Wirtschaft

Balanceakt des Multimilliardärs Elon Musk - Weltverbesserer oder Troll?

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Plant, die Meinungsmaschine Twitter zu kaufen: Multimilliardär Elon Musk.

(Foto: picture alliance / newscom)

Elon Musk will die Welt verändern. Mit Tesla und SpaceX ist er auf dem besten Weg. Im Netz zeigt der Visionär jedoch eine ganz andere Seite: Musks Twitter-Profil ist gespickt von Provokationen. Seine Beiträge werden politischer, seine Vorwürfe rabiater. Und sein Kreis an Vertrauten immer kleiner.

Elon Musk, der selbsterkorene Retter der freien Meinungsäußerung, kommt nicht weiter. Seine Übernahme der Meinungsmaschine Twitter liegt seit Wochen auf Eis. Zwar bringt der 50-Jährige die Twitter-Aktie mit seinem Hin und Her an Übernahmeangebot und Rückzug ordentlich zum Schwanken, doch es ist unklar, ob der Kauf klappen wird. Mittlerweile interessiert sich nun die US-Börsenbehörde SEC für das Twitter-Interesse des 50-Jährigen. Musk hat sich bei seinem Einstieg zum Großaktionär womöglich nicht an die Regeln gehalten, US-Aktionäre werfen ihm gar Marktmanipulation vor. Dem Multimillionär dürfte das ziemlich egal sein.

Wie er auf Dinge reagiert, die ihm nicht gefallen, hat der reichste Mensch des Planeten etwa Twitter-Chef Parag Agrawal eindrucksvoll demonstriert. Der hatte erläutert, wie das von ihm geführte Unternehmen Fake-Accounts aufspürt und löscht. Musk fand das offenbar nicht so richtig überzeugend und twitterte in Richtung Agrawal ein Kothaufen-Emoji.

Im Rahmen seiner Kauf-Offerte bekannte sich Musk öffentlich als Neu-Wähler der US-Republikaner und nannte die US-Demokraten eine "Partei der Spaltung und des Hasses", die nun, "eine dreckige Kampagne" gegen ihn plane. Seine Tweets haben große Resonanz. Mit rund 95 Millionen Followern ist Musks Reichweite so groß wie die des ehemaligen US-Präsidenten Trump zu seinen Twitter-Hochzeiten. Trump wurde von der Plattform verbannt, nachdem er den Mob verharmlost hatte, der nach seiner Wahlniederlage das Kapitol gestürmt hatte.

Warum also bietet Musk, dessen Herz für Zukunftstechnologien schlägt, 44 Milliarden US-Dollar, um Twitter zu übernehmen? Das Netzwerk sei "der Marktplatz" der Welt, auf der die Meinungsfreiheit gerettet werden müsse, sagt Musk.

Tech-Imperium und Kollateralschäden

Als "Meinungsfreiheitabsolutist" lehnt der Unternehmer jede Einschränkung der freien Meinung ab. So stellt er zwar der von Russland angegriffenen Ukraine Internetzugang über seine Starlink-Satelliten zur Verfügung, lehnt es jedoch gleichzeitig ab, russische Propagandaseiten zu sperren. Für Regulierungen ist in seiner libertären Weltanschauung kein Platz. Das zeigt auch der gegen kalifornisches Recht verstoßende Name seines Sohnes, X Æ A-12, ebenso wie die Tatsache, dass er die Tesla-Fabrik in Brandenburg hochzog, noch bevor er die endgültige Genehmigung dazu hatte. Für Musk zählt die individuelle Freiheit und das übergeordnete Ziel, Kollateralschäden sind der Preis dafür.

Musks Ziel ist es, die Welt zu verändern. Seine Investitionen müssen "einen Nutzen für die Welt haben", sagte er 2007 in einem Fernsehinterview. Bereits ein paar Jahre später hat der Visionär mit seinen Unternehmen Beispielloses erreicht: Während Tesla der Automobilbranche den entscheidenden Tritt in Richtung elektrischem Antrieb gab, brachte sein Raumfahrtunternehmen SpaceX die ersten drei Raumfahrttouristen ins Weltall und soll auf lange Sicht dabei helfen, den Mars zu besiedeln. Seine Firma Neuralink forscht an einer Verbindung zwischen dem menschlichen Gehirn und Maschinen. Sein Unternehmen The Boring Company will US-Großstädte durch Tunnel verbinden, durch die Shuttles rasen.

Musks Innovationsgeist und seine Überzeugung, die Lösung aller Probleme liege in der Technik, verschaffen ihm Kultstatus. Was der Unternehmer berühre, werde zu Gold, da sind sich seine Fans sicher. "Die Art und Weise, wie die Finanzwelt jetzt funktioniert, ist, dass Dinge nicht aufgrund ihres Cashflows wertvoll sind, sondern aufgrund ihrer Nähe zu Elon Musk", drückt es "Bloomberg"-Kolumnist Matt Levine aus. Das beste Beispiel ist die Kryptowährung Dogecoin: Mit lediglich 280 Zeichen schaffte es Musk, den Kurs erst in die Höhe zu treiben - und dann durch Liebesentzug zum Absturz zu bringen.

Keine Zeit für Selbstzweifel

Das war nicht immer so. Für sein Elektroauto-Projekt wurde Musk im Silicon Valley jahrelang belächelt. Die ersten drei SpaceX-Raketen explodierten beim Start, Tesla verbrannte jahrelang viel Geld. Doch Musk biss sich durch.

"Er ist ein Genie, wenn es um Geschäfte geht, aber seine Gabe ist nicht das Einfühlungsvermögen in Menschen", sagte sein Bruder und Geschäftspartner Kimbal Musk dem "Times"-Magazin. Ehemalige Mitarbeiter beschreiben Musk als kleinlich, grausam und launisch. Arbeiter würden regelrecht ausgebeutet, heißt es in Medienberichten. "Es gibt unzählige Geschichten darüber, wie schwierig er als Chef ist", sagte der Journalist und Autor Ashlee Vance, der für eine Biografie über Musk mit mehr als 200 seiner Weggefährten sprach. Musk selbst bezeichnete sich in einem Interview mit dem" Wall Street Journal" als "Nano-Manager" seiner rund 100.000 Mitarbeiter. Warum er nicht delegiert? Es gebe niemanden, der "den Job besser machen kann als ich", wie er der New York Times sagte.

Selbstzweifel kennt Musk offenbar nicht. So schickte er kurzerhand ein Mini-U-Boot nach Thailand, als er hörte, dass dort Jugendliche in einer Höhle eingeschlossen waren. "Er will der ganzen Welt beweisen, dass er außergewöhnlich ist", beschreibt Vance das Verhalten des Visionärs, der als Schulkind gemobbt und geschlagen wurde. Doch die Retter lehnten Musks Hilfe als ungeeignet ab. "Er kann sich sein U-Boot dahin schieben, wo es weh tut", sagte einer der Taucher. Das Angebot sei nur ein PR-Gag. Es bestehe "absolut keine Chance, dass es funktioniert." Musk beschimpfte den Retter daraufhin als als Pädophilen.

Musks Bühne

Mit Twitter hat der exzentrische Unternehmer seine Bühne gefunden, auf der das Scheinwerferlicht niemals ausgeht. Musk mischt sich gerne ein, genießt die Aufmerksamkeit, twittert mehr oder weniger Sinnvolles. Russland Präsidenten Wladimir Putin forderte er kurz nach Beginn des Angriffskrieges gegen die Ukraine zum Zweikampf heraus - "Einsatz ist die Ukraine", twitterte er in Richtung Kreml. Musk verkündete, "mindestens die Hälfte seiner Tweets auf dem Porzellanthron" zu schreiben oder behauptete, die ägyptischen Pyramiden seien "von Aliens errichtet" worden. Er twitterte, Tesla von der Börse zu nehmen - offenbar um Spekulanten zu treffen, die auf einen sinkenden Tesla-Kurs gewettet hatten. Doch die Ankündigung entsprach nicht der Realität - das sorgte für Ärger mit der US-Börsenaufsicht SEC.

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Kurz nach der Ankündigung, Twitter zu übernehmen, betonte Musk, die Plattform müsse unbedingt "politisch neutral" sein und Linke sowie Rechte gleichermaßen "in Rage bringen". Der möglicherweise künftige Twitter-Eigentümer macht keinen Hehl mehr daraus, dass ihm das Silicon Valley zu links und die Woke-Culture zu abgehoben ist. Kritik kann er überhaupt nicht vertragen.

In seiner Musk-Biografie "Powerplay" beschreibt Tim Higgins, wie der Zirkel an Leuten, auf der Multimilliardär hört, über die Jahre immer kleiner geworden ist. Musk habe zwar die Mittel und den Innovationsgeist, Twitter voran zu bringen. Er könne auch entscheidend zum technischen Fortschritt der Welt beitragen. Allerdings brauche Musk Korrektive. Und an denen scheint zunehmend zu mangeln.

Quelle: ntv.de

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