Wirtschaft

Abgesang auf Deutschland Ein Weckruf. Aber mehr auch nicht

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Das Magazin sieht zwei deutsche Schlüsselbranchen in Gefahr: die Automobilindustrie und die Banken.

(Foto: REUTERS)

Die Zukunft der deutschen Wirtschaft sieht nach Ansicht des US-Magazins "Businessweek" düster aus. Doch so groß die Herausforderungen auch sind: Schwarzmalerei ist übertrieben.

Ein BMW, die Türme der Deutschen Bank und ein Porträt von Angela Merkel - drei Motive reichen der amerikanischen Zeitschrift "Businessweek", um den Abgesang auf die deutsche Wirtschaft zu illustrieren. Es geschieht selten, dass ein US-Wirtschaftsblatt der deutschen Wirtschaft eine Titelgeschichte widmet. Die Analyse ist stimmig. Allein der Ausblick ist zu düster gemalt.

Der deutsche Aufschwung ist zum Erliegen gekommen. Die Industrie, das Herz der deutschen Volkswirtschaft, hat mit Rhythmusstörungen zu kämpfen. Aber einen Infarkt herbeizureden, das ist übertrieben.

Ja: Die für den heimischen Wohlstand so wichtige deutsche Automobilindustrie muss einen noch nie da gewesenen Technologiewandel meistern. Noch stehen deutsche Premium-Autos mit Hunderten an PS für Image und Luxus, nicht für bloße Mobilität. Doch nun fordern Elektromobilität und autonomes Fahren eine Transformation der Geschäftsmodelle. Aber für einen Abgesang ist es zu früh.

Ja: Auch den Banken drohen unruhige Zeiten. Die mögliche Übernahme der Commerzbank durch die Deutsche Bank ist nur eine Konsequenz der aktuellen Schwäche der Finanzinstitute. Die deutsche Finanzbranche leidet noch immer an den Folgen der Finanzkrise Anfang der 2000er-Jahre. So richtig erholt hat sie sich davon nie. Aber Institute anderswo eben auch nicht.

Ja: Bundeskanzlerin Merkel hat Unternehmer und Unternehmen hängen gelassen. Die Energiewende hat Milliarden Euros gekostet. Die Digitalisierung wurde verschlafen. Die Wirtschaftspolitik frustriert viele Firmenlenker. Aber Deutschland ist wie kaum ein anderes Land vom freien Welthandel abhängig. Angela Merkel alleine für die Herausforderungen verantwortlich zu machen, greift zu kurz.

Noch brummt es. Die deutsche Wirtschaft ist schließlich mehr als Autos und Banken. Bei den Innovationen ist Deutschland unangefochten spitze. Und der berühmte Mittelstand, die wichtigste Stütze unserer Wirtschaft, bliebt ebenso emsig und erfolgreich - einfach legendär. Mit beinahe 27000 Patentanmeldungen lag Deutschland im vergangenen Jahr auf Platz 1 in Europa. Weltweit auf Platz 2 - nach den USA.

Richtig ist: Die Zeit drängt. Nur Wettbewerbsfähigkeit und Innovationsfreude vermögen es, Arbeitsplätze zu sichern und neue Stellen zu schaffen. Zumal im Zeitalter von Digitalisierung und Internet of Things. Eine neue und motivierende Wirtschaftspolitik, die erforderliche Reformen schnell umsetzt, muss her. Für Trumps "America first"-Politik und das seit Monaten lähmende Brexit-Chaos können deutsche Politiker wenig. Für Reformstau und Überregulierung schon.

Schon einmal wollte ein US-Magazin den Abgesang auf die deutsche Wirtschaft proben. 1999 titelte der Economist "Deutschland, der kranke Mann Europas". Der Titel lag ja vielleicht auch im Interesse mancher Leser in den USA. Doch was auf den US-Weckruf längerfristig tatsächlich folgte, waren Reformen. Das könnte sich ja durchaus wiederholen.

Quelle: ntv.de