen Leistungen fürs Königreich erhielt, von acht Milliarden auf 14 Milliarden Dollar.

Die größten Brexiteers sind keine Patrioten?

Jim Ratcliffe, Milliardär und Firmengründer des Chemie-Unternehmens Ineos. Foto: Danny Lawson/PA Wire/dpa

Jim Ratcliffe, Großbritanniens reichster Unternehmer und Brexit-Anhänger ist mit seiner Firma nach Monaco gezogen.

(Foto: Danny Lawson/PA Wire/dpa)

Patriotisch motiviert dürfte ihre harte Brexit-Haltung nicht gewesen sein. Denn durch Vaterlandsverbundenheit haben sich die beiden Sirs nicht hervorgetan. Ende 2018 hatte Dyson sich noch für die britische Sache stark gemacht und vehement den Abbruch der Verhandlungen mit der EU und einen ungeregelten Brexit gefordert. Im Januar 2019 kündigte seine Firma dann aber an, den Firmensitz nach Singapur zu verlegen. Un damit nicht genug: Dyson selbst wanderte ebenfalls noch vor dem Brexit nach Asien aus und kaufte sich für 54 Millionen Dollar in Singapur eine Luxusbleibe. Er wollte seinen Kunden in Asien näher sein, begründete er den Umzug. Dysons Euphorie schien angesichts der Notfallpläne für einen harten EU-Austritt plötzlich wie weggeblasen. Er erntete viel Kritik dafür.

Ratcliffe fiel ebenfalls in Ungnade, weil er trotz großer Brexit-Töne, die er spuckte, fahnenflüchtig wurde. Auch er hatte die Regierung nach dem Brexit-Referendum zu aggressiven Verhandlungen mit der EU aufgefordert. Großbritannien hätte "gute Karten in der Hand", sagte er. Anfang vergangenen Jahres dann die Nachricht: Ratcliff wird Großbritannien verlassen und nach Monaco ziehen. Er könne so knapp 500 Millionen Dollar Steuern sparen. Den Plan zu der legalen Steuerflucht soll die britische Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers (PwC) mitentworfen haben. Das Unternehmen Ineos hatte bereits 2008 aus steuerlichen Gründen den Sitz in die Schweiz verlegt.

Die Brexit-Verhandlungen waren rückblickend für alle ein langer Schlauch: sowohl für Unterstützer, als auch für Gegner des EU-Austritts. Und die Hängepartie und das bange Warten sind noch lange nicht vorbei. Die Gespräche über Fragen im Zusammenhang mit Finanzdienstleistungen beispielsweise werden schwierig schwierig werden - so viel ist schon jetzt klar. Premier Boris Johnson will weiterhin Rosinen picken, Handelsvorzüge rausschlagen, aber sich gleichzeitig von EU-Vorschriften befreien. Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, musste erst diesen Monat wieder eine verbale Salve Richtung Westminister schießen, dass der Zugang Großbritanniens zum Binnenmarkt immer noch davon abhängt, inwieweit das Land sich bereit erklärt, die Regeln der Union einzuhalten.

Ein letzter Toast auf die EU - und dann nichts wie weg

Gründe, nicht ausgelassen zu feiern, gibt es also reichlich - für Brexit-Gegner sowieso. Die meisten britischen Führungskräfte haben die vergangenen Jahre damit verbracht, den EU-Austritt des Königreichs zu bedauern. Heute Abend werden viele einen letzten Toast auf die EU aussprechen - und Großbritannien dann vielleicht für immer den Rücken kehren. So wie der Inhaber von Goodfish, Greg McDonald. "Ich werde ein oder zwei Gläser Cotes du Rhone, Burgund oder Riesling genießen", sagt McDonald. Goodfish ist ein Hersteller von Kunststoffteilen mit Sitz in Cannock. Der Unternehmer will sich nun darauf konzentrieren, eine Präsenz in der Eurozone aufzubauen, auch mit einem neuen Werk in der Slowakei.

Viele Briten haben in den vergangenen Jahren auch privat Konsequenzen aus dem Brexit-Gerangel gezogen: Die Zahl derjenigen, die Pässe außerhalb des Königreichs beantragt haben, ist enorm gestiegen. Seit 2016 sind es nach offiziellen Angaben mehr als 350.000 britische Staatsbürger. Die heimische Wirtschaft steht an einem kritischen Punkt. Auch wenn das Vertrauen zuletzt leicht gestiegen ist, könnte der eng gesteckte Zeitrahmen für das entscheidende Handelsabkommen, auf das alle nun gespannt warten, diese Erholung immer noch abwürgen. Die Weltwirtschaft ist mit dem Ausbruch des Coronavirus in China neuen Risiken ausgesetzt. Der Handelsstreit zwischen den USA und China ist dabei noch nicht einmal beigelegt.

Zurecht wird der historische Moment nach fast 50 Jahren EU-Zugehörigkeit in London mit schmalem Programm begangen: Nur eine Lightshow, Union-Jack-Fahnen und eine Rede des Premiers sollen den Schritt begleiten. Kein Feuerwerk, nicht einmal das Londoner Wahrzeichen Big Ben soll läuten. Man wolle die Brexit-Gegner nicht vor den Kopf stoßen, begründete Johnson diese Zurückhaltung. Allen ist klar: Die britische Gesellschaft ist und bleibt tief gespalten.

Quelle: ntv.de