Wirtschaft

Lira stürzt ab, Inflation wütet Erdogan zieht in den "Unabhängigkeitskrieg"

2021-11-23T112206Z_592582707_RC2B0R999T8Q_RTRMADP_3_TURKEY-CURRENCY.JPG

Erdogan bezeichnet sich als "Zinsgegner".

(Foto: via REUTERS)

Die türkische Währung ist im freien Fall, die Inflation gewinnt an Fahrt. Präsident Erdogan sieht finstere Mächte am Werk und kündigt an, gegen die hohen Zinsen zu kämpfen. Für sein Land bedeutet das nichts Gutes.

Recep Tayyip Erdogan hat den "wirtschaftlichen Unabhängigkeitskrieg" ausgerufen - sein Gegner sind die Zinsen. Der Kampf des türkischen Präsidenten "gegen die Mutter allen Übels" hat sein Land in eine tiefe Währungskrise gestürzt, während die Inflation außer Kontrolle zu geraten droht.

US-Dollar / Türkische Lira
US-Dollar / Türkische Lira 13,58

In Zahlen ausgedrückt: Die Währung Lira hat gegenüber dem Dollar in diesem Jahr fast die Hälfte an Wert verloren, allein im November brach der Kurs um knapp 30 Prozent ein. Im Oktober lag die Inflation bei 20 Prozent.

Das liegt vor allem daran, dass die - formell unabhängige - Zentralbank auf Geheiß Erdogans trotz Lira-Schwäche und hoher Inflation die Zinsen nicht erhöht, sondern sogar senkt. Mehrere Notenbankchefs hatte der Präsident innerhalb von zwei Jahren gefeuert, weil sie ihm zu renitent waren. Im Frühjahr installierte Erdogan Sahap Kavcioglu, der den Wunsch des Staatschefs gerne erfüllt - seit September hat die Notenbank den Leitzins von 19 auf 15 Prozent reduziert. Es besteht kaum Zweifel daran, dass es weiter abwärts geht. Vergangene Woche hatte Erdogan angekündigt: "Der Leitzins wird sinken. Wir werden nicht zulassen, dass hohe Zinsen unser Volk und unsere Bauern zermürben."

Derzeit sieht es allerdings eher so aus, als würden Lira-Verfall und hohe Inflation vielen Türken zusetzen. Sie können für ihr Geld immer weniger kaufen, während lebenswichtige Importe wie Energie und Rohstoffe noch teurer werden.

"Geschrei der Schwarzmaler"

Erdogan geht deshalb eine riskante Wette ein. Er will durch niedrige Zinsen und schwache Lira die Wirtschaft stimulieren. Denn türkische Produkte werden so auf dem Weltmarkt billiger und der Türkei-Urlaub für ausländische Touristen günstiger. Außerdem werde es attraktiver, Kredite aufzunehmen - bei 20 Prozent Inflation und 15 Prozent Zinsen ist der Realzins negativ. Tatsächlich ist die türkische Wirtschaft im dritten Quartal um 7,4 Prozent gewachsen. Der Internationale Währungsfonds geht davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr um 9 Prozent zulegt - das wäre eine der stärksten Raten weltweit.

Der Staatschef hofft, dass die Inflation bald vorübergeht und die aktuellen Probleme nur Kollateralschäden sind. Seine Regierung setze auf Wirtschaftswachstum, um dadurch Investitionen, Produktion, Exporte und Beschäftigung zu erhöhen, sagt Erdogan. Er achte nicht auf "das Geschrei der Schwarzmaler".

Ökonomen halten dagegen: Eine Lira im Tiefenrausch und hohe Inflationsraten würden diesen Plan sehr wahrscheinlich zunichtemachen. Die gesamte Wirtschaft könne in Mitleidenschaft gezogen werden, das türkische Finanzsystem gerate in Gefahr.

Doch Erdogan braucht unbedingt Wachstum. In spätestens anderthalb Jahren stehen in der Türkei Präsidentschaftswahlen an, und der amtierende Staatschef will wiedergewählt werden. Seine Popularität sinkt, und derzeit sieht es in Umfragen so aus, als werde Erdogan gegen die wahrscheinlichsten Herausforderer verlieren.

Unorthodoxe Zins-Theorie

Als Erdogan vor fast 20 Jahren an die Macht kam, lag das auch daran, dass er Wachstum und stetig wachsende Einkommen versprach. Viele Jahre hatte er dieses Versprechen gehalten. Dabei half ihm zunächst ein IWF-Programm, das vor seiner Präsidentschaft vereinbart worden war. Später wurde das Wirtschaftswachstum durch einen enormen kreditfinanzierten Bau-Boom angefeuert, der mittlerweile aber ein Ende gefunden hat. Auch durch die Corona-Krise kam die Türkei vergleichsweise gut durch einen schuldenfinanzierten Aufschwung.

Nachhaltig ist das allerdings nicht. Doch bis zu den Präsidentschaftswahlen wird der selbsternannte "Zinsfeind" seinen Kurs aller Voraussicht nach nicht ändern. Dazu passt, dass Erdogan entgegen der ökonomischen Lehre der Meinung ist, dass hohe Zinsen für eine hohe Inflation sorgen und niedrige Zinsen für eine niedrige Inflation. Er habe Wirtschaft studiert und kenne sich aus, sagt der Staatschef.

In den Wirtschaftswissenschaften wird eine andere Logik vertreten. Demnach wirken höhere Zinsen tendenziell preisdämpfend, weil sie Kredite verteuern. Zudem lohnt sich Sparen mehr. Das heißt: Unternehmen investieren weniger, Verbraucher konsumieren weniger. Dadurch sinkt die Nachfrage nach Produkten, und es wird schwieriger, Preiserhöhungen durchzusetzen.

Erdogan macht derweil konsequenterweise Kräfte wie etwa eine ominöse "Zinslobby" für Inflation und Währungsverfall verantwortlich, die sich auf Kosten der Türkei bereichern wolle. Er werde Forderungen von "Opportunisten" und "globalen Zins-Akrobaten" nicht nachgeben, wütet der Präsident.

Geld fließt aus der Türkei

Doch die Kräfte des Finanzmarkts und ökonomische Gesetzmäßigkeiten werden für Erdogan zunehmend zum Problem. Verschlimmert wird die Situation, da so ziemlich jede Notenbank - außer der türkischen - die Geldpolitik verschärft hat oder einen solchen Schritt vorbereitet. Vor allem die von der US-Fed eingeleitete Zinswende setzt den Währungen von Schwellenländern wie der Lira zu. Denn der Dollar-Raum wird für Anleger dadurch attraktiver.

Die Türkei hat in den vergangenen Jahren wirtschaftlich enorm davon profitiert, dass viel Geld aus dem Ausland in das Land geflossen ist. Das lag zu einem großen Teil an der ultra-lockeren Geldpolitik in den USA und der Eurozone. Weil das die Zinsen dort in den Keller drückte, suchten Investoren anderswo nach Rendite und fanden sie beispielsweise in der Türkei. Nun dreht sich die Entwicklung um. Die Türkei leidet auch deshalb besonders darunter, weil das Land durch dauerhaft hohe Inflation für Investoren an Attraktivität verliert. Denn Anleger dürfen mit einer schnellen Entwertung ihres Geldes rechnen. Ein Teufelskreis: Die Inflation trägt dazu bei, dass Geld abfließt und damit die Währung fällt. Und die fallende Währung heizt die Inflation an.

Die Folgen von Währungskrise und Inflation sind in der Türkei bereits zu sehen. Türken dürfen ihre Bankguthaben auch in ausländischer Währung halten. Angesichts der hohen Inflation wandeln viele ihre Ersparnisse in Euro oder Dollar um. Der "Financial Times" (FT) zufolge machen Fremdwährungen mittlerweile 55 Prozent der Einlagen im Bankensektor aus.

Damit droht ein weiterer Teufelskreis: Je mehr Lira in eine andere Währung getauscht werden, umso stärker gerät der Kurs unter Druck. Damit steigt der Druck, sich von eigener Lira zu trennen. In der Türkei gibt es einen Ansturm auf iPhones, weil die Smartphones und andere Elektronikprodukte als ein Wertaufbewahrungsmittel betrachtet werden. Eine große Gefahr ist, dass die Bevölkerung das Vertrauen in die Banken verliert und versucht, ihre Konten zu räumen. Zu einem solchen Bank Run war es 2001 gekommen.

Hinzu kommt, dass die Türkei Energie und Rohstoffe importiert. Eine abwertende Währung führt damit schnell zu steigenden Preisen, die Verbraucher und Unternehmen zu spüren bekommen.

Schulden in Dollar, Tilgung in Lira

Damit nicht genug: Die Türkei hat sich in den letzten Jahren massiv in Fremdwährung verschuldet. Nach Angaben der "FT" bestehen 60 Prozent der Verbindlichkeiten des Staates nicht in Lira. Auch Unternehmen haben Kredite in ausländischen Währungen aufgenommen. Im September stand der private Sektor im Ausland mit knapp 172 Milliarden Dollar in der Kreide - ein Großteil davon muss innerhalb der nächsten zwölf Monate zurückgezahlt werden. Das ist deshalb ein Problem, weil Schuldendienst und Tilgung etwa von Dollar- oder Euro-Verbindlichkeiten in immer wertloserer Lira erwirtschaftet werden müssen.

Am Freitag werden in der Türkei die Inflationsdaten für November veröffentlicht. Und am 16. Dezember entscheidet die Zentralbank über die nächste Zinssenkung.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.