Wirtschaft

Bund-Rendite über null Prozent Es gibt wieder Zinsen - oder doch nicht?

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Die zehnjährigen Bunds, die wichtigste Anleihe der Eurozone, rentierte am Mittwoch mit 0,1 Prozent.

(Foto: imago images/IlluPics)

Erstmals seit 2019 springt die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen wieder über die Nulllinie. Hintergrund sind die steigende Inflation und das Umsteuern der Notenbanken. Scheint logisch, wundern tut es trotzdem. Sparer und Sparerinnen können noch nicht aufatmen.

141 Wochen hat es gedauert, wie Christian Kopf ausgerechnet hat. Nun ist die Rendite für Bundesanleihen mit zehnjähriger Laufzeit erstmals seit 7. Mai 2019 wieder positiv. Diese Bewegung war erwartet worden angesichts eines weltweit steigenden Zinsniveaus. "Hohe Inflationsraten sowie die geldpolitische Wende der US-Notenbank Federal Reserve und anderer wichtiger Notenbanken lassen fast überall auf der Welt die Anleiherenditen steigen. Die Eurozone macht da keine Ausnahme", sagt Kopf, der bei Union Investment in Frankfurt das Portfoliomanagement Renten leitet.

Die zehnjährigen Bunds, die wichtigste Anleihe der Eurozone, rentierte am Mittwoch mit 0,1 Prozent. Das klingt wenig, doch dahinter steht ein starker Anstieg insbesondere in den vergangenen Wochen. Aktuell liegt die Rendite nämlich laut Bloomberg-Daten 38 Basispunkte höher als vor einem Monat und 53 Basispunkte höher als vor einem Jahr. Der Anstieg am sogenannten langen Ende der Zinskurve, in der langfristige Wachstums- und Inflationserwartungen eingepreist werden, ist deutlich stärker als am kurzen Ende. Die zweijährige Bundesanleihe rentiert noch immer mit minus 0,58 Prozent, das ist nur ein Anstieg von 16 bzw. 14 Basispunkten auf Monats- und Jahressicht. Für Sparerinnen und Sparer ist das eine schlechte Nachricht, denn viele Banken orientieren sich an der Rendite zweijähriger Bundesanleihen. Damit dürften Negativzinsen so schnell nicht verschwinden.

Dennoch hat der Renditeanstieg erheblichen Einfluss auf die Geldanlage, weil bei steigenden Renditen die Kurse der Bonds fallen. Weil die Bundesanleihen aktuell keinen Kupon zahlen, entstehen somit quasi automatisch Verluste im Depot.

Auch wenn der Sprung über die Nulllinie logisch ist, so ist er aus zwei Gründen zugleich erstaunlich. Zum einen wegen der Erwartungen an die Europäische Zentralbank (EZB), die sich in der noch immer deutlich negativen Zweijahres-Rendite zeigen. In einer aktuellen Reuters-Umfrage haben sich nahezu alle 39 befragen Ökonomen festgelegt, dass die Euro-Notenbank in diesem Jahr nicht mehr die Zinsen anheben wird, den steigenden Inflationsraten zum Trotz. Die Umfrage-Teilnehmer sind nur in der Frage gespalten, ob der erste Zinsschritt im ersten oder zweiten Halbjahr 2023 erfolgen wird. Zugleich erklärten 85 Prozent der Befragten, sie rechnen mit einem Auslaufen der EZB-Anleihekäufe im ersten Halbjahr 2023. Der Kauf von Anleihen wirkt wie eine Zinssenkung, sodass die Notenbank schon ohne eine klassische Zinserhöhung die Marktzinsen langsam und kontrolliert steigen lassen kann mit einem sogenannten Tapering, also dem Auslaufen ihrer Käufe.

Zu den wenigen, die mehr Tempo von der EZB verlangen, zählt Jörg Angelé, leitender Volkswirt beim Vermögensverwalter Bantleon aus Hannover. "Null- und Negativzinsen sind reine Notfall-Maßnahmen", sagte er zu Reuters. "Es wäre für die EZB besser, frühzeitig ihre ultralockere Geldpolitik in kleinen Schritten umzukehren. Wenn sie zu lange wartet, riskiert sie gezwungen zu sein, voll auf die Bremse treten zu müssen, was mit einer Rezession enden könnte."

Der jüngste Renditeanstieg ist jedoch noch aus einem zweiten Grund bemerkenswert. Typischerweise schichten Anleger in Phasen erhöhter Unsicherheit aus Aktien in Staatsanleihen um. Mit steigender Nachfrage nach Bonds legen deren Kurse zu und die Marktrenditen fallen. Da diese aktuell aber zulegen, scheinen die Märkte vor allem mit dem Thema Inflation und Geldpolitik beschäftigt zu sein. Die Gefahr eines von Russland ausgelösten Krieges in Europa, der auch die USA betreffen würde, scheint für Investoren derzeit kein großes Risiko zu sein. Das kann allerdings schnell kippen, denn meistens sind die Märkte auf ein Thema fixiert, und das heißt derzeit Inflation.

Schlupfloch gegen Negativzinsen

Volkswirte wie Christian Kopf oder Oliver Eichmann von der DWS rechnen mit einem Anstieg der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen im weiteren Jahresverlauf auf 0,2 Prozent. Auch wenn die Banken deshalb nicht die Sparzinsen anheben, so bietet dies Anlegerinnen und Anlegern doch möglicherweise ein Schlupfloch, um Negativzinsen zu umgehen. Zwar muss man je nach Anlagehorizont genau rechnen, doch der Kauf einer zehnjährigen Bundesanleihe kann bei anhaltenden Negativzinsen von 0,5 Prozent auf Sparkonten durchaus sinnvoll sein.

Der Kurs liegt aktuell wegen der positiven Rendite knapp unter dem Emissionskurs von 100 Prozent. Wer den Bonds bis zur Rückzahlung hält bzw. halten kann, erhält vom Bund die 100 Prozent zurück (abgesehen von Transaktionskosten natürlich). Die kleine Differenz spiegelt die Rendite von 0,1 Prozent wider. Steigen die Renditen stärker als prognostiziert, so fällt der Kurs zwar weiter, aber der Rückzahlungsbetrag bleibt gleich. Fallen die Renditen hingegen wieder, etwa weil Russland die von ihm inszenierte Ukraine-Krise eskaliert, und die Flucht in Sicherheit die Kurse steigen lässt, so erzielen Anleger einen kleinen Kursgewinn. Am Ende der Laufzeit gibt es dann die 100 Prozent vom Bund zurück. Im Notfall ist die zehnjährige Bundesanleihe hochliquide, also täglich handelbar. Und wer für lange Zeit Geld parken möchte, ist damit möglicherweise besser bedient als mit Negativzinsen auf dem Tagesgeldkonto.

Der Artikel erschien zuerst bei Capital.de.

Quelle: ntv.de

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