Wirtschaft
Erdogan beansprucht zur Recht, in seiner Zeit als Ministerpräsident die Wirtschaft angekurbelt und die Inflation weitgehend unter Kontrolle gebracht zu haben - allerdings mit Hilfe einer unabhängigen Zentralbank.
Erdogan beansprucht zur Recht, in seiner Zeit als Ministerpräsident die Wirtschaft angekurbelt und die Inflation weitgehend unter Kontrolle gebracht zu haben - allerdings mit Hilfe einer unabhängigen Zentralbank.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 15. Mai 2018

Verstörendes Interview: Erdogan stellt Geldpolitik auf den Kopf

Von Max Borowski

Der türkische Präsident will die Zentralbank unter seine Kontrolle bringen. Das allein löst Sorgen aus. Richtig beängstigend wird diese Ankündigung durch das absurde Verständnis Erdogans vom wichtigsten geldpolitischen Zusammenhang.

"Das wird manchen nicht behagen", gibt der türkische Präsident im Interview zu seinen geldpolitischen Vorstellungen mit "Bloomberg" selbst zu bedenken. "Aber wir müssen es machen." Was Recep Tayyip Erdogan sich unter "es" genau vorstellt, wird trotz wiederholter Nachfragen des Journalisten während des halbstündigen Gesprächs nicht vollständig klar. Klar wird allerdings sofort, wem es nicht behagt: Allen, die mit der türkischen Wirtschaft und ihrer Währung zu tun haben. Sofort nach der Veröffentlichung des Interviews fällt die türkische Lira auf ein neues Allzeittief.

Seit Monaten bedrängt Erdogan die Zentralbank, ihre Leitzinsen trotz der steigenden Inflation und des schwindenden Werts der Lira nicht anzuheben. Denn Zinsen, so sagte der Präsident vor wenigen Tagen im türkischen Fernsehen, seien "Vater und Mutter allen Übels". Mit dieser Politik setzt Erdogan eine Spirale in Gang: Investoren gehen davon aus, dass die Notenbank die Zinsen nicht wie eigentlich nötig kräftig anziehen kann. Sie rechnen daher mit einem Anstieg der Inflation und stoßen in Lira dotierte Anlagen ab. Das beschleunigt die Abwertung zusätzlich. Die schwächere Währung wiederum treibt unter anderem durch steigende Importkosten die Inflation an.

Diesen Kreislauf heizt Erdogan durch sein aufsehenerregendes "Bloomberg"-Interview noch einmal kräftig an. Denn er kündigt gleichzeitig an, nach der im Juni anstehenden Präsidentschaftswahl weitgehende Kontrolle über die Zentralbank zu übernehmen, und gibt zu erkennen, dass er Ursache und Wirkung beim Zusammenspiel von Leitzinsen völlig durcheinanderbringt. Daran, dass er die Wahl gewinnt, lässt Erdogan dabei überhaupt keinen Zweifel erkennen.

"Unabhängige" Zentralbank soll sich nach dem Präsidenten richten

Auf Nachfrage des Moderators, der offensichtlich nicht ganz glauben kann, was er vom Präsidenten einer der 20 größten Volkswirtschaften der Welt hört, liest Erdogan von einem Zettel die aktuellen Leitzinsen und Inflationsraten verschiedener Länder von Argentinien bis Großbritannien ab und rechnet dem Journalisten die jeweilige Differenz vor. Der Journalist rätselt sichtlich, was Erdogan mit der Aufzählung dieser sogenannten Realzinsen sagen möchte. "Es ist interessant, dass sie das Spektrum dieser verschiedenen Länder nennen. Ich bin neugierig, ob Sie denken, dass die Zahl Null sein sollte?" Falsch geraten! Man müsse sich die "Ursache und Wirkung" anschauen, führt Erdogan dagegen aus. Seine Beispiele sollten zeigen: "Je niedriger die Zinsen sind, desto niedriger ist die Inflation."  

Damit stellt Erdogan die Grundlagen der Geldpolitik auf den Kopf: Zentralbanken erhöhen die Leitzinsen regelmäßig in Reaktion auf zu hohe Inflation, um dem Wirtschaftskreislauf Geld zu entziehen und einen Anstieg der Preise zu begrenzen. Das geschah etwa kürzlich im von Erdogan als Beispiel angeführten Argentinien. Dagegen senken Zentralbanken die Zinsen, um mehr Geld in die Wirtschaft zu pumpen, wenn ihnen - wie derzeit in der Eurozone - die Inflation zu niedrig erscheint.

Dass eine wie von Erdogan in Aussicht gestellt Zinssenkung zum jetzigen Zeitpunkt die Inflation massiv anheizen und zum Zusammenbruch der Lira führen dürfte, sagt der freundliche Bloomberg-Journalist so nicht. Die Türkei werde künftig wohl Geldpolitik "auf einer ganz anderen Grundlage als der Rest der Welt betreiben", wendet er stattdessen ein. Doch das scheint Erdogan schlicht nicht zu glauben. Zinsentscheidungen würden in den USA, Argentinien oder auch Deutschland genauso getroffen, entgegnet er. Zudem versichert Erdogan, die türkische Zentralbank bleibe "natürlich" unabhängig. Sie müsse sich dabei allerdings nach den "Signalen" des Präsidenten richten.  

Quelle: n-tv.de