Wirtschaft

Hartnäckige Deflation Draghi hat sich bei Strafzinsen verkalkuliert

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EZB-Präsident Mario Draghi.

(Foto: REUTERS)

Die Zinsen für zehnjährige Bundesanleihen sind in die Nähe des Rekordtiefs gesunken. Schon bald dürften die hiesigen Renditen den japanischen in den Negativbereich folgen. Das ist mehr als nur ein konjunkturelles Warnsignal.

EZB-Chef Mario Draghi treibt den Sparern die Zornesröte ins Gesicht: Er hat das monatliche Anleihenkaufprogramm ab April von 60 Milliarden auf 80 Milliarden Euro aufgestockt, und drückt damit die Zinsen immer weiter nach unten. Sie liegen inzwischen bei Bundespapieren mit einer Laufzeit von bis zu neun Jahren im negativen Bereich. Dorthin dürften schon bald auch die zehnjährigen folgen.

In vielen anderen Industriestaaten sinken die Zinsen ebenfalls deutlich und deuten auf eine massive Abkühlung der Weltwirtschaft hin. "Eigentlich wäre dies eine Steilvorlage und ein perfektes Umfeld für Finanzminister wie Wolfgang Schäuble, endlich von der schwarzen Null abzukehren und ein großes Infrastrukturprogramm zu starten, damit die Wirtschaft anzukurbeln", sähe Stefan Riße, Chefstratege beim Broker Ayondo, einen Ausweg.

Dem ist aber bisher nicht so, und so bemerkt die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) Christine Lagarde, dass der IWF seine Erwartungen für das Wachstum wohl senken müsse. "Die Erholung ist zu langsam, zu zerbrechlich und die Risiken wachsen", sagte Lagarde. Gründe für eine mögliche Abwärtsrevision gibt es mehr als genug: So belastet der Verfall der Rohstoffpreise Volkswirtschaften wie die USA, Russland, Saudi-Arabien, Australien und Kanada erheblich. Gleichzeitig schwächt sich das Wirtschaftswachstum in China zusehends ab und belastet damit die exportabhängigen Länder wie zum Beispiel Deutschland.

EZB wird am bisherigen Kurs festhalten

Lagarde gab sich überzeugt, dass die weltweit sehr lockere Geldpolitik die Weltwirtschaft stützen würde. Allerdings bleiben nachhaltige Erfolge bisher aus. Ein Beispiel hierfür ist neben Europa Japan. Die Notenbank dort kauft immer mehr Staatsanleihen und hat zuletzt Strafzinsen eingeführt. Entsprechend sind die Zinsen für zehnjährige Anleihen mit minus 0,1 Prozent in die Nähe des Rekordtiefs abgerutscht. Dennoch war Japan in den vergangenen sieben Jahren fünf Mal in der Rezession. Die nächste Rezession ist bereits um die Ecke, nachdem die Wirtschaftsleistung im vierten Quartal 2015 um 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal geschrumpft ist.

Allerdings würde es wohl ohne eine lockere Geldpolitik in Japan oder Europa wesentlich schlimmer aussehen. Eine Alternative zur Geldpolitik der EZB ist derzeit nicht zu erkennen. Den Grund hierfür sieht Klaus Bauknecht, Chefvolkswirt der IKB Deutsche Industriebank, in einem mangelnden Reformwillen innerhalb der EU. "Das Problem ist, dass es kaum einer Regierung gelungen ist, den Übergang zwischen kurzzeitiger Krisenpolitik und langfristiger Reformpolitik zu meistern." Die historisch hohe Arbeitslosenquote in der Eurozone sei ein Beleg dafür.

Mit der lockeren Geldpolitik nicht nur in Japan und Europa sind allerdings auch Nebenwirkungen verbunden, nämlich die Schuldenausweitung und geringe Erträge bei Sparern. So werden die Schuldner durch die sinkenden Zinsen zwar immer weiter entlastet, aber für Staaten, private Haushalte und Unternehmen bestehen Anreize, weiter kräftig Schulden zu produzieren. Gleichzeitig entgehen Sparern aber jährlich hunderte von Billionen Dollar an Zinsen, nachdem inzwischen Staatsanleihen im Volumen von 6,6 Billionen Dollar Strafzinsen "abwerfen".

Bedrohung Deflation

Die fehlenden Zinseinnahmen bremsen wiederum den Konsum, der auch von anderer Seite bedroht wird, nämlich der in vielen Ländern existierenden Deflation. Die schwache Weltwirtschaft könnte dafür sorgen, dass die Deflation weiter um sich greift. Sie liegt vor, wenn die Verbraucherpreise gegenüber dem Vorjahr sinken. Wenn Konsumenten erahnen, dass durch eine schwache wirtschaftliche Verfassung die Preise weiter sinken werden, halten sie sich mit dem Konsum tendenziell zurück. Denn sie könnten künftig ja noch günstiger einkaufen.

Eine Deflation ist aber aus einem anderen Grund für die EZB ein enormes Problem: Während durch eine Inflation die Schulden entwertet werden, passiert bei einer Deflation genau das Gegenteil. Umso entschlossener bekämpft die EZB die Deflation, allerdings signalisieren rekordtiefe Anleihezinsen weitere konjunkturelle Risiken für die Euro-Zone. Die Deflation lässt sich nicht so einfach besiegen, Inflation oder eine Zinswende am Anleihenmarkt sind daher auch noch nicht in Sicht.

Quelle: n-tv.de

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