Wirtschaft

Bleiben Briten EU-Bürger? Ein "Brexit" hat schon stattgefunden

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Hat die Wahlen zum Unterhaus klar gewonnen: Der britische Premier David Cameron.

(Foto: AP)

Nach dem Wahlsieg David Camerons werden die Briten spätestens im übernächsten Jahr über den Verbleib in der EU abstimmen. Sollten sie dafür stimmen, wäre das nur konsequent. Denn im Prinzip sind sie bereits weitgehend ausgetreten.

Die britischen Konservativen haben die Unterhauswahlen überraschend deutlich gewonnen. Rückt damit ein Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union näher? Schließlich hat der alte und neue Premierminister David Cameron angekündigt, spätestens im Jahre 2017 die traditionell europaskeptischen Briten darüber entscheiden zu lassen.

Unabhängig davon, wann das Referendum stattfindet und wie es ausgeht: Bis dahin werden sich die Briten wohl noch stärker von der EU entfremden als bisher. Das wäre nur konsequent. Denn im Grunde hat das Vereinigte Königreich die Europäische Union bereits weitgehend verlassen – nicht formal, aber mental.

Wie groß die Distanz ist, zeigt ein Blick auf die Parteienlandschaft. Die konservativen Tories sind im Europarlament in einer EU-kritischen Fraktion, der auch die AfD, die "Wahren Finnen" und der Syriza-Koalitionspartner "Unabhängige Griechen" angehören.

Die Labour-Partei gilt zwar als sozialdemokratisch, hat in Sachen Europa aber wenig mit Sozialdemokraten auf dem Kontinent gemein. Im Wahlprogramm wird die EU nur kurz am Ende erwähnt. "Labour ist davon überzeugt, dass die Mitgliedschaft in der EU zentral für unseren Wohlstand und unsere Sicherheit ist. Darum werden wir daran arbeiten, die EU so zu verändern, dass sie im besten Interesse unseres Landes handelt", heißt es dort. Labour wolle Großbritannien nicht aus Europa herausführen. Doch bevor weitere Kompetenzen nach Brüssel übertragen werden, solle die Bevölkerung darüber ein einem Referendum entscheiden.

In der EU findet allerdings genau das statt. Die Wirtschafts- und Finanzkrise beschleunigt die europäische Integration. Und dabei werden viele Briten nicht mitmachen wollen – genauer gesagt Engländer und Waliser nicht. Die Schotten sind sehr viel europafreundlicher. Die Schottische Nationalpartei (SNP), die mit Abstand stärkste Kraft im Norden, fordert zwar die Unabhängigkeit Schottlands von Großbritannien – aber innerhalb der EU. Deshalb ist es durchaus möglich, dass der Süden des Vereinigten Königreichs bald die Europäische Union verlässt, während die Schotten in die EU eintreten.

Pfund statt Euro

Im Prinzip ist das Vereinigte Königreich schon bereits vor mehr als 20 Jahren aus der EU ausgetreten, als es sich gegen die gemeinsame Währung entschied und das Pfund behielt. Seitdem wächst Europa immer mehr zusammen, während der britische Einfluss sinkt.

Die Distanz zum Kontinent hat in Großbritannien eine lange Tradition. Als Winston Churchill in seiner berühmten "Europarede" 1946 die "Vereinigten Staaten von Europa" forderte, schloss er sein Land davon aus. Den Kern sollten Frankreich und Deutschland bilden. Die Briten sollten mit ihrem Commonwealth draußen bleiben.

Diese Vision ist schon fast Realität - nur dass die Briten nicht mehr das Herz eines Weltreichs sind. Doch Berlin und Paris sind die beiden Machtzentren des geeinten Europas. Mit Wladimir Putin verhandeln Angela Merkel und Francois Hollande über Krieg und Frieden. Cameron ist nicht dabei.

Quelle: n-tv.de

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